Die PreisträgerInnen im Gespräch

© Christina Schröder

„Gesellschaften nicht kritisieren, ohne sie wirklich zu kennen“

Wie Kinderarbeit in Bolivien in internationalen Medien wahrgenommen wird, erforschte Aaron Calzadilla (18) aus Wien in seiner vorwissenschaftlichen Arbeit am öffentlichen Gymnasium der Stiftung Theresianische Akademie.

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Mein Vater kommt aus Bolivien. Seit meiner Kindheit fahren wir alle zwei Jahre dorthin. Das letzte Mal war ich im Sommer 2014 dort. Da wurde gerade das Gesetz erlassen, dass es Kindern erlaubt, ab zehn Jahren unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten. Meine Großmutter und viele andere haben dieses Gesetz begrüßt. Es war auf Druck einer Kindergewerkschaft und Evo Morales durchgegangen. Das war der Sommer, bevor ich in die siebte Klasse gekommen bin und die Zeit, in der ich auf der Suche nach einem Thema für meine vorwissenschaftliche Arbeit war. Anfangs war es gar nicht so leicht, eine Lehrerin oder einen Lehrer zu finden, der mich mit diesem Thema betreuen konnte. Letztendlich habe ich die Arbeit mit Betreuung durch meinem Klassenvorstand, Frau Sabine Proksch-Bauer, gemacht.

Wie sind Sie die Arbeit angegangen?

Im Sommer 2015 habe ich mit der Recherche angefangen und bis Dezember 2015 etappenweise geschrieben. Vor allem habe ich mit Online-Artikeln aus englischsprachigen Zeitungen gearbeitet. Auch Berichte von UNICEF und Kinderhilfsorganisationen habe ich für meine Arbeit herangezogen und bolivianische Medien zitiert. Dann gab es noch zwei Sachbücher zu Kinderarbeit, die hilfreich waren. Eines davon habe ich in der C3-Bibliothek gefunden.

Wie schätzten Sie die Informationslage in Österreich ein?

In Österreich wurde in den Medien nur wenig über die Legalisierung der Kinderarbeit in Bolivien geschrieben, aber zu Kinderarbeit finden sich viele Informationen in Bibliotheken und dem Internet.

Wie ist es Ihnen beim Schreiben gegangen?

Ich habe viel gelernt; besonders über das Konzept von Kindheit in Europa und anderen reichen Regionen im Gegensatz zu solchen, wo Kinder viel früher selbstständig werden müssen. Hier in Österreich müssen viele erst mit 18 Jahren oder später für ihr finanzielles Auskommen selbst sorgen. In Bolivien gibt es ca. 850.000 arbeitende Kinder. Sie müssen schon mit acht Jahren mithelfen, um ihre Familien zu unterstützen. Ich habe auch gelernt, dass offenbar viele Journalistinnen und Journalisten über Kulturen und Gesellschaften schreiben und diese auch kritisieren, ohne sie wirklich gut zu kennen. Der Unterschied zwischen ausbeuterischer Kinderarbeit und dem Mithelfen in der Familie ist vielen nicht bewusst.

Wer hat Sie besonders unterstützt?

Mein Vater hat mich auf viele Medienartikel aufmerksam gemacht und mir mitunter auch beim Übersetzen geholfen.

Welche Hoffnungen haben Sie zum Thema Kinderarbeit?

Ich hoffe, dass die Gesetze rund um die Legalisierung der Kinderarbeit auch umgesetzt werden. Derzeit gibt es für die 850.000 arbeitenden Kinder nur 78 Ombudsstellen. Es sind vermutlich nur 30 bis 40 Prozent der Kinder als arbeitend registriert und haben somit auch ein Recht auf ihren Mindestlohn. Ich hoffe, dass die Kindergewerkschaften auch beachtet werden, wenn Evo Morales einmal nicht mehr Präsident ist.

Was werden Sie jetzt nach Ihrer erfolgreich bestandenen Matura weiter machen?

Den Sommer 2016 verbringe ich in Bolivien mit meiner Familie. Im Herbst mache ich Zivildienst beim Roten Kreuz. Danach werde ich vielleicht Internationale Entwicklung studieren.

„Spenden heißt nicht, eine Gegenleistung zu erwarten“

Wie bei Kinderpatenschaften Vorstellungen der Pateneltern und Realität auseinanderklaffen können, erforschte Fabian Kriechbaum (18) aus Grieskirchen/ Oberösterreich in seiner vorwissenschaftlichen Arbeit am ORG Dachsberg.

Wie sind Sie auf das Thema Ihrer vorwissenschaftlichen Arbeit gekommen?

Vor viereinhalb Jahren habe ich bei einem Workshop in der Schule den Verein Childrenplanet kennengelernt. Dieser vergibt Patenschaften für Kinder in Kambodscha, betreibt eine Schule und hilft bei der Wasserversorgung im ländlichen Gebiet. Wenig später habe ich angefangen, für den Verein im Bereich Online-Kommunikation zu arbeiten. Bei Sitzungen wurde viel über das Thema Patenschaften diskutiert, weil viele Eltern falsche Erwartungen haben. Sie wollen sich „ihr Kind“ genau aussuchen und dann laufend Informationen zu ihm oder ihr und seinem bzw. ihrem Leben bekommen. Diese Kommunikationsarbeit kann der Verein mit einem Zivildiener vor Ort und Ehrenamtlichen aber nicht leisten, weil die Ressourcen vor allem in den Schulbetrieb und die Wasserversorgung fließen sollen. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich die Erwartungshaltung von Eltern abgefragt, um zu dokumentieren, welche Diskrepanzen es zwischen Vorstellung und Realität bei den Patenschaften gibt.

Ist das Ergebnis dann in die praktische Arbeit des Vereins eingeflossen?

Meine Dokumentation verlief parallel zum Umstellungsprozess von Patenschaften für einzelne Kinder zu sogenannten Klassenpatenschaften, weil über ganze Klassen effizienter berichtet werden kann. Das erschien als gängige Lösung, um den Aufwand geringer zu halten, aber gleichzeitig Spenderinnen und Spendern einen Einblick in das Leben der Kinder geben zu können. Anhand meiner Befragungen haben wir die Erwartungshaltungen der Eltern besser kennengelernt und konnten darauf basierend Argumente erarbeiten, die zu einer besseren Annahme von Klassenpatenschaften führen sollen. Da meine Arbeit und der Umstellungsprozess parallel verliefen, konnten die Ergebnisse aber noch nicht in die Arbeit einfließen.

Waren Sie selbst schon einmal in Kambodscha?

Nein, dafür war noch nicht genug Zeit. Ich möchte schon gerne das Land und die Menschen kennenlernen, aber ich möchte mir dafür viel Zeit nehmen, um einen genauen Einblick zu bekommen.

Wie haben Sie recherchiert?

Der Geschäftsführer des Vereins hat mir Literatur empfohlen. Informationen zu Geschichte und Wirtschaft sind gut auffindbar, aber Daten zu entwicklungspolitischen Aspekten musste ich mir stückweise zusammenstellen und interpretieren. Eine ehemalige Volontärin des Vereins hat eine Masterarbeit darüber geschrieben und ihre Quellenliste war sehr hilfreich für mich. Ich habe auch verschiedene Patenschaftssysteme verglichen. Meine Betreuungslehrerin Martina Spitzer hat mich großartig unterstürzt und intensiv betreut.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf den Verein bzw. Patenschaften?

Ich hoffe, dass viele Menschen erkennen, dass zu spenden nicht heißen soll, eine Gegenleistung zu erwarten. Sie sollen ihre Projekte sorgfältig auswählen, aber egoistische Motive und Erwartungen hintanstellen und dafür das Gemeinwohl in den Vordergrund stellen.

Was haben Sie nun nach der erfolgreich bestandenen Matura vor?

Im September beginne ich meinen Zivildienst beim Umweltministerium in Linz. Dann möchte ich studieren. Was es wird, habe ich noch nicht entschieden.

© Christina Schröder

„Das Interesse von Kindern im Volksschulalter ausbauen und fördern“

Wie kann Aufklärung und Bewusstseinsbildung zum Thema ausbeuterische Kinderarbeit gelingen? Dieser Frage ging Sonja Hofstetter (19) aus Zeiselmauer gemeinsam mit Helene Hanel in ihrer Diplomarbeit im Rahmen der Matura an der HLW 19 Straßergasse nach.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ich habe vor zwei Jahren im Weltladen in Tulln ein Praktikum gemacht. Dort bin ich zum ersten Mal mit dem Thema Kinderarbeit in Berührung gekommen. Es hat mich so interessiert, dass ich später bei der Auswahl meiner Diplomarbeit darauf zurückgekommen bin. Ich habe meine Mitschülerin Helene Hanel gefragt, ob sie auch darüber schreiben würde. Sie war einverstanden. So entstand das gemeinsame Projekt. Gemeinsam mit unseren Betreuungslehrern Fross und Bergauer haben wir uns auf die zentrale Fragestellung, was der faire Handel in Bezug auf Kinderarbeit bringt, geeinigt und mit FAIRTRADE einen Kooperationspartner gefunden. Neben der schriftlichen Arbeit hatten wir auch einen praktischen Teil durchzuführen. Im Rahmen des Religionsunterrichts einer vierten Klasse einer Volksschule in Tulln haben wir mit den Kindern anhand des Beispiels Orangensaft mit Rollenspielen gearbeitet und diskutiert. Von Kinderarbeit hatten sie schon im Vorfeld gehört, aber sie konnten kaum glauben, wie wenig die Menschen im Orangenanbau verdienen.

Hat es für Sie besondere Aha-Momente beim Schreiben gegeben?

Als ich mich genauer mit den Bestimmungen von FAIRTRADE auseinander gesetzt habe, erschienen mir diese am Anfang nicht ganz eindeutig. Ich bin aber schnell zum Schluss gekommen, dass FAITRADE mit Abstand die beste Alternative zu konventionell produzierten Lebensmitteln ist.

Wie haben Sie recherchiert?

Zur Recherche habe ich besonders am Anfang das Internet genutzt. Später habe ich auch verschiedene Materialien in Büchereien und auch in der C3-Bibliothek gefunden. Das meiste Infomaterial war aber entweder zum fairen Handel oder zum Thema Kinderarbeit. Deswegen habe ich die Informationen erst verbinden müssen.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf Aufklärung und nachhaltige Bewusstseinsbildung in Österreich zum Thema Kinderarbeit?

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, die Kinder hier so bald als möglich über Kinderarbeit und auch die Vorteile des fairen Handels zu informieren. Sie haben schon im Volkschulalter viel Verständnis und Interesse. Das sollte man nicht unterschätzen, sondern weiter ausbauen und fördern.

Was haben Sie nun nach der erfolgreich bestandenen Matura vor?

Ich arbeite derzeit im Weltladen in Tulln. Dann gehe ich für ein Jahr als Au-Pair nach England. Danach möchte ich mich weiterhin ehrenamtlich sozial engagieren.

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