Die Leibwächter des Lebens

Von Werner Hörtner ·

Vor zwanzig Jahren wurden die „Internationalen Friedensbrigaden“ gegründet. Derzeit sind rund sechzig Freiwillige in Indonesien, Kolumbien und Mexiko im Einsatz, um durch ihre physische Präsenz bedrohte Menschenrechts- AktivistInnen zu schützen.

Alirio ist einer der lustigsten von allen. Immer wieder wirft er witzige Bemerkungen in die Runde und lacht selbst als erster darüber, und auch am lautesten. Seine rundliche Gestalt und das fröhliche Gesicht lassen sofort an einen Menschen denken, der die guten Seiten des Lebens zu schätzen weiß. Dennoch handelt es sich bei dem heiteren Mittvierziger um einen der gefährdetsten Menschen Kolumbiens.
Alirio Uribe Muñoz ist Anwalt und Universitätsprofessor in Bogotá. Er arbeitet im Anwaltskollektiv „José Alvear Restrepo“. Diese Kanzlei hat sich durch die Behandlung äußerst delikater Fälle von schweren Menschenrechtsverletzungen, in die oft das Militär verstrickt ist, einen Namen gemacht. Seit Jahren erhält er anonyme Todesdrohungen. Heuer wurde bekannt, dass er zusammen mit drei anderen Personen auf einer Todesliste steht, u.a. mit den Gewerkschaftsführern Alejo Vargas und Wilson Borja. Ersterer wurde kürzlich ermordet, auf Borja wurde vergangenen Dezember ein Attentat verübt, das er schwer verletzt überlebte.
In Kolumbien wurde der „schmutzige Krieg“ gegen Menschenrechts-AktivistInnen, Gewerkschaftsführer und ähnliche „systemgefährdende“ Menschen privatisiert, erklärt Alirio in einer Schweizer Kleinstadt am Bodensee, und das Gesicht dieser Privatisierung heißt Paramilitarismus. Aber die Drohungen kämen immer noch direkt vom Militär, und die Todeslisten würden auf Grund militärischer Geheimdienstberichte entstehen.
Solche Aussagen bedeuten in Kolumbien ein Todesurteil. Sie können hier mit Namensnennung wiedergegeben werden, da Alirio Uribe Muñoz ohnehin schon mit eingescanntem Foto und privater Wohnadresse im Heerescomputer als Todeskandidat registriert ist. Dass er überhaupt noch lebt, kann man als ein Wunder bezeichnen. Doch in diesem Fall hat das Wunder einen Namen: Peace Brigades International (PBI). Seit Ende März werden Alirio und andere bedrohte Mitarbeiter der Anwaltskanzlei fast rund um die Uhr von PBI-Freiwilligen begleitet.

Begonnen hat das Ganze als eine Initiative von Anhängern von Gandhis Methode der Gewaltlosigkeit. Auf einem Treffen in Indien und anschließend auf einer Konferenz in Kanada im September 1981 wurde der Aufbau einer internationalen Nichtregierungs-Organisation zum Schutz von bedrohten MenschenrechtsverteidigerInnen und Basisorganisationen in Konfliktgebieten beschlossen. Durch die Präsenz von internationalen AugenzeugInnen sollen Menschenrechtsverletzungen verhindert und für die betreffenden Organisationen Handlungsspielräume für ihre Arbeit gesichert werden.
In der Praxis sieht das so aus: Im sozialen oder im Menschenrechtsbereich tätige Gruppierungen oder Personen in einem Land, in dem PBI-Einsatzteams aktiv sind, können bei Bedrohung bei den „Friedensbrigaden“ um Schutzbegleitung ansuchen. Wenn bestimmte PBI-Grundsätze eingehalten werden – z.B. Gewaltfreiheit, Kampf mit demokratischen Mitteln für Gerechtigkeit und Frieden -, entsendet die Organisation Freiwillige, die die bedrohten AkteurInnen begleiten. Mindesteinsatz ein Jahr.
Das erste Großprojekt von PBI startete 1983 in Guatemala und sollte volle 16 Jahre lang andauern (auf Grund der sich verschlechternden Menschenrechtslage wird derzeit eine Rückkehr nach Guatemala überlegt). Später folgten Einsätze in El Salvador, Sri Lanka, Haiti, am Balkan und kleinere Engagements in Nordirland, Nicaragua, Südafrika und im Nahen Osten. Gegenwärtig sind etwa 60 Freiwillige in Kolumbien, Mexiko und Indonesien/Osttimor im Einsatz.

PBI hat schon viele Leben gerettet“, erklärte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung, einer der Festgäste auf der Jubiläumskonferenz der Peace Brigades anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens. Über 300 MitarbeiterInnen und FreundInnen der Organisation aus mehr als 50 Ländern trafen sich Ende Oktober im historischen Veranstaltungszentrum „Konzil“ in Konstanz (wo Anfang des 15. Jahrhunderts tatsächlich ein päpstliches Konzil stattfand) und am zweiten Tag in Romanshorn auf der Schweizer Seite des Bodensees.
Jürgen Störk, der Vorsitzende von PBI-Schweiz und einer der Organisatoren der Konferenz, hatte schon bei einer Pressekonferenz über das mangelnde Interesse der Medien an dieser Art von Friedensarbeit geklagt. Da von den in zwei Jahrzehnten eingesetzten 300 Freiwilligen – glücklicherweise – noch niemandem etwas passiert sei und die Schutzbegleitung eine unspektakuläre Arbeit im Hintergrund ist, besitzt sie keinen „News-Wert“. „Bei dieser Arbeit steht man immer im Schatten“, fasste Galtung seine eigenen entsprechenden Erfahrungen zusammen.

Nach dem Ende der Suharto-Diktatur 1998 trat Indonesien in eine Phase der Demokratisierung ein, die jedoch von starken religiösen, ethnischen und sozialen Konflikten gekennzeichnet und gefährdet war und ist.
Nach dem Unabhängigkeitsreferendum in Osttimor im August 1999 hatten grausame Massaker Hunderttausende zur Flucht in den westlichen Teil der Insel gezwungen. PBI führte in der Folge in West- und Osttimor zahlreiche Konfliktbearbeitungs-Seminare durch. Seit einem Jahr sind die Friedensbrigaden auch in Aceh im Einsatz, jenem nach Unabhängigkeit strebenden Konfliktherd im Nordwesten des Inselreichs, für den die neue Präsidentin Megawati Sukarnoputri eine weitreichende politische und wirtschaftliche Autonomie in Aussicht gestellt hat.
Der PBI-Grundsatz, bei Konflikten keine Partei zu ergreifen, sondern sich im Gegenteil mit allen Seiten gesprächsbereit zu zeigen und Dialog und Versöhnung zu fördern, hat in Indonesien sozusagen offizielle Anerkennung erhalten. Ende letzten Jahres hat die vom Parlament eingesetzte Nationale Menschenrechtskommission höchstpersönlich PBI zum Einsatz in Indonesien eingeladen.
Auch in Mexiko weisen, ähnlich wie in Kolumbien, die Spuren bei Verfolgung oder Bedrohung von Menschenrechts-AktivistInnen immer wieder Richtung Militär und Geheimdienste, und auch hier hat sich bei Verbrechen mit politischem Hintergrund die Praxis der Straflosigkeit etabliert. Da mutet es zynisch an, wenn Präsident Vicente Fox (vgl. den Mexiko-Bericht in diesem Heft) ausgerechnet einen General zum Justizminister ernennt, der dann zehn weitere hochrangige Offiziere auf Schlüsselpositionen des Justizressorts hievt.
Im vergangenen Jahr wurde in der Hauptstadt ein Projektbüro von PBI aufgebaut, Einsatzteams sind nunmehr in den Bundesstaaten Guerrero und Oaxaca aktiv. Gerade die Ermordung der Anwältin Digna Ochoa zeigt, dass sich die Friedensbrigaden in Mexiko auf einen langfristigen Einsatz vorbereiten müssen.
„PBI ist ein konkreter Ausdruck der Möglichkeit, ohne Waffen Frieden zu suchen. Sie zeigen ganz augenscheinlich, dass in dieser mit Hass gesättigten Welt nur der Weg der Gewaltlosigkeit zielführend ist“, lobte Pablo Romo, katholischer Friedensaktivist aus Chiapas, die Zielsetzungen von Peace Brigades International. Vorläufig sind in Mexiko elf Freiwillige aus Nordamerika und Europa dabei, diese Ziele umzusetzen.

Der Einsatz in den Projektländern wird von 15 Ländergruppen in Europa, Nordamerika, Australien und Indien getragen und weltweit von etwa 13.000 Mitgliedern und GönnerInnen unterstützt. Die Freiwilligen werden psychologisch und länderkundlich sorgfältig auf ihren Einsatz vorbereitet. Für den Fall akuter Bedrohung hat PBI zwei internationale Alarmnetze aufgebaut: ein „Dringlichkeitsnetz“ mit Tausenden von Privatpersonen, die innerhalb kürzester Zeit reagieren, und ein „Unterstützungsnetz“ mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die über ihre eigenen Kanäle intervenieren.
Die Arbeit wird den Peace Brigades leider nicht ausgehen. Zum Glück aber auch nicht das Interesse an ihrer Arbeit. In Tunesien, Indien und Nepal sind neue Ländergruppen im Aufbau begriffen.


A propos PBI-Österreich

Es wäre wünschenswert, dass sich auch in Österreich eine Ländergruppe der Peace Brigades International konstituieren würde. Das Internationale Sekretariat der PBI in London hofft schon seit langem auf diesen Schritt.
InteressentInnen werden gebeten, sich an folgende Adresse zu wenden:
Internationaler Versöhnungsbund, Lateinamerikakomitee

Tel. 01/408 53 32, ivb.rol@utanet.at.
Peace Brigades International hat einen sehr informativen, mehrsprachigen Website: www.peacebrigades.org.

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