„Die Lebensgrundlage entzogen“

Bulu Imam ist seit fast 25 Jahren Koordinator der Karanpura-Kampagne. Mit dem nach Eigendefinition autodiktatischen lebenslangen Künstler sprach anlässlich seines Österreichbesuches Magdalena Jetschgo.

Die traditionellen Malereien aus der Region Jharkhand werden von den Künstlerinnen der Karanpura-Kampagne seit 15 Jahren in die ganze Welt hinaus getragen.

Südwind-Magazin: Was sind die Hauptanliegen Ihres Widerstandskampfes im Karanpura-Tal?
Bulu Imam:
Unser wichtigstes Ziel ist der Schutz des Landes der Adivasis, der Urbevölkerung, die dieses Gebiet seit Tausenden von Jahren bewohnt. Wenn wir es zulassen, dass der Kohletagbau in dieser Region weiter voranschreitet, wird dieses Land für immer zerstört und die Menschen, die es bewohnen, haben kein Zuhause mehr. Daher ist es unser Hauptanliegen, die Eröffnung neuer Abbaustätten zu verhindern. Der zweite Kampf, den wir führen, ist jener für den Erhalt der Kultur der ansässigen Bevölkerung, was ihre Religion und ihr eigenes Gesellschaftssystem miteinschließt. Es geht um ihre sozialen und kulturellen Rechte, das heißt um ihren Glauben, ihre Bräuche, ihre kulturellen Traditionen, wie das Bemalen ihrer Häuser, die Subsistenzlandwirtschaft, die auf Tauschkreisläufen beruht.

Die Regierung verspricht, uns Inderinnen und Inder zu entwickeln, doch in der Art und Weise, wie sie es für gut befindet. Das heißt, der indische Staat versichert mir mein Recht auf einen Platz zum Leben, auf Ernährung, Bildung, finanzielle Sicherheit usw. Worüber aber nicht gesprochen wird, ist, was er im Gegenzug dafür bekommen will. Er nimmt uns unser Land, unsere Wälder, unsere Kultur.

Das klingt nach total unterschiedlichen Auffassungen von „Entwicklung“.
Die indigene Bevölkerung hat ihre eigene Definition von Entwicklung. Diese deckt sich natürlich nicht mit dem, was sich die indische Regierung darunter vorstellt. Allerdings erfüllt die Regierung nicht einmal ihre eigenen Versprechen, die sie unter dem Titel der „Entwicklung“ den Menschen macht. Der indische Staat verspricht den Menschen, die aufgrund des Kohleabbaus aus ihren Dörfern vertrieben werden, neue Häuser. Die Menschen wollen allerdings lieber in ihren Lehmhäusern bleiben. Das passt aber nicht in das geplante Entwicklungskonzept des Staates, der Häuser aus Beton für diese Menschen vorsieht. Obendrein bekommen dann nicht einmal fünf Prozent der umgesiedelten Menschen diese Häuser. Den Menschen wurde jede Lebensgrundlage entzogen, indem man ihnen ihr Land wegnahm, und alles, was ihnen übrig bleibt, ist, in eine einige hundert Kilometer entfernte Großstadt zu ziehen und als Hausangestellte bzw. in einem Slum ihr Dasein zu fristen.

Woher nimmt die indische Regierung das Geld für derartige Großprojekte?
Der Großteil kommt von Krediten der Weltbank. Und anstatt die Häuser für die Vertriebenen zu bauen, stecken sie das Geld in die eigene Tasche. Ein sehr cleveres Konzept. Die Kredite werden nicht zurückgezahlt – die Minen sind die Hypothek dafür. Das ist Neoliberalismus. Dann tritt die nächste Regierung ihr Amt an. Diese fordert einen neuen Kredit, um das Land zu „entwickeln“. Um neue Straßen zu bauen und die alten zu zerstören, um die Wälder abzuholzen und so vieles mehr zu zerstören – das ist in ihrem Verständnis Entwicklung.

Was wird denn noch alles zerstört?
Die Moral. Die Korruption hat in Indien ein unfassbares Niveau erreicht, es sprengt alle Grenzen. Sogar der Premierminister wurde nun mit Korruptionsvorwürfen belastet. Ein Mann, der als nicht korrumpierbar galt. Aber wie kann jemand gegen so etwas immun sein, wenn das ganze System, dem er vorsteht, so korrupt ist?

Mehr Infos zur Kampagne auf www.karanpuracampaign.com

Magdalena Jetschgo studiert in Wien Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung und gewann im Vorjahr den JungjournalistInnen-Preis der Tageszeitung „Die Presse“ („Reporter 10“).

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