Die Landreform frisst ihre Kinder

In Simbabwe versucht Präsident Robert Mugabe seine Versäumnisse der letzten Jahrzehnte durch eine politisch instrumentalisierte und chaotische Landreform wettzumachen. Das geht nicht nur auf Kosten des weißen Großgrundbesitzes, sondern auch zu Lasten der schwarzen LandarbeiterInnen und der gesamten Volkswirtschaft.

Von Peter Kuthan
Wenn es um die Landreform und gegen die (ehemaligen) Kolonialherren geht, kann Präsident Robert Mugabe auf der Weltbühne der Gipfeltreffen mit respektvollem Applaus rechnen. Auf dem Gipfel der Afrikanischen Union im Juli 2004 in Addis Abeba rühmte er sich, „über elf Millionen Hektar gestohlenes Land wiedererlangt zu haben, ohne einen Cent dafür zu zahlen“. Und bei der UNO-Generalversammlung im September pries er die „beschleunigte Reform“ als „signifikanten Beitrag für einen wirtschaftlichen Umschwung“ des Landes.
Die Realität in Simbabwe sieht anders aus. Der einstige „Brotkorb des Südlichen Afrika“ kann einen großen Teil seiner eigenen Bevölkerung nicht mehr ernähren und demontiert seinen tragenden Agrarsektor. Weite Landstriche, die früher agro-industriell bewirtschaftet wurden, sind auf das Subsistenz-Niveau von Kleinbauern zurückgeworfen oder liegen überhaupt brach.
Simbabwe bleibt weltweit das Land mit der am schnellsten schrumpfenden Wirtschaft, der höchsten Inflation, einem in wenigen Jahren halbierten Brutto-Nationalprodukt pro Kopf und einem auf über 70% der Bevölkerung gestiegenen Anteil von Menschen, die unter der Armutsgrenze leben.
Während die Maisernte weit hinter den hochgesteckten Zielen zurückbleibt, meldet UNICEF einen deutlichen Anstieg von Unterernährung bei Kindern. Maismehl ist zeitweilig nur zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt zu haben. Eine mittlere Familie würde 1,5 Mio. Simbabwe-Dollar pro Monat für das Lebensnotwendigste brauchen, ein Großteil der Beschäftigten verdient aber nicht einmal die Hälfte davon.

Hungerhilfe als politische Waffe? Die oppositionelle MDC wirft der Regierung vor, die Knappheit auszunutzen, um die Hungerhilfe bei den bevorstehenden Parlamentswahlen Ende März erneut als politisches Druckmittel einsetzen zu können. Das Grundnahrungsmittel Mais werde oft nur gegen Vorweis einer Mitgliedskarte der Regierungspartei ZANU-PF ausgegeben während bekannte AnhängerInnen der Opposition abgewiesen würden.
Nicht minder dramatisch ist der Rückgang des Viehbestands innerhalb von vier Jahren von 1,4 Mio. auf gerade einmal 210.000 Rinder. Die Tabakernte, früher mit 40% Devisenbringer Nummer eins, bewegt sich vom früheren Rekordniveau von 238.000 Tonnen pro Jahr auf einen Tiefpunkt um die 50.000 Tonnen zu.
Landumverteilung im großen Stil: Ende 2000 begann mit einer Serie von Farmbesetzungen der euphemistisch als Fast Track - also beschleunigt - bezeichnete neuerliche Anlauf zur Landreform. Sogenannte Kriegsveteranen erklärten sich zur Speerspitze eines neuerlichen Chimurenga, also „nationalen Befreiungskampfes“, fielen in Farmen ein und vertrieben die weißen Siedler. Kurz zuvor hatte Mugabe sein Referendum über eine entschädigungslose Enteignung von Farmen verloren. Sollten die Besetzungen vorerst dieses erstmalige Misstrauensvotum vergessen machen und so etwas wie einen Volksaufstand der Landlosen signalisieren, so verselbständigten sie sich aufgrund der herrschenden Unzufriedenheit und des wachsenden Bevölkerungsdrucks rasch zu einer ausufernden Bewegung, die am Höhepunkt 1.700 Großfarmen besetzt hatte, die umgehend per Dekret enteignet wurden.
Ausländische Medien hatten damals fast ausschließlich das Schicksal der weißen Farmer im Auge. Tatsächlich waren von der Gewalt vor allem die schwarzen FarmarbeiterInnen und deren Familien betroffen. Noch 1999 waren auf den kommerziellen Großfarmen über 320.000 ArbeiterInnen beschäftigt, die mit ihren Hungerlöhnen für mehr als 1,8 Mio. Angehörige zu sorgen hatten. In der Mehrzahl wurden sie vertrieben und verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern auch Unterkunft und soziale Anbindung. Von ursprünglich 4.500 weißen Großfarmen sind gerade noch 500 in Betrieb, und ein Ende der Enteignungen ist nicht abzusehen.

Neueste Daten sprechen von insgesamt 225.000 Haushalten, die 7,4 Mio. Hektar zugeteilt bekommen haben. Während der ersten Phase der Reform in den 1980er Jahren wurden vergleichsweise bescheidene 3,3 Mio. Hektar an 56.000 Haushalte verteilt. Das war Staatsland und Farmen, die weiße Siedler entweder verlassen oder verkauft hatten. Die neu angesiedelten Bauern sehen sich aber trotz großer Anstrengungen fast unüberwindbaren Schwierigkeiten gegenüber. Ende Dezember war erst ein Viertel des verfügbaren Landes bestellt. Trotz staatlicher Starthilfen fehlt es an Saatgut, Düngemitteln, Traktoren und Kredit. Jetzt rächt sich für die Kleinbauern auch die über Jahre propagierte Umstellung auf importierte Hybridsorten anstelle des genügsameren und klimatisch angepassten einheimischen Saatguts.

Manche UmsiedlerInnen kehren zu traditionellen Anbaumethoden zurück und helfen sich gegenseitig, indem mehrere Familien gemeinsam nacheinander ihre Felder bestellen - das traditionelle Nhimbe-System. Viele haben aber ihre Familienangehörigen und sogar Vieh in den Communal Areas zurückgelassen, den ehemaligen Reservaten, die ihnen nach der Landnahme der Briten zugewiesen wurden, weil der Anspruch auf das neue Land so unsicher ist. Ihr „Occupation Permit“ kann jederzeit widerrufen werden, denn das Land bleibt im Eigentum des Staates. Sie dürfen nicht einmal eine feste Behausung errichten, geschweige denn ihre Toten begraben. Kein Wunder, dass viele UmsiedlerInnen die wenigen verbliebenen Bäume fällen und als Brennholz verkaufen, statt das Land zu bestellen. Oder sie verwenden den Draht der Weidezäune für Schlingen, um Wildtiere zu jagen. Abholzung, Bodenerosion und groß angelegte Wilderei nehmen inzwischen in dem Land, das einst für sein Umweltmanagement gerühmt war, das Ausmaß einer ökologischen Katastrophe an.
Damit wiederholt die Fast Track Reform die Fehler des ersten Anlaufs in den 1980er Jahren: es wird zwar Land umverteilt, aber das vom kolonialen, rhodesischen Siedlerregime übernommene System nicht grundlegend sozial und ökonomisch umgestaltet. Neu ist, dass in die Eigentumsrechte der weißen Großgrundbesitzer - durch das Lancasterhouse Abkommen von 1979 für zehn Jahre als unantastbar erklärt - erstmals radikal eingegriffen wird. Aber die Ausrichtung auf ein primär auf Export statt auf lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe orientiertes Agrarsystem bleibt aufrecht. Damit wird die massive Input- und Importabhängigkeit des kommerziellen Farmsektors beibehalten. Die typischen Monokulturen wie Tabak oder Baumwolle ruinieren weiterhin die natürlichen Grundlagen und biologische Vielfalt der Landwirtschaft. Eine tiefgreifende Veränderung wird auch von der rapide gewachsenen Zahl der schwarzen Großfarmer und deren Geschäftspartnern gebremst. Diese wurden schon im kolonialen Rhodesien gezielt als eigene Klasse geschaffen und machten sich Denken und Wirtschaftsformen der britischen Siedler zueigen.

Der Staat hält die Umsiedler völlig rechtlos und behält sich die totale Kontrolle über das Land vor. Es gibt wenig Unterstützung und kaum Zugang zu den vergünstigten Inputs und Krediten, wie er für die weißen Großfarmer auch unter Mugabe noch selbstverständliches Privileg war. Der vordergründige Nationalismus ist angesichts der Preisgabe eines wirklich sorgfältig geplanten und auf nachhaltige Selbständigkeit ausgerichteten Weges der Agrarreform nur hohle Phrase. Das politische Kalkül des blanken Machterhalts tritt zunehmend ans Tageslicht. Die vermeintlichen Nutznießer werden zu Opfern, die Landreform frisst ihre Kinder.
Tatsächlich sehen sich inzwischen viele LandbesetzerInnen mit ihrer eigenen Vertreibung konfrontiert, so die 1.500 „wilden“ SiedlerInnen, die im September 2002 die Little England Farm in Mashonaland West besetzt hatten. Die Farm soll jetzt geräumt und auf 51 mittelgrosse Einheiten aufgeteilt werden. Die Zustelladresse der Nutznießer ist in 19 Fällen Präsident Mugabes Statehouse. Es handelt sich also um seine Hausangestellten und sicher nicht um qualifizierte Masterfarmer.
Das sind aber nur die kleinen Fische. Im Zuge des erbitterten Machtkampfs um die Nachfolge Mugabes und um die weitere Plünderung des Landes gibt es auch Opfer auf höherer Ebene. Nachdem das Zusammenraffen von Farmen durch die politische Elite allzu offenkundig wurde, mussten angesichts der bevorstehenden Wahlen und unter der Flagge der „Korruptionsbekämpfung“ etliche Minister und Parteifunktionäre überzählige Farmen wieder räumen.
Die Landfrage ist im ganzen südlichen Afrika virulent, das zeigt nicht nur der eingangs erwähnte Applaus für Mugabe, der in den Nachbarländern besonders stark ausfällt. Geht es doch um die Nahrungssicherheit und die Positionierung der ganzen Region im Kontext der globalen Neuordnung der Wirtschaftsbeziehungen. Die gegenwärtige Krise in Simbabwe ist deshalb - bei aller Gefahr einer weitergehenden Zuspitzung und Militarisierung des Konflikts - auch eine Chance für eine neue Orientierung und Aufstellung der Kräfte. Sowohl im lebhaften Diskurs im Internet wie auch im Konflikt um eine aus Harare deportierte Gewerkschaftsdelegation zeigen sich Ansätze zu neuen Perspektiven und Allianzen, vielleicht auch quer zu den gegenwärtig verhärteten Fronten.

Der Autor ist Afrika-Experte und Konsulent für Evaluierung in der OEZA.

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