„Die Marke Fairtrade ist ein politisches Signal“

Was der faire Handel erreicht hat und bei welchen Aspekten die Organisation an Grenzen stößt. Fairtrade Österreich-Geschäftsführer Hartwig Kirner im Interview mit Richard Solder.

Seit 2007 bei Fairtrade Österreich: Geschäftsführer Hartwig Kirner im Gespräch mit dem Südwind-Magazin.© Alexander Chitsazan

Woran lässt sich die Erfolgsgeschichte von Fairtrade festmachen?

Nicht zuletzt an den Umsatzzahlen, die mit Fairtrade-Produkten gemacht wurden. Da gab es in den vergangenen 25 Jahren keines, in dem der Umsatz gesunken ist und viele Jahre, in dem er stark gewachsen ist. 2016 konnten wir ein Wachstum um mehr als 40 Prozent verzeichnen.

Damit sind auch die Prämien und Direkteinnahmen für die Produzenten-Organisationen kontinuierlich mehr geworden.

Ist auch die Anzahl der Produktkategorien, in denen Fairtrade-Produkte angeboten werden, ein Gradmesser?

Für uns nicht wirklich. Unsere Strategie derzeit heißt Deepening Impact, wir wollen die Wirkung auf die bestehenden Fairtrade-Bauern verstärken. Das ist uns wichtiger als neue Produkte.

War nicht ursprünglich ein Ziel, eine möglichst breite Palette an Produkten anzubieten?

Ja, aber nur dann, wenn eben der Impact auch stimmt. Um wirklich eine Wirkung zu erzielen, muss ein Großteil der Ernte als Fairtrade-Ware verkauft werden – idealerweise über 50 Prozent. Und wir sind derzeit in vielen Warengruppen noch deutlich darunter.

Aber welche Möglichkeiten hat Fairtrade überhaupt, den Impact zu messen?

Das ist wirklich eine Herausforderung, der wir uns aber stellen müssen. Zu den Prämiengeldern, die bei den Produzenten ankommen, gibt es solide Zahlen. Wenn es darum geht zu schauen, wie den Bauernfamilien mehr Geld in der Tasche bleibt – Stichwort existenzsichernder Lohn –, wird das schwieriger. Manche Projekte, die durch Fairtrade-Prämien zustande gekommen sind, etwa Straßen, haben keinen direkten monetären Effekt auf die Produzenten, aber die Situation verbessert sich.

Wie kann man erreichen, dass möglichst viel Geld bei den Bäuerinnen und Bauern ankommt?

Das Mitspracherecht hilft. Produzenten verfügen im Fairtrade-System über 50 Prozent der Stimmrechte, das betrifft strategische Entscheidungen und auch die Prämienverwendung.

Tatsache ist, dass viele Produzenten im Fairtrade-System trotz allem in prekären Verhältnissen leben.

Wovon man sich verabschieden muss, ist die Vorstellung, dass Fairtrade der Zauberstab ist, der alle Probleme löst. Entwicklung ist das Bohren sehr dicker, harter Bretter. Auch unsere Urgroßeltern sind nicht von heute auf morgen zu Wohlstand gekommen. Es geht darum, neben unmittelbaren Verbesserungen, etwa in der Infrastruktur, der nächsten Generation einen Sprung nach vorne zu ermöglichen.

Kommuniziert Fairtrade dieses langfristige Ziel ausreichend?

Ja, aber oftmals muss man in der Kommunikation aus Zeit- und Platzmangel Themen zuspitzen und vereinfachen.

Auch ein Ziel von Fairtrade war es, die oftmals schwierige Situation von ErntehelferInnen zu verbessern. Was ist da der Stand der Dinge?

Wir haben viel mit den Produzenten darüber diskutiert, wie man das lösen kann. Bisher erfolglos. Oftmals geht es den Kleinbauernfamilien schon schlecht und man kann nicht erwarten, dass diese den Arbeiterinnen und Arbeitern mehr bezahlen. Zudem werden Erntehelfer häufig informell und temporär eingesetzt – daher sind sie nur schwer zu erfassen.

Wie entwickelt sich der Konsum Fairtrade-zertifizierter Produkte im globalen Süden selbst?

Das war eine unserer großen Visionen, und ist es nach wie vor: dass im Ursprung mehr Fairtrade-Produkte gekauft werden. Menschen im Süden haben derzeit oft andere Prioritäten als fairen Handel und Nachhaltigkeit. Das muss man verstehen. Das braucht noch Zeit. Und zwar mehr, als wir einst gedacht haben.

Wie werden bei Fairtrade Strategien entwickelt?

Bei Fairtrade International mit Sitz in Bonn werden die Standards beschlossen und alle richtungsweisenden Entscheidungen getroffen. Dort sind auch die Produzenten aus dem Süden zu 50 Prozent vertreten. Entscheidungen werden von einer breiten Basis mitgetragen. Und das ist gut so, auch wenn die Entscheidungsfindung dabei nicht immer einfach ist.

Welche gesellschaftspolitische Rolle spielt Fairtrade?

Fairtrade hat erreicht, dass globale Zusammenhänge mehr in den Mittelpunkt gerückt sind. Und hat damit Fragen bewusst gemacht wie: Woher kommt die Ware? Wer ist an der Produktion im globalen Süden beteiligt?

Dass der faire Handel es geschafft hat, eine Marke zu etablieren, die zu den 25 stärksten Österreichs gehört, ist für mich zudem ein starkes politisches Signal. Der faire Handel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hat einen ernsthaften Dialog mit Unternehmen über die Verbesserung der Lieferketten etabliert.

In den gesellschaftspolitischen Diskussionen in unseren Breitengraden ist Fairtrade aber zurückhaltend. Wieso eigentlich?

Weil wir aufpassen, dass wir uns als Organisation nicht zu wichtig nehmen und uns auf jene Dinge konzentrieren, von denen wir etwas verstehen. Wenn wir uns in österreichische Kontexte einbringen, würde uns das schwächen. Man wüsste nicht mehr, wofür wir stehen.

Können andere Organisationen aus den Erfahrungen von Fairtrade etwas lernen?

Vielleicht, dass man keine Berührungsängste haben darf, wenn man in einem Bereich etwas verändern will. Wir werden oft gefragt: „Wieso arbeitet ihr eigentlich mit Konzernen?“ Ich denke es ist wichtig, dass man mit Menschen spricht, die eine andere Meinung haben. Ein Erfolgsfaktor von Fairtrade ist, dass wir Lösungen anbieten.

Unternehmen oder Supermarktketten branden mitunter Produkte in Richtung Nachhaltigkeit und fairem Handel. Sind von Firmen selbst entwickelte „pseudo-faire“ Produkte eine Gefahr?

Ich denke, die Menschen spüren, wie authentisch ein Unternehmen da wirklich ist. So zu tun als ob ist meist sinnlos. Und diese Verantwortung haben Konsumenten schon – also sich anzusehen, wie ernsthaft Initiativen sind.

Wo steht Fairtrade in 25 Jahren?

Ziel muss sein, dass fairer Handel und globale Zusammenhänge dann selbstverständlich sind. Und wir damit unseren Beitrag zur Differenzierung leisten. Stichwort Globalisierung: die sollte man nicht pauschal kritisieren, sondern vor allem die Auswüchse. Gestalten wir die Lieferketten doch so, dass die Menschen profitieren!

Derzeitige Probleme hier in Österreich sind ganz generell schon die dauerhaften negativen Schlagzeilen und Skandalisierungen. Uns geht es relativ gesehen sehr gut. Die Politik, die uns durch die Krise gebracht hat, wurde geprügelt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zerstören, was eigentlich gut funktioniert.

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