Die Last der Vergangenheit

Frankreich und Algerien haben 2003 zum „Jahr Algeriens“ erklärt. Doch 41 Jahre nach dem Ende des Befreiungskriegs fällt ihnen der Blick in eine gemeinsame Zukunft immer noch schwer.

Von Hans-Hagen Bremer
Es war ein Empfang, wie ihn Jaques Chirac noch nie zuvor erlebt hatte. Zu Hunderttausenden säumten die BewohnerInnen Algiers die Straßen, als er Anfang März zum ersten Staatsbesuch eines Präsidenten der einstigen Kolonialmacht in dem seit 1962 unabhängigen nordafrikanischen Land eintraf. Immer wieder wurden Sprechchöre „Chirac“, „Chirac, Rais uno“ (unser Präsident) skandiert und die Marseillaise angestimmt. Zu Ehren Chiracs hatte der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika das Zeremoniell für Staatsbesuche eigens anreichern lassen. Weder Chiracs Amtsvorgängern Valéry Giscard d’Estaing und François Mitterrand, die freilich nur zu protokollarisch niedriger eingestuften Arbeitsbesuchen nach Algerien gekommen waren, noch anderen Staatsgästen von Rang, auch nicht dem Kubaner Fidel Castro oder dem Ägypter Gamal Abdel Nasser, ist jemals ein solcher Triumph zuteil geworden.
Chiracs Visite bildete den Auftakt zu dem „Jahr Algeriens“, das die Regierungen in Paris und Algier für 2003 ausgerufen haben. In Ausstellungen, Konferenzen und Konzerten sollen die Franzosen Gelegenheit haben, die Kultur des südlichen Anrainerstaats des Mittelmeers näher kennenzulernen. 41 Jahre nach dem Ende des Befreiungskampfs will Präsident Chirac das Werk de Gaulles vollenden und die Fundamente für die nach dem Friedenschluss von Evian ausgebliebene Aussöhnung legen. Als junger Unterleutnant hatte er 1956 selbst am Krieg teilgenommen. Nun beschwor er die „gemeinsame Zukunft“ und legte einen Kranz am Mahnmal für die Märtyrer des Unabhängigkeitskrieges nieder. Es war eine überfällige Geste.

Das Streben um einen Ausgleich mit Algerien ist Teil des politischen Designs Chiracs für die Beziehungen Frankreichs zum gesamten Maghreb, der seit einiger Zeit auch wieder stärker von den USA umworben wird. Dieses Bemühen trifft sich mit dem Interesse, das auch der frankophile Bouteflika an besseren Beziehungen zu Frankreich hat. Bouteflika braucht die Annäherung an Frankreich auch, um 2004 von den Generälen, die nach wie vor die eigentlichen Machthaber in Algier sind, die Unterstützung für die Bewerbung um eine neue Amtszeit zu erhalten.
Vom Neuanfang, der nach deutsch-französischem Vorbild zu einer „priviligierten Zusammenarbeit“ führen soll, sind beide Länder jedoch weit entfernt. Noch immer wird der Blick in die Zukunft durch eine Geschichte belastet, die, wie es „Le Monde“ formuliert, beiden gemeinsam ist und beide trennt.
Sie begann 1830 mit der Eroberung Algiers durch französische Truppen. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis sich Frankreich gegen den muslimischen Widerstand durchsetzte und das ganze Land unterworfen hatte. Die Verwaltung des Nordens wurde in drei „französischen Departements“ organisiert. Bürgerrechte hatten allerdings nur die aus Frankreich kommenden „Colons“. Während die ihrer traditionellen Herrschafts- und Wirtschaftsform beraubten MuslimInnen verarmten, entwickelte sich die neue Kolonie zu einer Perle des französischen Empire. Die Kolonisierung brachte den Algeriern zwar eine zivilisatorische Modernisierung. Doch sie war für viele mit der Abwanderung in die Städte und nach Frankreich verbunden. 25.000 Algerier fielen im Ersten Weltkrieg für Frankreich, eine vielleicht noch größere Zahl im Zweiten Weltkrieg. Doch die „Fellahs“ blieben Bürger zweiter Klasse. Das Bürgerrecht, das de Gaulle 1944 für Algerier einführte, war auf die Eliten beschränkt.

Eine Demonstration von Algeriern, die am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes in Europa, in Constantine die Autonomie ihres Landes innerhalb des französischen Staates forderten, wurde von französischen Truppen niederkartätscht. Hier wurde die Lunte zu dem Krieg gelegt, der dann zu Allerheiligen 1954 ausbrach und mit Bombenanschlägen, Entführungen, Folter, Mord, standrechtlichen Erschießungen und Vertreibungen tiefe Spuren im Gedächtnis beider Völker hinterließ.
Während Paris zu anderen unabhängig gewordenen ehemaligen Kolonien bald ein relativ konfliktfreies Verhältnis fand, blieb der Verkehr mit Algier von Ressentiments und Missverständnissen geprägt. Stolz wiesen die Machthaber in Algier jede Einmischung aus Paris zurück. Frankreich vermochte es nicht, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen. Von den zwei Tabus, Vichy (Synonym für das französische Kollaborationsregime mit den Nazis 1940-44; Anm. d. Red.) und Algier, die nach einem Wort des Philosophen Bernard Henri-Levy das kollektive Bewusstsein der Franzosen in der Nachkriegszeit prägten, hielt sich das letztere am hartnäckigsten. Wegen Folterungen, die wie alle Kriegsverbrechen von de Gaulle amnestiert wurden, kann niemand mehr vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden. Erst 1998 bekannte sich Frankreich dazu, den Algerien-Krieg auch offiziell einen Krieg zu nennen. Ein Bekenntnis zur moralischen Schuld des Kolonialismus, wie es Bouteflika 2000 bei seinem ersten Frankreich-Besuch gefordert hatte, steht immer noch aus. Andererseits weigert sich Algier weiterhin, den nach dem Krieg nach Frankreich geflohenen Harkis, den einstigen Hilfswilligen der französischen Armee, die Einreise zu gestatten, von der Rückkehr ganz zu schweigen.

Die französisch-algerische Geschichte bestehe aus Schubladen, von denen jede klemmt, sagte der Schriftsteller Salima Chezali. Auch der Bürgerkrieg, der seit elf Jahren in Algerien wütet, belastet das beiderseitige Verhältnis. 1992 hatte Paris angesichts des Durchbruchs der Islamischen Heilsfront FIS die Entscheidung des algerischen Militärs noch begrüßt, die nächste Wahlrunde kurzerhand abzusetzen. Dem Strudel von Gewalt und Repression, der 200.000 Menschenleben kostete, konnte sich Frankreich in der Folge aber nicht entziehen. Die Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) beschuldigten Paris, das Regime zu unterstützen, und weiteten ihren Kampf auf Frankreich aus. Ähnliche Beschuldigungen des Beistands für die Gegenseite erhob auch das Regime, das seinerseits ebenfalls Frankreich in den Konflikt hineinzuziehen versuchte. Der Verdacht, dass hinter einigen Anschlägen in Frankreich der algerische Sicherheitsdienst stand, hält sich bis heute.
Nach neun Jahren Unterbrechung kündigte die Fluggesellschaft Air France für Ende Juni die Wiederaufnahme ihrer Flüge von Paris und Marseille nach Algier an. Seit der Airbus-Entführung 1994 war wegen der ungenügenden Sicherheitsgarantien der Flugverkehr eingestellt worden.
Französische Unternehmen wollen sich in Algerien nicht engagieren. MitarbeiterInnen mit Familien lassen sich nur schwer dorthin entsenden, zumal es in Algerien keine französischen Auslandsschulen gibt. Nur 13.000 Franzosen leben in Algerien. Etwa 160 französische Unternehmen sind nach Mitteilung der Französischen Industrie- und Handelskammer in Algerien vertreten. Die französischen Investitionen belaufen sich auf 500 Mio. Euro. Mit einem Drittel Anteil am algerischen Markt ist Frankreich vor Italien, Spanien und den USA der größte Handelspartner Algeriens. Die algerischen Lieferungen nach Frankreich bestehen zu 96 Prozent aus Gas und Erdöl. Frankreich, das mit 3,75 Mrd. Euro einen Überschuss von 750 Mio. Euro erzielt, exportiert hauptsächlich Autos, Medikamente und andere Fertigwaren. Mit 3,3 Mrd. Euro ist Frankreich auch der Hauptgläubiger Algeriens, dessen gesamte Auslandsverschuldung auf 28 Mrd. Euro veranschlagt wird.

Beide Länder würden sich wirtschaftlich „wunderbar“ ergänzen, meinte die Pariser Zeitung „La Tribune“. Algerien hat Rohstoffe und junge Arbeitskräfte, Frankreich das Kapital, die Technik und das Know-how, die Algerien fehlen. Doch nicht nur die Unsicherheit, auch die Bürokratie schreckt nach Meinung des französischen Unternehmerverbands Medef Investoren ab. Hinzu kommt die Korruption. Erdöl und -gas machen Algerien zu einem potenziell reichen Land. Doch die Einkünfte aus der Förderung der Bodenschätze kommen nicht dem Land zugute, sondern verschwinden in irgendwelchen Kanälen. Da auch kein französisches Kapital den Weg übers Mittelmeer findet, strebt die Arbeit suchende Jugend des Landes nach Frankreich. „Visa, Visa“, skandierten die jungen Leute bei Chiracs Besuch. 800.000 AlgerierInnen, fast jeder Dritte mit doppelter Staatsbürgerschaft, leben heute in Frankreich. Paris will aber keine zusätzlichen Einwanderer und weigert sich daher, die Visaerteilung für Algerier zu erleichtern.
„Algerien hat viele Gesichter, wir müssen sie entdecken!“, erklärte Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin zum Algerien-Jahr. Intellektuelle und Menschenrechtsgruppen beider Länder distanzierten sich vom Algerien-Jahr als einer „offiziellen Maskerade“. Das wahre Gesicht Algeriens sei das eines Landes, in dem Hunderte von Verdächtigen noch jeden Monat verschwinden, Tausende von Familien seit Jahren in Ungewissheit über ihre Angehörigen gehalten werden und das Regime die Verletzung der Menschenrechte in völliger Straflosigkeit mit Schweigen übergeht. „Algerien leidet. Es verlangt Wahrheit und Gerechtigkeit“, erklärte Amnesty International.

Der Autor ist langjähriger Korrespondent der Frankfurter Rundschau und anderer deutscher Zeitungen in Paris.

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