Die signifikante Leerstelle

Die Sklaverei als kollektives Trauma ist für viele KünstlerInnen weiterhin ein Thema. Das Buch „Sklaverei in Kunst und Literatur“ zeigt, wie weltweit das Unsagbare ausgedrückt, aber auch wie das Unhörbare angenommen wird.

Von Michaela Krimmer

Im Jahr 1800 malt die aus elitärem Hause stammende französische Malerin Marie-Guilhelmine Benoist ein Porträt einer schwarzen Frau. Stolz sitzt die Frau auf dem Bild da, schaut der Betrachterin, dem Betrachter fest in die Augen. Sie hat feine Züge, sie ist schön, sie ist ganz in Weiß gekleidet mit einem weißen Turban auf dem Kopf. Eine ihrer Brüste ist entblößt.

Benoists bekanntestes Gemälde Portrait d’une négresse wurde zum Symbol der weiblichen Emanzipation und der Menschenrechte. Sechs Jahre, bevor Benoist das Porträt malte, schaffte der französische Nationalkonvent die Sklaverei ab. Das Bild war ungewöhnlich für seine Zeit. Es bildete einen Menschen schwarzer Hautfarbe sehr schön ab, sehr stolz, sehr menschlich. Das war damals in den weißen Köpfen – und in der weißen Kunst – eine Seltenheit.

Würde man heute vor dem Gemälde im Musée du Louvre in Paris stehen, woran würde man denken? An Emanzipation und Menschenrechte? Oder würde einen ein unbehagliches Gefühl beschleichen, anhand dieser Zurschaustellung einer halb nackten Frau?

Die britische Künstlerin Maud Sulter sah nicht Emanzipation und Menschenrechte in dem Portrait d’une negresse. Sie sah die weiße Dominanz darin, sie sah, wie weiße Augen eine schwarze Weiblichkeit erschufen, sie sah die dominante Geschichtsschreibung über ein Kapitel der Menschheitsgeschichte, die noch immer auf das Heute wirkt: den transatlantischen Sklavenhandel und die Sklaverei.

Birgit Haehnel und Melanie Ulz: Slavery in Art and Literature. Approaches to Trauma, Memory and Visuality. Verlag Frank & Timme, Berlin 2010, 351 Seiten, € 39,80

Sie stellte das Bild um. Bonnie Greer, eine bekannte schwarze, britische (Drehbuch)autorin schlüpfte in dieselbe Pose wie auf dem Porträt – mit einem Unterschied: Sie bedeckte ihre Brust. Das Foto von Bonnie Greer hängt nun in der Portrait Gallery in London.

Bilder umformulieren und so Bilder entschärfen ist eine der Strategien, wie KünstlerInnen, AutorInnen und PerformerInnen mit dem umgehen, was „signifikante Leerstelle“ genannt wird. Das, was in der dominanten Geschichtsschreibung unter den Tisch fällt. In der visuellen Erinnerungspolitik werden kollektive Traumata oft verschwiegen, verzerrt oder nur teilweise dargestellt. Doch (kollektive) traumatische Erlebnisse erledigen sich nicht von selbst. Je mehr sie vergessen, je mehr sie verdrängt werden, auch weil sie gesellschaftlich missbilligt werden, desto mehr wollen sie an die Oberfläche.

Birgit Haehnel und Melanie Ulz haben in ihrem Buch „Slavery in Art and Literature. Approaches to Trauma, Memory and Visuality“ Beiträge über die künstlerische Aufarbeitung von Traumata versammelt, insbesondere in Bezug auf die Sklaverei. Dabei geht es nicht darum, immer wieder an die Gräueltaten der Vergangenheit zu erinnern, sondern zu zeigen, wie mit der Erinnerung daran im dominanten Diskurs (der USA und Europa) umgegangen wird. Beiträge von WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aus Afrika, Europa und den USA vereinen so nicht nur Blickwinkel verschiedener Kontinente, sondern auch unterschiedlicher Disziplinen. Der Ausgangspunkt ist die Sicht der Kunst des 20. Jahrhunderts auf die Sklaverei in Verbindung mit der aktuellen Traumaforschung der Cultural Studies.

Das Buch vergisst auch die „Gegenseite“ nicht. Denn zum Erzählen gehören zwei: Eine/r, die/der erzählt und eine/r, die/der zuhört. Kunst ist auch eine Form der mitfühlenden ZeugInnenschaft. Oft wird Trauma als etwas gesehen, das nicht gesagt werden kann. Doch das ist nicht wirklich der Fall. Oft ist der Wunsch zu reden, zu erzählen die treibende Kraft von traumatisierten Menschen, weiterzuleben.

Die Frage ist nicht so sehr, wer kann solche traumatischen Erlebnisse erzählen, sondern wer ist fähig, sie zu hören. Ein Trauma ist oft nicht unsagbar, sondern unhörbar.

Martina Kopf geht in einem Beitrag auf einfühlsame Weise auf das Phänomen der ZeugInnenschaft ein. Sie schildert das Beispiel von Harriet Jacobs, die in ihrem Buch „Incidents of a Slave Girl“ über ihre Vergewaltigungen als Sklavin erzählt. Doch der weiße, elitäre Zirkel des 19. Jahrhunderts blockte ab. Je mehr sie erzählen wollte, desto mehr schlossen sich die Türen.

(Individuelle) Traumaarbeit wird nutzlos bleiben, wenn sie nicht sozial anerkannt wird. Das hat an Aktualität nichts eingebüßt. So leistet dieses Buch auch einen Beitrag für die Gegenwart. Trauma und auch Sklaverei bestehen weiter auf dieser Welt. Zwischen 27 und 200 Millionen Menschen sind von Zwangsarbeit und Menschenhandel betroffen. Wie auch schon Harriet Jacobs vor 150 Jahren die Erfahrung mit ihrer elitären LeserInnenschaft machte, stellt sich erneut die Frage: „Sind unsere Ohren wirklich zu sensibel, um solche Geschichten zu hören?“

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen