Die Natur aber ist das Reich der Freiheit

Von Christine Hochsteiner ·

Vor genau 200 Jahren begann Alexander von Humboldt seine fünfjährige Reise durch Lateinamerika. Dort ist das Gedenken an den großen Forschergeist heute viel lebendiger als bei uns.

Nicht nur eine Meeresströmung im Pazifik, Pinguine und ein Mondkrater sind nach dem deutschen Naturforscher benannt; in Lateinamerika sind es neben Straßen auch Friseurläden, Kinos, Tankstellen, Meeresbuchten, Hotels, Zahnkliniken und vieles mehr. Sein Name und sein Werk wiegen dort ungleich schwerer als in Deutschland oder anderen europäischen Staaten, wo er wohl viel zitiert, aber wenig gelesen wird. In der „Neuen Welt“ hat sich in den letzten Jahrzehnten auch eine überaus rege und ergebnisreiche Humboldtforschung entwickelt, die im deutschsprachigen Raum kaum oder nur sporadisch zur Kenntnis genommen wird.

Vor 200 Jahren machte sich ein junger, begüterter Adeliger aus Berlin gemeinsam mit dem französischen Arzt Aimé Bonpland auf eine fünfjährige Forschungsreise durch Venezuela, Kuba, Kolumbien, Ecuador, Peru und Mexiko auf. Nie zuvor war ein Forschungsreisender auf eigene Rechnung und ohne fremden Auftrag so lange unterwegs gewesen, ständig mit dem Ziel vor Augen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln.

Die gründlichen Vorbereitungen dauerten sechs Jahre und die Auswertungen der Ergebnisse nahmen fast 30 Jahre in Anspruch: Sie umfassen 34 Bände mit 1400 Kupferstichen, darunter die zehnbändige „Reise in die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinentes“.

INI: Als „Neuer Entdecker Lateinamerikas“ gefeiert, trug Alexander von Humboldt am Vorabend der Unabhängigkeitskämpfe und Nationalstaatenbildung zur Stärkung des lateinamerikanischen Selbstbewußtseins bei. Francisco Miranda, ein Vorkämpfer der venezolanischen Unabhängigkeit, sprach sogar von einer „humboldteanización“ Lateinamerikas. Als Humanist und den Idealen der französischen Revolution verbunden, hielt er den Kolonialismus für eine „unmoralische Idee“ und stand den Unabhängigkeitsbestrebungen positiv gegenüber. Auch seine strikte Ablehnung der Sklaverei und sein aufrichtiges Bemühen, Lateinamerikas Probleme zu verstehen, brachten ihm Sympathien ein.

Um die Freundschaft Humboldts mit Simon Bolivar ranken sich Legenden, direkte Zeugnisse oder Briefe sind jedoch keine vorhanden.

Auch wenn Humboldt am europäischen Zivilisationsmodell als Fortschrittsideal festhielt und nicht frei von Eurozentrismus war, muten manche seiner Forschungsansätze noch heute modern an. Sein ganzheitlicher Ansatz, in dem er verschiedene Wissenszweige miteinander verknüpfte und auch Brücken zwischen Natur- und Sozialwissenschaften baute, weisen ihn als interdisziplinären Denker aus. Neben genauen Messungen mit seinen zahlreichen Meßgeräten verlor er auch nicht sein eigentliches Ziel aus den Augen, nämlich, das „Zusammen- und Ineinander-Weben aller Naturkräfte….“ zu erfassen. Der Mensch ist für ihn Teil der Natur, diese Ansätze bringen Humboldt heute den Ruf des „ersten Ökologen“ ein. Er inspirierte Künstler und Maler und er wurde zum Vorbild für viele andere Forschungsreisende.

INI: „Immer wird Humboldt, wie Bolivar es voraussah, eine Form von Dasein unter uns haben; ja, er ist zweifelsohne der Europäer, dessen auf dem lateinamerikanischen Kontinent am meisten gedacht und der am stärksten geliebt wird, von Mexiko bis Venezuela, von Kolumbien bis Kuba“, schreibt der im spanischen Exil lebende kubanische Schriftsteller Jesús Diaz.

Aber neben diesen Huldigungen gibt es auch andere Stimmen und Diskussionen. Schließlich war Humboldt stets eine Identifikationsfigur der Eliten, die sich in der Anbindung an die ehemaligen Kolonialmächte gegenüber der eigenen Bevölkerung abgrenzten.

Warum Humboldt als den ersten Naturforscher Amerikas feiern, wenn man doch bereits längst weiß, daß die ersten Naturforscher, die ersten Ökologen, die indigene Bevölkerung war, die bis heute noch darum kämpft, als Subjekt ihrer Geschichte und nicht nur stets als Objekt wahrgenommen zu werden. Wissen und Wissenschaft werden lediglich unter europäischen Rahmenbedingungen als solche anerkannt.

Aus diesem Grund ist es sehr begrüßenswert, daß in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn neben der Ausstellung „Alexander von Humboldt, Netzwerke des Wissens“ noch eine zweite ergänzende gezeigt wird, nämlich genau aus einer der von Humboldt bereisten Gegenden: „Orinoko-Parima, indianische Gesellschaften aus Venezuela – die Sammlung Cisneros“. Eine neue Auseinandersetzung mit Person und Werk von Alexander von Humboldt kann in der Gegenwart durchaus fruchtbar sein

www.kah-bonn.de

Die Autorin ist Ethnologin und lebt in Wien. Sie hielt sich zu Studienzwecken mehrmals zu längeren Aufenthalten in Brasilien auf

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