Die Teufelspferdchen

Tomás González

Von Werner Hörtner
Roman. Aus dem kolumbian. Spanisch von Peter und Ofelia Schultze-Kraft, unter Mitarbeit von Rainer Schultze-Kraft. Edition 8, Zürich 2008, 172 Seiten, € 17,80

ER, die Hauptperson dieses Romans, er, der namenlose Protagonist, der bis zum Schluss nur mit Attributen bezeichnet wird (z.B. „er, der sich heute im Laub verliert“), der 31-jährige ER fühlt sich ausgebrannt und beschließt, sich auf ein Landgut zurückzuziehen. Anfang der 1970er-Jahre kauft er oberhalb von Medellín ein vier Hektar großes, vernachlässigtes Grundstück, um sich seinen eigenen Mikrokosmos aufzubauen. Im Laufe der Jahre macht er aus dem Land mit ein paar halb verdorrten Kaffeesträuchern und Bananenstauden durch unermüdlichen Einsatz seiner Arbeitskraft und seiner Fachkenntnisse einen Garten Eden – ein Paradies, wie die BesucherInnen sagen. Eigentlich eine schöne romantische Geschichte.
Wenn, ja wenn wir uns nicht in Kolumbien befänden, in einer Zeit, in der sich der Drogenhandel wie eine Seuche auszubreiten beginnt, und wenn es da nicht ein Familientragödie gäbe, in die der Autor direkt involviert ist. Ein Drama von Liebe und Hass, von Tod und Einsamkeit. Der Autor ist einer der Brüder im Roman, deren Zerwürfnis sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, wie Peter Schultze-Kraft in seinem Nachwort erläutert. Das Schreiben als Überlebensmechanismus. „Er, der sich in der Vegetation verliert“, kapselt sich immer mehr von der Umwelt ab, schließt sich – mit Frau und den zwei Kindern – in seinem Mikrokosmos ein, versinnbildlicht im Bau einer hohen Mauer rund um das Grundstück.
Wie in keinem anderen der Romane von Tomás González (siehe Porträt des Autors in SWM 1-2/08 S.48) spielt in diesem Buch die gewalttätige Realität Kolumbiens eine tragende Rolle. Die zwei Brüder werden umgebracht; immer häufiger werden Leichen neben der Straße, die zum Landgut heraufführt, gefunden. Doch „er, der am liebsten in seine grüne Welt eintaucht“, scheint von all dem unberührt zu bleiben, er lebt mit Frau, Sohn und Tochter wie auf einer Insel der vegetalen Üppigkeit.
Und Gott, der Schöpfer – wie kann er nur so viel Gewalt, so viel menschliches und soziales Elend wollen? „Ist ein ziemlicher Reinfall, dieser Affe, der den Herrn der Schöpfung spielt, ein gefährlicher Irrer“, resümiert die Mutter des Protagonisten am Ende des Romans.

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