Die Schlüsselrolle Isanbuls

Von Heinz Nissel ·

Zu den größten latenten Ängsten im Zuge einer Erweiterung der EU zählt das mögliche Ausmaß des Zuzugs türkischer MigrantInnen. Der Metropole Istanbul kommt im tatsächlichen Wanderungsverhalten wie in den Szenarien der Zukunft eine Schlüsselrolle zu.

Byzanz – Konstantinopel – Istanbul. Die Namen wechselten im Verlauf der langen historischen Tradition, die Geltung als Weltstadt blieb bis zum Ende des Osmanischen Reichs (1918). Erst die Verlagerung der Hauptstadtfunktion nach Ankara durch Kemal Pascha (Atatürk) führte zu Bedeutungsverlust und Stagnation bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Seither jedoch wächst Istanbul immer schneller zu einer der Megastädte der Welt heran, zum dominanten Wirtschaftsmotor der neuen Türkei mit transnationaler Wirkung nach Nahost, Zentralasien und in Europas Südosten.
Die Stadt ist zugleich das mit Abstand wichtigste Quell- und Zielgebiet der türkischen Migration. Ab 1970 schnellte die Einwohnerzahl von 2,8 auf 8,2 Mio. hoch. Für 2010 liegen die Prognosen bei etwa 15 Mio. Menschen. Ein solches jährliches Wachstum von drei bis vier Prozent entspricht eher einer Megacity der Dritten Welt, nicht den europäischen Metropolen. Die Gründe dafür finden sich in der demographischen Entwicklung der Türkei generell und in ihrer Binnenmigration, die wiederum ökonomische Ursachen hat. Gleichzeitig ist Istanbul auch das Sprungbrett Wanderungswilliger nach Europa.

Die neuesten Kennziffern (2004) beweisen den ungebrochenen Wachstumstrend der Bevölkerung in einer typischen Phase des sogenannten demographischen Übergangs: Die Sterberate entspricht schon dem Niveau hochentwickelter Staaten, die Geburtenrate ist noch deutlich höher. Bis 2050 dürften in der Türkei nahezu 100 Millionen Menschen leben, während in fast allen europäischen Ländern die Bevölkerungszahlen dramatisch zurückgehen werden. Zum wahrscheinlichen Zeitpunkt des EU-Beitritts (zwischen 2010 und 2015) würde die Türkei alle anderen EU-Staaten überholen – mit entsprechenden Auswirkungen im EU-Parlament etc. Zwischen 2015 (nach Aufhebung der Restriktionen) und 2030 wird mit nahezu drei Millionen türkischen MigrantInnen in die EU gerechnet.
Die meisten Binnenwanderer nahezu aller Provinzen der Türkei zieht es nach Istanbul, wo 62 Prozent der BewohnerInnen als „Life-Time-Migrants“ leben. Wesentliche Ursachen dafür sind die eklatanten ökonomischen Gegensätze der Regionen: Ostanatolische Provinzen erreichen beim Bruttoinlandsprodukt nur acht Prozent des EU-Durchschnitts.
Die Ursachen der Emigration sind genau diejenigen der Binnenwanderung. Persönliche Netzwerke entscheiden, ob die Lebensumstände vom Dorf in die nächste Stadt, nach Istanbul oder gleich „nach Europa“ führen. 3,6 Mio. Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft leben zur Zeit im Ausland.

In Österreich halten sich (2001) 730.000 ausländische Staatsangehörige (9,1 Prozent der Bevölkerung – innerhalb der EU eine der höchsten Quoten) auf. 130.000 oder 18 Prozent von diesen sind türkischstämmig, 36 Prozent von diesen wiederum aber schon in Österreich geboren. Wanderungsstatistiken sagen aber nur Teilwahrheiten. Neben klassischen Auswanderern existieren temporäre Formen der Arbeitsmigration, Kettenwanderungen, transnationale Räume von „Migrationspendlern“ usw.
Ein besonderes Problem stellen jedoch die undokumentierten MigrantInnen in die EU dar, zumindest eine halbe Million Menschen jährlich. Die Mehrzahl der acht türkischen Nachbarstaaten muss als politisch oder ökonomisch kritisch eingestuft werden. Die jährliche Anzahl der TransmigrantInnen, die – in oft mehrfachen Versuchen – über die Türkei, und meist über das Sprungbrett Istanbul, Europa erreichen wollen, schätzt die IOM (International Organisation for Migration) auf 200.000 Personen. Es handelt sich überwiegend um junge Männer aus städtischem Milieu, überdurchschnittlich gebildet, die undokumentiert aus Rumänien, Moldawien, der Ukraine und Russland, zunehmend auch aus Südasien und afrikanischen Staaten kommen. Ihre Aufenthaltsdauer in Istanbul beträgt im Schnitt vier Jahre, ihr eigentliches Ziel heißt häufig USA, Kanada oder EU-Länder. Istanbul ist durch ihre Präsenz auch zu einem wichtigen Knoten im Netzwerk globaler Verbrechen und deren Bekämpfung geworden (Geldwäsche, Drogenhandel, Menschenhandel, Schleppertätigkeit).
Die geopolitische Lage an der Schnittstelle von Europa, Asien und Afrika und die politischen Konflikte in Nahost und im Kaukasus machen die Türkei zu einem besonders gesuchten Ziel oder Zwischenstopp für MigrantInnen.

Heinz Nissel ist a.o. Universitätsprofessor am Institut für Geografie und Regionalforschung der Universität Wien.

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