Die Schuldenfalle

Bei den SchuldnerInnen in Indien und Bangladesch wachsen Unmut und Proteste gegen die Mikrofinanzindustrie, doch Investoren und EntwicklungspolitikerInnen bleiben bei der herkömmlichen Erfolgsstory.

Von Gerhard Klas
Kreditnehmerinnen in Bangladesch stellen sich an, um ihre Rückzahlungsrate zu begleichen.

"In der Fachwelt ist das Mikrofinanzwesen sicherlich nicht diskreditiert“, behauptete Doris Köhn, Abteilungsleiterin der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), nachdem 2011 zahlreiche Presseartikel über Nötigung, Zahlungsunfähigkeit bis hin zu Selbstmorden von SchuldnerInnen im südindischen Andhra Pradesh erschienen waren. „Im Gegenteil: Es besteht kein Zweifel daran, dass Klein- und Kleinstkredite wichtige Instrumente der Armutsbekämpfung sind“, so Köhn, deren Arbeitgeber sich als wichtigster institutioneller Förderer der Mikrofinanz weltweit bezeichnet. Die staatliche KfW hat in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden Euro in diesen mittlerweile auch für kommerzielle Investoren interessanten Markt gepumpt.

Aber nicht nur in Indien hat die Mikrofinanz ihren „KundInnen“ Probleme bereitet. Auch in Nicaragua, Bosnien-Herzegowina, Marokko und Pakistan kam es zu Unmutsbekundungen, Protesten und Zahlungsboykotten von Schuldnerinnen und Schuldnern. Sogar im Vorzeigeland der Mikrofinanz, in Bangladesch. „Nur wenige aus unserem Dorf haben es tatsächlich geschafft, der Armut zu entfliehen“, so Sufia Begum, eine langjährige Schuldnerin der Grameen Bank des Muhammad Yunus. Nach dem Tod ihres Mannes, der als Landarbeiter Geld verdiente, geriet sie in Zahlungsschwierigkeiten und ist nun völlig überschuldet. Sie ist nicht die Einzige. „Den meisten in unserem Dorf bringen die Mikrokredite überhaupt nichts“, erklärt Sufia Begum. Zusammen mit ihren Nachbarinnen hat sie Lieder gedichtet, die von den Mikrokrediten handeln. Der Text der melancholischen Lieder variiert immer ein Thema: Von hundert sind es zehn, die überleben. Die anderen sterben: Küken, Kinder – und Mikrokreditnehmerinnen.

Auch die offiziellen Zahlen sind deutlich: Mehr als 70 Prozent der etwa dreißig Millionen Kreditnehmerinnen sind nach Angaben der Mikrokredit-Aufsichtsbehörde in Bangladesch bei mehr als einer Mikrofinanzinstitution (MFI) verschuldet.

Die Rezeption der Investoren, MFI und EntwicklungspolitikerInnen einerseits und der EmpfängerInnen der Mikrokredite andererseits – sieht man mal von den Anekdoten über die Erfolge weniger Frauen ab, die per Internet und Hochglanzbroschüren verbreitet werden – könnte unterschiedlicher kaum sein. Das spiegelt sich auch im Umgang mit der Krise der Mikrofinanz wider. Immerhin hat das Desaster in Indien sogar die weltbanknahe CGAP – den größten Zusammenschluss von Mikrofinanz-Investoren mit Sitz in Washington – dazu gebracht, gravierende Fehlannahmen einzugestehen.

Seit nunmehr dreißig Jahren werden Mikrokredite vergeben, aber all die Jahre habe man nur auf die Rückzahlungsquote als Beleg für den Erfolg geschaut. Aber, so Richard Rosenberg von der CGAP, „niedrige Kreditausfälle bedeuten nicht, dass alles in Ordnung ist, sogar dann nicht, wenn die Berichte ehrlich und kompetent sind – auch dann zahlen die Schuldner möglicherweise nur zurück, indem sie unzumutbare Opfer auf sich nehmen.“ Damit gesteht die CGAP eine Lücke ein, auf die KritikerInnen der Mikrofinanz schon seit den 1990er Jahren hinweisen und worüber Journalisten immer wieder berichtet haben: Viele KreditnehmerInnen verschulden sich bei Nachbarn, Familienangehörigen und landen schließlich wieder bei den lokalen Geldverleihern. Sie schicken ihre Kinder zur Arbeit statt in die Schule und verkaufen ihr kleines Stückchen Land, ihre paar Hühner oder Ziegen, die sie für die Ernährung ihrer Familie so dringend benötigen, um die Ratenzahlungen an die MFI leisten zu können.

Aber diese Zugeständnisse einzelner VertreterInnen der Branche dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass trotz dieser Lippenbekenntnisse auch die institutionellen Investoren bei der CGAP am Konzept der Mikrofinanz festhalten. Sie glauben, mit vermeintlichen Verbesserungsvorschlägen die Probleme in den Griff zu bekommen.

Auf dem mittlerweile fünften internationalen Mikrokredit-Gipfel im spanischen Valladolid Ende vergangenen Jahres diskutierten 1.600 TeilnehmerInnen über solche Vorschläge: Spargruppen, Kreditbüros und Mikroversicherungen. Vielleicht ermöglichen sie tatsächlich das Überleben einiger MFI, die gewinnträchtige Geschäftsfelder neu entwickeln oder ausbauen. Den Preis dafür zahlen aber erneut die KreditnehmerInnen. Schon jetzt wird von vielen MFI das Zwangssparen praktiziert, um damit de facto ausfallende Ratenzahlungen zu refinanzieren. Auch Mikroversicherungen erhöhen letztendlich den Preis der Kredite, deren Zinssätze ohnehin schon bei zwanzig Prozent und höher liegen. Und dabei handelt es sich fast immer um Risikolebensversicherungen, deren Prämien beim Tode einer Kreditnehmerin deren ausstehende Ratenzahlungen für die MFI absichern sollen. Der Aufbau von Kreditinformationsbüros in Ländern wie Indien und Bangladesch führt höchstens zum Ausschluss der wirklich Armen, die dann künftig nirgendwo mehr einen Kredit erhalten werden, noch nicht einmal dann, wenn ein Notfall in der Familie eingetreten ist: Krankheit, Unfall, Wirtschaftskrise, Naturkatastrophe, Tod.

Der Gipfel in Valladolid war gut besucht, gekommen waren vor allem Investoren, MFI-ManagerInnen, VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen, Wirtschaftswissenschaftler, Entwicklungsexpertinnen und Politiker. Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen waren – bis auf wenige „Vorzeigefälle“ – nicht vertreten. Das ist typisch für fast alle Seminare und Fachkonferenzen zur Mikrofinanz, egal in welchen Ländern sie stattfinden. Die SchuldnerInnen sind nicht organisiert, haben keine Lobby. Und selbst bei der Grameen Bank, deren Gründer Muhammad Yunus gerne das Genossenschaftswesen als Vorbild zitiert, haben die EndkreditnehmerInnen keine Möglichkeit, die Geschäftsbedingungen zu beeinflussen. Die Mikrofinanz funktioniert nach dem Top-Down-Modell. Entgegen der viel verbreiteten Mär vom „Empowerment“ durch Mikrokredite werden die SchuldnerInnen zum Objekt degradiert. Die meist wöchentlichen Ratenzahlungen werden zum Taktstock, der künftig den Rhythmus ihres Lebens bestimmt.

Die Fachwelt ignoriert unzufriedene KreditnehmerInnen ebenso wie kritische wissenschaftliche Befunde. Bis heute gibt es keine seriösen wissenschaftlichen Studien, die Erfolge in der Armutsbekämpfung durch die Mikrofinanz belegen könnten. Das unterstreicht auch die im vergangenen Jahr durchgeführte Studie der Universität London „What is the evidence of the impact of microfinance on the well-beeing of poor people“. Mehrere WisssenschaftlerInnen haben mehr als 2.000 Untersuchungen zur Mikrofinanz ausgewertet und die bisher umfangreichste Studie vorgelegt.

Ebenfalls im Spätsommer des vergangenen Jahres erschienen Presseberichte über den Organhandel in Joypurhat, Bangladesch. Die Polizei hatte einen Händlerring aufgedeckt, an den vor allem überschuldete Kleinbauern- und bäuerinnen ihre Niere verkauft hatten – die meisten von ihnen waren KundInnen von MFI. Es wäre an der Zeit, nicht nur zu den fehlenden positiven Wirkungen der Mikrofinanz zu forschen, sondern deren negative Folgen systematischer zu untersuchen, auf die es bereits deutliche Hinweise gibt, etwa Kinderarbeit und Organhandel. Doch für solche, notwendigerweise aufwändigen Untersuchungen zur Mikrofinanz, die über eine schlichte Überprüfung betriebswirtschaftlicher Eckdaten hinausgehen, stehen kaum Gelder zur Verfügung.

Rezension des eben erschienenen Buches von Gerhard Klas: „Die Mikrofinanz-Industrie“ siehe S. 47, vgl. auch Titelgeschichte in SWM 12/2010.

Gerhard Klas arbeitet als Journalist und Autor für deutschsprachige Printmedien und den Hörfunk.

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