Die Linke in Waffen

In ihrer Geschichte haben Teile der Solidaritätsbewegungen in den Industrieländern auch den bewaffneten Widerstand befürwortet und aktiv unterstützt. Paradebeispiel ist Mittelamerika in den 80er Jahren.

Von Ralf Leonhard
Waffen für El Salvador“ hieß die Kampagne, die jahrelang die deutsche Linke entzweite. Gesammelt wurde für die Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN), die sich gegen das Militärregime des zentralamerikanischen Zwergstaates erhoben hatte. Zwei Monate nach dem ersten Spendenaufruf am 3.November 1980 waren bereits umgerechnet 200.000 Dollar auf dem Konto eingetroffen. Bis zur offiziellen Einstellung der Kampagne nach dem Friedensschluss vom 16. Jänner 1992 wurden rund 2,43 Mio. Euro gesammelt und an das Zentralkommando der Rebellenfront übergeben. Manche spendeten nur einmal, in der Hoffnung, das korrupte Regime würde bald einer Revolutionsregierung Platz machen, andere richteten einen Dauerauftrag ein.
In Bremen opferte eine Gruppe engagierter LehrerInnen und ÄrztInnen jahrelang ein Zehntel des Weihnachtsgeldes. „Eine normale Veränderung, etwa auf dem Weg von Wahlen, war 1979/80 völlig ausgeschlossen.“ So begründete der Lehrer Frank Dwertmann seine Motive in der linken Berliner Tageszeitung taz, die das Konto bis zum Ende verwaltete.
Die Diskussion ging darum, ob die eng mit der Friedensbewegung verflochtene Linke den bewaffneten Kampf direkt unterstützen solle und dürfe. Manche hatten grundsätzliche Bedenken, andere fürchteten, dass am Ende nicht die demokratische Revolution herauskommen würde, von der man jahrelang träumte.

Wer damals vorausgesehen hätte, dass sich die FMLN nach dem Friedensschluss zwischen Anpassung und Spaltung aufreiben würde, hätte sein Geld wahrscheinlich lieber dem Tierschutzverein gespendet. Doch nach der anfangs erfolgreichen sandinistischen Revolution in Nicaragua schien der Umbruch in El Salvador, wo ja die sozialen Gegensätze und die Repression noch viel schärfer waren als in Somozas Nicaragua, unmittelbar bevorzustehen.
Nicaragua war mittlerweile zu einem Mekka der Linken geworden, wo selbst arglose EntwicklungshelferInnen (so hießen die damals noch) nichts dabei fanden, in Uniform mit den sandinistischen Milizen zu exerzieren. Wofür war nicht ganz klar. Denn Tonio Pflaum, Bernd Koberstein, Pierre Grosjean, Ben Linder und andere von den rechten Contras ermordete Freiwillige aus Europa und den USA hätten sich auch mit militärischer Ausbildung nicht retten können.

Trotzdem wurde 1986, nachdem die Konterrevolutionäre eine ganze Brigade aus Deutschland verschleppt hatten, in der Solidaritätsszene allen Ernstes diskutiert, ob man die Bau- und Erntebrigaden nicht bewaffnen solle. Zum Glück hielten die Sandinisten wenig von dieser Idee und sie wurde bald begraben.
Tatsächlich mitgekämpft haben aber mehrere europäische Linke in den Reihen der salvadorianischen FMLN. Einige gaben bald wieder auf, weil sie die Mühen des Lebens in den Bergen unterschätzt hatten, andere mutierten zu echten Guerilleros und blieben bis zum Schluss. Als die Rebellen im Laufe des Jahres 1992 ihre Waffen abgaben, legte auch ein Schweizer Staatsbürger, der sich mit dem Pseudonym Ramón vorstellte, zögernd seine Kalaschnikow nieder. Internationale Brigaden, wie sie im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik kämpften, wurden in El Salvador keine aufgestellt. Die meisten Freiwilligen beschränkten sich auf logistische Unterstützung oder medizinische Hilfe.

Inzwischen hat der revolutionäre Kampf seinen Glorienschein verloren. Ein militärischer Sieg der marxistischen FARC-Guerilla in Kolumbien mit allen voraussehbaren Folgen von politischer Säuberung, Sabotage und Konterrevolution ist auch für überzeugte Linke wohl eine noch erschreckendere Vorstellung als die Fortsetzung des althergebrachten Systems, in dem die korrupten Eliten alle Macht und allen Reichtum unter immer denselben Familien aufteilen. Es ist schwer vorstellbar, dass europäische Freiwillige sich dem bewaffneten Kampf in Kolumbien, im Kongo oder in Myanmar anschließen. Einzige Ausnahme ist die Zapatistenguerilla im mexikanischen Chiapas, die so attaktiv und überzeugend wirkt, weil sie eben nicht auf die Macht der Waffen setzt, sondern auf ihre moralische Autorität und damit das starre Klientelsystem ins Wanken gebracht hat.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen