Die letzten Wälder

Der Ausverkauf von Land hat in Paraguay eine lange Geschichte. Das beste Acker- und Weideland gehört Ausländern. Heute werden – gegen Recht und Gesetz – die letzten Refugien der indianischen Völker abgeholzt und in Sojaplantagen oder Weiden verwandelt.

Von Volker von Bremen
Abgezäunt: Der Lebensraum der letzten Nomadenvölker wird zu Weideland.

Dort wo die Ayoreos noch vor wenigen Jahren ihre Sommerdörfer anlegten, weidet heute Vieh auf rechteckigen Weideflächen. Eines der letzten Nomadenvölker im nördlichen Chaco-Gebiet Paraguays fand seinen Lebensraum niedergewalzt. Ein Brasilianer hat über 40.000 Hektar von einem paraguayischen General gekauft, der das Gebiet wahrscheinlich nie gesehen hatte. Wo wiederum dessen Landtitel herstammte, ist unklar – wie bei so vielen Landtiteln in dieser Region. Paraguay verfügt bis heute über kein aktualisiertes und verbindliches Grundbuch. Ein rechtmäßiger Landtitel allein genügt nicht, wenn Geld und politischer Einfluss im Spiel sind. Das musste eine Indigenengemeinde kürzlich wieder erfahren, als ihr rechtlich abgesichertes Land von Sojaproduzenten in Besitz genommen wurde.

Der Anbau von genmanipuliertem Soja und die Rindfleischproduktion sind die zentralen Motoren der exportorientierten Wirtschaft Paraguays. Heute ist Paraguay der viertgrößte Sojaproduzent der Welt. 2,5 Millionen Hektar, das sind 73% der Gesamtanbaufläche, dienen dem Sojaanbau mit einer jährlichen Gesamtproduktion von sechs Millionen Tonnen.

Im Westen des Landes, dem Gran Chaco, wo die Rinderzucht dominiert, schreitet die Zerstörung der Wälder dramatisch voran: Je nach Jahreszeit fallen täglich bis über 1.000 Hektar den Rodungsmaschinen zum Opfer, im vergangenen Jahr waren es unglaubliche 230.000 Hektar – nahezu die Fläche von Vorarlberg. Der Wettlauf um die letzten Wälder ist in vollem Gange. Hier konkurrieren ausländische mit nationalen Investoren, die alle für den Weltmarkt produzieren.

19,4% des nationalen Territoriums befinden sich im Besitz ausländischer Personen und Unternehmen. Der Ausverkauf des Landes hat eine lange Geschichte. Bereits im 19. Jahrhundert wurde der öffentliche Grund und Boden in großem Maß an ausländische Unternehmen verkauft, die an den reichen Holzbeständen interessiert waren, Mate für Tee anbauten oder extensive Rinderzucht betrieben. Riesige Latifundien entstanden. Nach dem Zensus von 1946 besaßen die 25 größten Grundbesitzer zwölf Millionen Hektar Land, fast alle waren Ausländer. Nach dem für Paraguay verheerenden Chaco-Krieg (1932-1935) kam eine liberale Militärregierung an die Macht, die eine Landreform einleitete. Ziel war, die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu stärken und die volkswirtschaftlich unproduktiven Latifundien zu zerschlagen.

Erst nach der politischen Linkswende unter Präsident Fernando Lugo wurde vom Parlament eine Kommission „Gerechtigkeit und Wahrheit“ eingesetzt, die unter anderem die Landverteilung untersucht hat. Laut ihrem Bericht erfüllen 64% der im Rahmen der Agrarreform vergebenen Gesamtfläche nicht die Kriterien. Ihre Besitzer hätten keinen Anspruch auf einen Titel. Für insgesamt 7,8 Millionen Hektar Land, das sich heute in Privatbesitz befindet, gibt es also keine rechtlich eindeutig geklärten Titel. Das entspricht 19,3% der Gesamtfläche von Paraguay.

Kleinbäuerinnen und -bauern und indigene Gemeinschaften, die Opfer von Landraub wurden, wissen jetzt zwar, dass sie im Recht sind, müssen aber auch weiterhin erfahren, dass das verbriefte Recht nicht für sie gemacht wurde. Manche schafften es, im Rahmen der Agrarreform landwirtschaftliche Kolonien, eine Art Genossenschaften, zu gründen. Doch im Allgemeinen war ihre Überlebensstrategie in weiten Bereichen immer die der Anpassung an die herrschenden Bedingungen, nachdem Bauernbewegungen zur Zeit der Stroessner-Diktatur (1954-1989) traumatische Erfahrungen mit staatlicher Gewalt machen mussten. Es war normal, alle paar Jahre vertrieben zu werden.

Der Chaco, eine karge Wald- und Buschregion, diente traditionell als Rückzugsgebiet, wenn Leute mit Landbesitzurkunden auftauchten und Anspruch auf das besiedelte Land anmeldeten. In der Praxis waren diese Leute immer stärker als die Verfassung, die alle, die 20 Jahre lang ein Stück Land bebaut haben, mit einem formalen Rechtsanspruch ausstattet. Freies Land ist heute nicht mehr zu finden. Selbst die letzten Winkel der immensen Waldregionen werden eingezäunt, gerodet, für Viehzucht im großen Stil umgewidmet, oder – im günstigsten Fall – unter Naturschutz gestellt.

Dies ist das Neue, Endgültige: Es gibt keine Nischen mehr für den Rückzug. Früher diente Land oft nur Spekulationszwecken. Aber in Folge des Sojabooms und der steigenden Lebensmittelpreise kontrollieren die heutigen Titelinhaber jetzt auch physisch vor Ort ihr Land. Selbst Jagen, Sammeln und Fischen wird denen, die auch ohne staatliche Rechtsordnung schon immer dort gesiedelt haben, de facto verboten. Kleinbauernfamilien können keine neuen Siedlungsnischen mehr finden.

Was bleibt? Entweder die Abwanderung in die Städte, zunehmend sogar ins Ausland, oder der Versuch, sich gegen die Vertreibung zur Wehr zu setzen. Doch im Zeitalter weltweiter Terrorismushysterie wird Widerstand gegen Unrecht schnell kriminalisiert. Obwohl sich die Regierung unter Präsident Fernando Lugo bemüht, demokratische Prinzipien umzusetzen, sind die alten Machtstrukturen stärker. Hinter der Kulisse formaler Rechtsstaatlichkeit gedeihen weiterhin Klientelismus und Willkür.

Der Autor ist Ethnologe und Mediator, Berater der deutschen Hilfswerke Brot für die Welt und Misereor.

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