Die Macht des Blicks

Die Klassifizierung und Bewertung von Körpern hat eine lange Geschichte. In der Kolonialzeit gewannen rassistische Politiken, die sich an Körpern orientierten, an Bedeutung, da sie die Ausbeutung bestimmter Bevölkerungsgruppen scheinbar legitimierten. Wie sich ihre machtvolle Wirkung bis heute fortsetzt, erklärt Lina Render de Barros.

Im Februar dieses Jahres mussten sich Fans der Sängerin Beyoncé gleich von zwei Schocks erholen: Zunächst sorgte ihr Musikvideo „Formation“ für Aufregung, in dem sich Beyoncé mit klaren Worten Schwarz* positioniert: „My daddy Alabama, Momma Louisiana / You mix that negro with that Creole make a Texas bama / I like my baby heir with baby hair and afros / I like my negro nose with Jackson Five nostrils / Earned all this money but they never take the country out me.“

Gleich darauf zeigte sie beim Superbowl, einem der wichtigsten Sportereignisse der USA, eine Performance des Songs, die in Kostümen und Choreographie klare Referenzen zur Schwarzen Widerstandsbewegung Black Panther aufwies. Die sozialen Netzwerke sprudelten unter #BoycottBeyonce und #SupportBeyonce empörte wie begeisterte Kommentare aus. Im Netz tauchten Videos von People of Color (PoC )* auf, die sich ironisch mit dieser medial deutlich gewordenen Form von Color Blindness* auseinandersetzten.

Die TV-Show Saturday Night Life veröffentlichte das Satirevideo „The Night Beyoncé Turned Black“, das sich sofort viral verbreitete: Es zeigt apokalyptische Szenen, in denen weiße* US-amerikanische Fans durch den Schock über die „Entdeckung“ von Beyoncés Blackness in Panik geraten. „Formation“ wird als ihr politischster Titel gefeiert, und so politisch wie ihre Selbstpositionierung sind in dem Video auch die deutlichen Bezüge zur Black-is-Beautiful-Bewegung der 1960er Jahre und zur aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung gegen rassistische Polizeigewalt.

Beyoncé und Baartman. Noch vor dem Streit um „Formation“, Beyoncé und ihr Bekenntnis zu Befreiungsbewegungen hatte es in diesem Jahr bereits Wirbel um die Sängerin gegeben, der ebenfalls von einem sehr politischen, jedoch weniger diskutierten Thema handelt – und auch hier ging es um Blackness und Körper: Es waren Gerüchte laut geworden, dass Beyoncé die Hauptrolle in einem Film über Saartjie „Sarah“ Baartman spielen solle, die im 19. Jahrhundert aus Südafrika nach Europa verschleppt wurde.

Aus Südafrika und den USA kamen Stimmen, die anführten, Beyoncé eigne sich Geschichten an, die nicht ihre wären. Baartman war eine Angehörige der Khoi-San, einer Bevölkerungsgruppe, die von europäischen Unterdrückern als Hottentotten bezeichnet wurde. Aufgrund kolonialrassistischer Vorstellungen von Körpern und sexistischer Sexualphantasien wurde Bartmaan als Objekt fetischisiert und exotisiert. Als „Hottentotten-Venus“ wurde sie in London und Paris wie ein Tier ausgestellt. Dank ihrer großen Berühmtheit zu Lebzeiten und über ihren Tod hinaus ist der Fall Baartman gut dokumentiert und gilt heute als eines der bekanntesten Beispiele kolonialrassistischer Körperpolitik.

... oder weiß? (Foto aus dem Jahr 2013)? © Nick Farrell

Zahlreiche, zum Teil voyeuristische Zeichnungen in angeblich naturwissenschaftlicher „Neutralität“ zeigen Baartman und einzelne ihrer Körperteile. Kritische oder satirische Auseinandersetzungen, die weniger Baartman selbst, als den Voyeurismus der Schaulustigen zum Thema machen, sind selten. In der Ausstellung von Baartmans Körper, die auch Jahrzehnte nach ihrem Tod weitergeführt wurde – 1974 endete die Präsentation ihrer sterblichen Überreste und erst 2002 konnte sie in Südafrika beerdigt werden –, zeigt sich nicht in erster Linie die Faszination für ihre Körperformen, sondern vor allem die Stellung Schwarzer Menschen, Schwarzer Frauen in Europa. Das Anstarren von Menschen in sogenannten „Völkerschauen“, menschlichen Zoos, etwa im Tierpark Hagenbeck in Hamburg, war beliebt. Die Gewinner waren weiße: Kolonialherren, Zirkusdirektoren und Forscher.

Andere Iren. Dass sich die Fetischisierung oder Abwertung bestimmter körperlicher Merkmale und der damit verbundene Prozess des Anderns (engl. Othering)* – also der Markierung dessen, was als „normal“ und was als „anders“ zu gelten hat – nicht allein auf Hautfarbe bezog, zeigt noch ein weiteres Beispiel aus Europa: Die Darstellung von Körpern irischer Menschen während der Diskussionen um die „Home Rule“, die „autonome Selbstverwaltung“ Irlands.

Der Unabhängigkeitskrieg (1919-21) gegen die britische Besetzung, der vor allem aus dem Leid der irischen Bevölkerung resultierte, wurde auf britischer Seite von zahlreichen Karikaturen und Zeichnungen begleitet, welche IrInnen als andersartig, unterlegen und unmenschlich zeigen sollten. Dies wurde politisch dazu genutzt, Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen.

Sehen als Wissenschaft für sich. Die Aufklärung und Charles Darwins „On the Origin of Species“ (1859) hatten einen enormen Einfluss auf pseudo-wissenschaftliche Praxen und Forschung wie den „wissenschaftlichen“ Rassismus. Darwins Theorie des „survival of the fittest”, also die These, dass die am besten an ihre ökologische Nische angepassten Lebewesen überleben und sich fortpflanzen können, wurde im Sinne eines Überleben des Stärkeren fehlinterpretiert.

In diesem Sinne nutzten Sozialdarwinisten Darwins Hypothesen zur Rechtfertigung der Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen. Zur genauen Unterscheidbarkeit von Unterdrückenden und Unterdrückten mussten körperliche Merkmale definiert werden, an die wiederum semantisch Eigenschaften geknüpft wurden, die immer mit Inferiorisierung einhergingen. Die Ähnlichkeit zwischen Unterdrückten und Unterdrückenden erforderte eine ständige Wiederholung des Anderns* in Wort und Bild, so lange, bis die Unterscheidungspraxen als Normalität erschienen.

Der Begriff „Rasse“*, der auf familiäre Beziehungen zurückging, konnte unter diesen Bedingungen mit Konzeptionen von Andersheit gefüllt werden, die schon lange vorher, beispielsweise in Erzählungen und Legenden sowie später in Berichten von Missionaren und Seefahrern existiert hatten. Auf diese Weise wurde die Idee von „Rasse“ zu einer Tatsache, die, obwohl sie keine Erklärungen für Sklaverei und koloniale Ausbeutung bot, zu ihrer Rechtfertigung diente.

Während Rassismus anhand von Hautfarben und Körpermerkmalen heute als evident erscheint, macht das Beispiel der irischen Home Rule die Konstruiertheit besonders deutlich, denn wer kann IrInnen anhand körperlicher Merkmale von BritInnen unterscheiden? Dass Hautfarbe bei der Klassifikation von Körpern noch immer eine so zentrale Rolle spielt, deutet darauf hin, dass diese hierarchisierende Unterscheidungspraxis manchen ökonomische Vorteile sichert. Während Irland seine Unabhängigkeit von Großbritannien weitgehend erreicht hat, sind zahlreiche koloniale Kontinuitäten zwischen globalem Süden und globalem Norden und damit die Fortsetzung der Ausbeutung von Millionen Menschen und unzähligen Tonnen an Bodenschätzen und Ressourcen weiterhin Realität.

Es wird deutlich: Sehen und damit auch der Blick auf Körper – auf unsere eigenen und auf die anderer – ist ein gelernter, ein sozialer Prozess. Wirklich ist damit nicht einfach das, was ist, sondern das, was in sozialer Interaktion in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext legitimiert wird. Die Körper von PoC und Schwarzen Menschen werden heute medial kaum als Symbole von Macht, Status und Schönheit präsentiert, meist dienen sie der Personifikation von Armut, Hunger, Aids und Krieg.

Black Lives Matter: AktivistInnen demonstrieren seit 2013 gegen rassistische Polizeigewalt in den USA. © George Talusan

weißsehen. Dass diese Bilder nicht so einfach aus der Welt zu schaffen sind, auch nicht durch erfolgreiche PoC, verdeutlicht das bereits erwähnte Satirevideo „The Night Beyoncé turned Black“: Wenn Schönheit und Erfolg weiß sind, muss Beyoncé eben auch weiß sein. Sie wird bzw. wurde weiß gesehen.

Die Überraschung in der Öffentlichkeit ist wohl auch deshalb so groß gewesen, weil Beyoncé sich zeitweise mit blonden glatten Haaren gezeigt hatte und auf Werbefotos eine Zeitlang einen deutlich weißeren Teint trug. Vor allem aber auch, weil sie bislang wenig mit politischen Themen wie Rassismus an die Öffentlichkeit getreten war.

Ihren Song „Formation“ hingegen, in dem sie den Stolz auf ihre Schwarzen Eltern und auf die Weitergabe ihres „Erbes“ an ihre Tochter mit „baby hair and afros“ und „negro nose” ausdrückt, bezeichnen manche bereits als Hymne neuer Schwarzer Bürgerrechtsbewegungen. „Jackson Five nostrils” ist hier nicht nur als Abgrenzung zu Michael Jacksons operierter, an weiße Schönheitsideale erinnernde Nase zu sehen. Sondern auch als Reaktion auf die Kritik des White Passings – der Anpassung an das weiß-Sein und das Vorgeben, weiß zu sein – einer erfolgreichen Schwarzen Künstlerin, die Beyoncé selbst vielfach erhalten hat.

Mit dem positiven Bezug auf ihr Schwarzsein reagiert Beyoncé nicht nur auf Kritik, sondern nutzt ihre Rolle als Star auch als Vorbild für Kinder und Jugendliche of Color. Die Botschaft, die sie sendet, lautet: So wie ich bin, bin ich Schwarz, und Schwarz ist schön, Schwarz ist stark. Wenn berühmte Persönlichkeiten sich und ihre Körper weißen Normen anpassen, teilen sie genau das Gegenteil mit: Um erfolgreich zu sein, müsse man möglichst weiß sein.

Mythen über Menschenkörper. Die gesellschaftliche Realität, dass Macht und Erfolg im Zusammenhang mit weiß-Sein stehen, stellen erfolgreiche Schwarze Menschen und PoC in Frage. Deshalb ist der Fall Beyoncé weit mehr als ein Streit zwischen Fans: Er macht deutlich, dass Sehen und der Blick auf Körper gewordene, historische und an Machtverhältnisse gekoppelte Prozesse sind. Und, wie sehr bestimmte Mythen über Menschenkörper – in diesem Fall bestimmte „Erzählversionen“ von weiß-Sein, also die über Medien, Literatur und Film verbreitete Superioritätsidee von „weißer Unschuld, Reinheit und weißem Heldentum”, wie es die Rassismusforscherin Maisha-Maureen Eggers ausdrückt – in unseren Gesellschaften verinnerlicht sind.

Der Fall Beyoncé zeigt auch, dass Selbstermächtigung und Widerstand gegen die Normalität des rassistischen, sexistischen Blicks immer auch körperpolitische Akte sind. Die positive Bezugnahme auf den eigenen Körper und auf stigmatisierte körperliche Merkmale dient gleichzeitig als Kritik, Widerstand und Empowerment. Sie schließt damit an eine Vielzahl von Bewegungen an, die eine positive Affirmation des eigenen Körpers zum Ausgangspunkt ihres politischen Handelns machen: die Black-is-Beautiful-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre, das Natural-Hair-Movement, die autonome Behinderten- und Krüppelbewegung der 1970er und 1980er Jahre sowie feministische Proteste gegen sexistische Körperpolitiken und Diskriminierung wie von ARGE Dicke Weiber, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der rassistische Blick und die entstehenden Körperbilder dienen der Aufrechterhaltung konkreter Machtverhältnisse. Sie beeinflussen alle Bereiche unserer gegenwärtigen Gesellschaften.

Dies zu ändern ist nicht nur die Aufgabe von marginalisierten Menschen. Gerade diejenigen, die von Diskriminierung nicht betroffen scheinen, sind eingebunden in die Aufrechterhaltung des Status quo. Die Beschäftigung mit Körperpolitiken aus einer dekolonialen feministischen Perspektive bedeutet daher immer auch eine Auseinandersetzung mit der Gewordenheit von Unterscheidungspraktiken und Sehen. Und diese Auseinandersetzung beginnt zuerst mit dem eigenen Blick.

Lina Render de Barros ist eine Queer of Color-Aktivistin aus Frankfurt am Main. Sie forscht zu Prozessen der Rassifizierung, Bildung und Identität, liebt Weltfrieden und Schokolade.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienkooperation mit der Zeitschrift Südlink / Berlin.

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