Die Quotenfrauen der Revolution

In Ägypten lenken Frauen Autos, arbeiten als Journalistinnen und demonstrieren auf den Straßen. Doch eine ernst zu nehmende Vertretung im heimischen Parlament bleibt ihnen auch gut ein Jahr nach dem politischen Umsturz versagt.

Von Anna Maria Steiner
Viele Frauen auf den Straßen, aber kaum welche in der Politik: Ägypterinnen demonstrieren anlässlich des Internationalen Frauentages.

Wer behauptet, in Ägypten wäre 16 Monate nach dem Umsturz für Frauen alles beim Alten geblieben, hat Recht und Unrecht zugleich. Denn anders als etwa im saudischen Riad trifft man im aufregenden Kairoer Straßenverkehr immer wieder auf PKW-Lenkerinnen. Weibliche Demonstrantinnen vorwiegend jüngeren und mittleren Alters prägen das Straßenbild der 18-Millionen-Metropole, und auch im Privaten scheint weibliches Aufbegehren zum Teil Einzug gehalten zu haben. Die noch im Jahr 2010 bei 40 Prozent liegende Scheidungsrate soll aktuell die Fünfzigprozentmarke überstiegen haben, ihre Zunahme vorwiegend auf die Initiative der betreffenden (Ex-)Gattinnen zurückzuführen sein. Was wie ein Frühlingserwachen der ägyptischen Frauen in punkto Gleichbehandlung anmutet, erweist sich bei näherem Hinsehen aber als zartes Pflänzchen, das gegen die demokratiepolitische Eiszeit der letzten drei Jahrzehnte ankämpfen muss.

Wertvolles wegsperren: In den religiös-konservativen Reihen innerhalb der nur schwer durchschaubaren politischen Landschaft scheint man sich auf eine Sache verständigt zu haben: Frauen sollen nicht zu Mitbestimmung ermächtigt, sondern vielmehr vor ihr bewahrt werden. Angesichts des positiven Wahlausgangs für die islamischen Parteien mit über 70% der Stimmen hilft es wenig, wenn Gleichbehandlung in politischen Graswurzelbewegungen als echtes Anliegen eine Rolle spielt. Vielmehr treten religiös-konservative Parteien wie die Moslembruderschaft, Al-Asala oder die Partei des Lichts für klare Geschlechterverhältnisse ein.

Vor allem Vertreter letzterer Gruppierung salafistischen Ursprungs sehen sich gerne als Beschützer des ihrer Meinung nach beschützenswerten Geschlechts. „Wie würdest du mit einem besonders wertvollen Schmuckstück umgehen?“, lautet Mostafa Ahmads Gegenfrage auf meine Kritik an der Forderung nach Verschleierung durch seine Parteigenossen. „Du würdest es gerade nicht täglich ausführen, sondern in einer angemessenen Verpackung im Safe aufbewahren.“ Das Faktum, dass derlei klare Botschaften nicht aus den eigenen Reihen, sondern von Religionsverfechtern aus der Golfregion stammen, stört die politisch-religiösen Mitbrüder in Nordafrika nicht. „Gerade weniger gebildete Anhänger der Salafisten beziehen ihre Dogmen aus Saudi-Arabien“, konstatiert der ägyptische Anthropologe Mohamed Waked, der seit Jahren um die Demokratisierung des Landes bemüht ist.

Im Zuge der langwierigen ägyptischen Parlamentswahlen Ende 2011 und Anfang 2012 musste aufgrund der geänderten Wahlgesetzgebung zumindest die Zahl der von Frauen besetzten Listenplätze erhöht werden. Wie alle anderen wahlwerbenden Gruppen kamen sowohl die Muslimbrüder als auch die von den Golfstaaten unterstützten salafistischen Parteien der Forderung nach Erstellung von Frauenwahllisten nach. Seit dem Wahlerfolg Anfang des Jahres sind die einstigen Kandidatinnen auch tatsächlich auf den Sitzen ihrer Mutterparteien im realpolitisch schwachen, 508 Sitze umfassenden ägyptischen Parlament anzutreffen. Insgesamt sind es nur zehn Frauen.

Die diesen Zweck heiligenden Mittel waren mehr als befremdlich: So sahen religiös-konservative wahlwerbende Gruppen im Wahlkampf davon ab, Frauen auf Plakaten zu zeigen. Statt dem Gesicht der zur Wahl Stehenden fungierte dann eine Rose als Platzhalter. Auf anderen Wahlplakaten wiederum fanden sich lediglich die Ehemänner der angehenden Politikerinnen. Und wieder andere bildeten zwar die zu Wählenden ab, verzichteten jedoch auf die Namensnennung der potenziellen Parlamentarierinnen. Aktuell wird angenommen, dass etwa an die 25% der AnhängerInnen der konservativ-islamischen Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, die starke Verbindungen zur Muslimbruderschaft pflegt, Frauen sind. Wie sich diese Prozentzahl realpolitisch auf die Genderfrage in Kairo und im ganzen Land auswirkt, bleibt dahingestellt. Bei der Präsidentschaftswahl im Mai tritt jedenfalls keine einzige Frau an. Bis dato gehören Politikerinnen in Ägypten wohl der Kategorie Quotenfrauen an, die im vergangenen Wahlkampf obendrein zu Namen- und Gesichtslosen mutierten.

Anna Maria Steiner ist promovierte Theologin und seit 2007 Chefredakteurin von DENKEN+GLAUBEN, der Zeitschrift der Katholischen Hochschulgemeinde Graz. Seit 2009 lebte sie u.a. im Palästinenserlager „Ain El Helwe“ im Libanon, in Palästina, Israel und Syrien und bis Ende Februar 2012 in Kairo.

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