Die Psychologie der Klimaangst

Von Olivia Wasik und Paulina Exner ·
© Unsplash/ Mika Baumeister

Wie können wir angesichts der Bedrohungen durch die Klimakrise handlungsfähig bleiben? Und wie gehen junge Menschen mit Klimaangst um? Ein Stimmungsbild der Jugendredaktion von #VoicesOfChange.

Schon wieder gab es Waldbrände in Südeuropa, schon wieder hatten wir einen rekordheißen Sommer, schon wieder warnen Expert*innen vor sogenannten Tipping Points, also unumkehrbaren Kipp-Punkten im Klimasystem. Eigentlich sollte Krisenstimmung herrschen. Wir stehen vor einer globalen Katastrophe, doch nichts passiert. Von Panik, Angst oder wenigstens Sorge in der Gesellschaft kaum eine Spur. Jeder geht seinen alltäglichen Beschäftigungen nach, und die Politik scheint sich nicht weiter um die Klimakrise zu kümmern.

Aber können wir so weitermachen? Werden wir einfach mit den Folgen unseres Handelns leben müssen? Sollten wir nicht alle Angst vor ihnen haben?

Für uns als Mitglieder der Jugendredaktion #VoicesOfChange, ist Klimaangst etwas ganz Alltägliches. Die Jugendredaktion arbeitet im Rahmen einer von Südwind koordinierten europaweiten Klimagerechtigkeits-Kampagne #ClimateOfChange. Die Klimakrise wird die größte Krise unseres Lebens sein, und wir versuchen uns auf die möglichen Folgen einzustellen. Wir haben uns gefragt: Wie geht es eigentlich Menschen, die schon seit langer Zeit klimaaktivistisch arbeiten, mit diesem Gefühl?

Trauer, Wut, Angst. Das Phänomen der Klimaangst betrifft immer mehr Menschen. Man versteht darunter die emotionale Reaktion auf eine reale Bedrohung oder ganz konkret: die Angst und Sorge vor der Klimakrise und ihren fatalen Folgen.

Laut einer Studie des Sinus-Instituts, einem deutschen Sozialforschungsinstitut, verspüren mittlerweile 70 Prozent aller 14- bis 24-Jährigen große Klimaangst.

Um dieses Gefühl besser zu verstehen, haben wir mit der Psychologin und Nachhaltigkeitsexpertin Anna Pribil gesprochen. Sie ist ehrenamtliches Mitglied der Klimabewegung Psychologists for Future, die sich schon lange mit Klimaangst beschäftigt und Aktivist*innen kostenlos im Umgang damit berät.

Klimaangst ist keine psychische Störung und sollte nicht als abnormal betrachtet werden, sagt Psychologin Pribil. Das könnte sogar stark vom eigentlichen Problem, der Klimakrise, ablenken, da die Debatte dadurch individualisiert und der Fokus weniger auf die gemeinsame Bewältigung der Krise gelegt wird. Dennoch kann sich Klimaangst in den schlimmsten Fällen zu Depressionen und Angststörungen weiterentwickeln.

Pribil betont, dass es wichtig sei, die Probleme der jungen Leute ernst zu nehmen und ihre Ängste nicht herunterzuspielen. „Klimaangst kann zwar ein großer Motivator zum Handeln sein. Doch sie kann auch lähmend wirken, etwa wenn man sich überfordert fühlt, wenn man sich zu klein fühlt oder wenn man denkt, alleine kann man eh nichts bewirken oder verändern.”

Sand im Getriebe. Ähnlich sieht dasWolfgang Rehm. Seit mehr als 30 Jahren engagiert er sich in der Umweltorganisation Virus für Klima-und Umweltschutz. „Die Tatsache, dass sich die Jungen im Stich gelassen fühlen, hat eine sehr reale Grundlage: Die junge Generation wurde im Stich gelassen.“

Auch er macht sich Sorgen. Für ihn steht fest: Besorgt zu sein, ist keine rein emotionale Angelegenheit, sondern durchaus vernunftbasiert und auf einer richtigen Einordnung der Fakten beruhend.

Ein solches Faktum ist laut Rehm, dass Politiker*innen auf die nächsten Wahlen schielen und in erster Linie Politik für ältere Wähler*innen gemacht wird. Noch immer gäbe es keine wirksamen Maßnahmen zur Begrenzung und Reduktion des Treibhausgasausstoßes– weltweit und ganz besonders in Österreich. Gerade für ein Land, das sich traditionell gerne selbst als Umweltmusterland bezeichnet, sei es erschreckend, wie träge die Umwelt- und Klimaschutzpolitik in Österreich voranginge. Tatsächlich hat es Österreich entgegen etlicher Versprechen in den vergangenen 30 Jahren nicht geschafft, seine CO2-Bilanz zu verbessern. 

Gefragt nach seiner eigenen Motivation, sagt Rehm: „Was mich motiviert hat, aktivistisch tätig zu werden, ist, das Feld nicht denen zu überlassen, die verantwortlich sind. Und, wenn man mal da drinnen ist, bekommt man das Gefühl, etwas zu bewirken – selbst wenn’s mal nicht so gut läuft. Du bist trotzdem in gewisser Weise ein Punkt an einem Damm, der nicht brechen sollte und dann bleibst du an dem Posten, auch wenn’s dir nicht so gut geht.“

Gegenseitige Hilfe. Doch was können wir gegen die Klimaangst tun? Ein guter Weg, so Psychologin Pribil, sei es, selbst aktiv zu werden. Bereits kleine Veränderungen im Alltag können einem das Gefühl geben, etwas bewirken zu können. Bei Menschen mit starker Klimaangst kann es besonders helfen, sich einer Gruppe anzuschließen, da sich Betroffene mit anderen austauschen, über Gefühle reden können und dadurch Zuversicht gewinnen. Im Besonderen können die Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht durch die kollektive Wirksamkeit besser überwunden werden.

Und: Sich mit der Ursache, nämlich der Klimakrise und den durch die Menschen verursachten Emissionen, auseinanderzusetzen und nicht zu sehr auf die Klimaangst selbst zu fokussieren, sei ebenfalls hilfreich.

Aber: Der Kern des Problems liegt in der Politik. Die Psychologin betont, dass es konkrete politische Maßnahmen braucht, wie beispielsweise die Einführung einer CO2-Steuer, um Klimaangst nachhaltig zu bekämpfen.

Also ja, vielleicht sollten wir Angst haben. Doch diese Angst muss nicht unbedingt etwas Lähmendes sein. Sie ist etwas ganz Natürliches und kann sehr motivierend sein und uns zum gemeinsamen Handeln anregen. Gerade wenn wieder einmal erschreckende Bilder von Unwetterkatastrophen die Runde machen, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass niemand mit diesen Herausforderungen alleine ist. Hingegen, wenn wir alle gemeinsam anpacken, schaffen wir das. Auch da sind sich die Expert*innen einig.

Olivia Wasik studiert Politikwissenschaft in Wien und Paulina Exner ist eine Schülerin aus Linz. Sie sind Mitglieder der Jugendredaktion #Voices of Change bei Südwind und haben sich diesen Sommer vor allem mit den Themen Klimagerechtigkeit und Klimakrise beschäftigt.

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