Die Tattoos der alten Dame

Mit der jahrtausendalten Tätowierkunst ihrer Vorfahren hat die über hundertjährige Whang-od ihrem philippinischen Bergdorf neue Perspektiven eröffnet.

Von Leander Kränzle

© Lars Krutak

Es ist der erste Schritt einer zeitaufwendigen und mitunter schmerzvollen Prozedur, wenn die zierliche 103-jährige Whang-od einige lange, scharfe grüne Dornen von einem Zitronenbaum abbricht. In einer Kokosnussschale mischt sie Ruß mit Wasser und Zuckerrohrsaft. Daraus wird die Tinte. Diese wird mit einem Bambusstab, an dem die Dornennadel befestigt ist, schließlich unter die Haut eines oder einer Auserwählten geklopft. Punkt für Punkt entstehen so die Abbilder von Tausendfüßlern, Eidechsen, Farnen oder anderen Tieren und Pflanzen.

Die Tattookunst der philippinischen Ethnie der Kalinga und die Hoffnung von Whang-od gestochen zu werden, führten in den letzten Jahren tausende Reisende pro Jahr in das kleine Dorf Buscalan in den nördlichen Bergregionen der philippinischen Hauptinsel Luzon. Im Moment bleiben die TouristInnen coronabedingt aus. Zuvor waren sie über serpentinenreiche Bergstraßen von der Hauptstadt Manila aus per Bus in die Kalinga Provinz gelangt. Das letzte Wegstück muss man zu Fuß bewältigen.

TouristInnen, die es hierher geschafft hatten, brauchen aber noch eine Portion Glück, um wirklich eine Tätowierung von Whang-od zu erhalten. „Apo“, die Meisterin, behält sich vor, wen sie tätowiert und welches Motiv sie passend findet. An manchen Tagen ist sie einfach auch schon zu müde, um zu tätowieren.

Bedeutsame Rituale. Traditionell spielte das Tattoo in der Kultur der Kalinga und ihrer Beziehung zur Natur eine zentrale religiöse Rolle. Die Kalinga stehen mit guten Vorfahren und bösen Geistern in Kontakt, die sie durch Rituale anrufen oder beschwichtigen können. Das Tätowieren war und ist daher eines der wichtigsten und bedeutsamsten Rituale.

Männer bekamen Tattoos ursprünglich für kriegerische Leistungen. Bis zu fünf Feinde musste ein Krieger töten, um einen großen Adler auf der Brust tragen zu dürfen; ein Symbol für Macht, die auf den Träger übergehen sollte.

Frauen trugen Tattoos, die Fruchtbarkeit und Schönheit gewähren sollten und den Übergang ins Erwachsenenalter markierten. Auch heute tragen die Kalinga Tattoos. Sie stehen für Bildung, Reichtum oder politische Macht und sind weiterhin ein wichtiges und verbindendes Symbol für die Angehörigen dieser Ethnie.

Whang-od, die ihr ganzes Leben in Buscalan verbracht hat, ist die letzte „Mambabatok“ – Tätowiermeisterin – ihrer Generation. Im Kindesalter erlernte sie als eine der ersten Frauen die Tattookunst von ihrem Vater.

Ihre Beine zeugen von den damaligen Übungen, als sie und ihre Freundinnen sich gegenseitig tätowierten. Während sich dann aber viele von diesem traditionellen Handwerk abwandten und für „modernere“ Betätigungsmöglichkeiten das Dorf verließen, blieb Whang-od beim Tätowieren: zunächst stach sie auch Mitglieder anderer Dörfer, dann anderer ethnischer Gruppierungen und schließlich machte sie diese traditionelle Kunst Außenstehenden zugänglich, auch TouristInnen.

International bekannt. Durch den Besuch von AnthropologInnen und BloggerInnen hat Whang-od im vergangenen Jahrzehnt internationale Bekanntheit erlangt.

Wer nicht von ihr gestochen wird, kann ein Tattoo von einer von 25 anderen Tätowier-KünstlerInnen bekommen, die mittlerweile zur Hochsaison in Buscalan arbeiten.

Am Wochenende zählte das Dorf bis zu tausend BesucherInnen. Die BewohnerInnen boten Schlafplätze an, Männer arbeiteten als Guides, Frauen als Souvenirverkäuferinnen. Eine neue Straße wurde gebaut, die die Wanderung ins Dorf erleichtert. Wegen des lukrativen Tourismus verzeichnete das heute tausend EinwohnerInnen zählende Dorf in den vergangenen Jahren sogar Zuwanderung aus den Talregionen.

Die Entwicklung brachte aber auch Probleme: DorfbewohnerInnen beklagen sich über die durch die TouristInnen verursachte Umweltverschmutzung. Felder, die früher für die Landwirtschaft genutzt wurden, liegen heute brach.

Die neuen finanziellen Möglichkeiten bedeuten große Veränderungen für die Lebensweise, gerade der Jüngeren, die zwar im Dorf, aber nicht ohne Autos, Fernseher und Smartphones leben wollen.

Fest steht: Whang-od hat die einzigartige Tattoo-Kunst der Kalinga, ihre Geschichten und Bedeutungen, revitalisiert und sowohl ihr Bestehen als auch Einkommensmöglichkeiten für weitere Generationen gesichert. Ohne sie als ihre Patronin wäre diese möglicherweise verloren gegangen. Wie es nun in Zeiten der Corona-Krise weitergeht, ist völlig unklar. Buscalan muss warten, bis die Tattoo-PilgerInnen wiederkommen.

Leander Kränzle studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien. 2016 besuchte er Buscalan und beschäftigt sich seitdem mit unterschiedlichen Kulturen der Philippinen.

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