Die Tiger werden friedlich

Von Ralf Leonhard · · 2004/11

Im Oktober wurde eine hochrangige Delegation der „Tamil Tigers“, der tamilischen Guerillabewegung in Sri Lanka, auf der Burg Schlaining im Geheimen von Johan Galtung und Alejandro Bendaña in friedlicher Konfliktlösung geschult. Mit ihnen traf sich SÜDWIND-Mitarbeiter Ralf Leonhard.

Wir hassen das Töten!“ S. P. Tamilselvan, der Anführer des politischen Arms der tamilischen Befreiungsbewegung Tamil Tigers (LTTE) und Nummer Zwei der Organisation, präsentiert sich als Mann des Friedens. Im blauen Anzug mit tadellos gebundener Krawatte und einem durchaus charmanten Lächeln versteht er es, die friedfertige Einstellung glaubhaft zu machen. Der 38-jährige Tamilselvan brachte es während sieben Jahren aktiver Beteiligung am bewaffneten Kampf bis zum Rang eines Obersten in der Guerilla-Armee.
Seit mehr als 20 Jahren tobt in Sri Lanka ein Bürgerkrieg zwischen dem Mehrheitsvolk der buddhistischen Singhalesen und der hinduistischen tamilischen Minderheit, die vor allem im Norden und Osten der Insel lebt. Seit 22. Februar 2003 gilt ein prekärer Waffenstillstand, der in mühsamen Pendelmissionen von norwegischen Regierungsemissären vermittelt wurde. In den Tamilengebieten herrscht seither eine interimistische Selbstverwaltungsbehörde. Die Regierungsarmee, die schon lange nur mehr in Großoffensiven in das Tamilengebiet vordringen konnte, hält Abstand. Trotzdem kommt es immer wieder zu Gewaltakten, in letzter Zeit allerdings vor allem innerhalb der tamilischen Bevölkerung.

Für die politischen Morde der letzten Monate macht Tamilselvan eine Dissidentengruppe unter Major Karuna verantwortlich: „Das sind bewaffnete Gruppen, die mit der Armee kollaborieren und Spitzeldienste leisten. In Europa nennt man solche Leute Quislings.“
Diese Gruppe, angeführt von Karuna Muralitharan, habe sowohl eine Anzahl von Toten und Schwerverletzten unter den Tigern als auch politische Morde an Journalisten und Intellektuellen zu verantworten. „Damit verfolgen sie ein doppeltes Ziel: sie eliminieren Leute, die ihnen nicht passen, und diskreditieren die LTTE.“ Untersuchung finde keine statt, weil automatisch die Tiger beschuldigt würden. Karuna stammt nicht aus dem rein tamilischen Norden, sondern aus dem Osten, wo die Tamilen sich das Gebiet mit Singhalesen und Muslimen teilen. Er soll von der srilankischen Armee beschützt und politisch gesteuert werden.
Die Wahlen vom 2. April dieses Jahres brachten einen Regierungswechsel. Die Koalition, die den Waffenstillstand ausgehandelt hatte, wurde abgewählt. Die SLFP, die Partei von Präsidentin Chandrika Kumaratunga, konnte, in einer Allianz mit der marxistischen JVP und der NUA, eine relative Mehrheit von 105 der insgesamt 225 Sitze im Parlament erobern. Vor allem die JVP, die im Verhältnis zu ihrem größeren Partner gestärkt wurde, lehnt eine politische Lösung und Zugeständnisse an die Rebellen ab. Diese konnten sich dank des Waffenstillstandsabkommens erstmals an den Urnen messen. Mit vollem Erfolg. Die von den Tigern dominierte Allianz TNA eroberte 22 Sitze. In ihren Wahlkreisen sind das über 90 Prozent. Jetzt dient den Tamilen auch das Parlament als Plattform für ihre Autonomieforderungen.

Dass erstmals eine Delegation der LTTE nach Österreich kam, steht in Zusammenhang mit dem Einstieg Österreichs in die Friedensvermittlung. Sri Lanka ist weder ein wichtiger Wirtschaftspartner noch ein Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit. Doch manchmal führt der Zufall Regie. In diesem Fall in Gestalt eines Anrufes des damaligen Tourismusministers Karu Jayasuriya, der Außenministerin Benita Ferrero-Waldner noch aus seiner Zeit als Botschafter in Bonn kannte. Er fragte sie vor zwei Jahren, ob Österreich einen Beitrag zum Friedensprozess leisten könne. Die Ministerin bot an, dass die Konfliktparteien im Friedenszentrum Schlaining (European University Center for Peace Studies, EPU) in friedlicher Konfliktlösung geschult werden könnten. Das war im Jahre 2002.
Letztes Jahr organisierte das EPU dann zwei fünftägige Workshops in der Hauptstadt Colombo und in der östlichen Provinzmetropole Trincomalee. Eingeladen waren RepräsentantInnen aller Bevölkerungsgruppen, das sind neben Singhalesen und Tamilen auch die Muslime, die zwar ethnisch zu den Tamilen zählen, aber gesellschaftlich eine eigene Gruppe bilden und auch nie am bewaffneten Kampf beteiligt waren.
Anfang Oktober absolvierten Tamilselvan und seine engsten Gefolgsleute einen ersten Kurs auf der Burg Schlaining, der vor allem in Diskussionen mit dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung und dem ehemaligen nicaraguanischen Vizeaußenminister Alejandro Bendaña bestand. Die Philosophie des Friedensinstituts lautet, dass dem Gegner keine Zugeständnisse abverlangt werden, die dieser nicht leisten kann. Nur wenn man sich in die Position des Verhandlungspartners hineindenken kann, ist es möglich, dauerhafte Lösungen zu finden. Die LTTE hat ihre alte Forderung nach Eigenstaatlichkeit fallen lassen und würde sich mit einer weitgehenden Autonomie zufrieden geben. In ihrem Bemühen, die Regierung wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen, haben die Tiger darauf verzichtet, ein Autonomiestatut als Voraussetzung für Verhandlungen zu verlangen. Jetzt soll es Gegenstand der Gespräche sein. Tamilselvan: „Wir hassen Gewalt und fordern die Regierung auf, ehrlich zu verhandeln und eine brauchbare Alternative zur staatlichen Teilung auf den Tisch zu legen.“ Johan Galtung ist damit beschäftigt, ein Bundestaatsmodell zu entwerfen, das den Gegebenheiten von Sri Lanka entspricht.

Den Vorwurf, dass die LTTE Kindersoldaten an die Front schicke, hält Tamilselvan für einen Teil einer Verleumdungskampagne. Er weiß, was man in Europa hören will, auch wenn die Wirklichkeit anders sein mag. In den meisten Befreiungsbewegungen werden schließlich auch Jugendliche, oft Waisenkinder, die in der Organisation eine neue Familie finden, an der Waffe ausgebildet. Wer noch keine 18 sei, werde in die Schule geschickt, so beteuert der Tamilenführer. Allerdings meldeten sich in den von Repression betroffenen Dörfern praktisch alle für den bewaffneten Kampf: „Die Bomben unterscheiden nicht zwischen Kindern und Erwachsenen.“
Den Ruf, besonders grausam zu sein, verdanken die Tiger nicht zuletzt dem Einsatz von SelbstmordattentäterInnen. Damit stehen sie außerhalb der islamischen Welt allein. Doch der Rebellenführer hat dafür eine kulturelle Erklärung: „Wer sich dem bewaffneten Kampf anschließt, ist bereit, sein Letztes zu geben, auch das eigene Leben.“ Es handle sich nicht um Selbstmorde, sondern um „Opfer im Namen des Befreiungskampfes“. Denn gegenüber der numerischen Stärke der Regierungsarmee und deren überlegener Feuerkraft hätten manche Aktionen, etwa Überfälle auf Armeeposten, nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sich Einzelne aufopferten.

Derzeit gilt eine Art provisorische Verfassung in der rein tamilischen Nordregion. Die Macht übt eine Autonomiebehörde aus, die ihre eigene Polizei und Gerichtsbarkeit geschaffen hat. Die Gesetze, die dort vollzogen werden, beruhen auf einer Mischung des römischen, des britischen und des traditionellen tamilischen Rechts, das eigene Formen der kommunalen Konfliktregelung kennt. Die Todesstrafe, so Tamilselvan, soll abgeschafft werden, sobald es dauerhaften Frieden gibt.
Die Aussichten, die kriegsgeschüttelte Region um Jaffna in eine friedliche und prosperierende Provinz zu verwandeln, beurteilt Tamilselvan optimistisch. Während des Bürgerkrieges seien die Tamilen einem dauerhaften Embargo durch die Regierung ausgesetzt gewesen. Lebensmittel, Saatgut und Werkzeuge hätten eingeschmuggelt werden müssen. Dennoch habe die Bevölkerung überlebt und nie den Ackerbau vernachlässigt. Das militärische und das zivile Leben seien immer streng getrennt worden. Schulungen, die die Kämpfer der LTTE auf ein Zivilleben vorbereiten sollen, seien bereits in Gang: „Unsere Schulen werden von Freiwilligen geleitet, die nur einen symbolischen Lohn bekommen.“ Auch die Gesundheitsversorgung funktioniere dank freiwilliger Arbeit.
Ein Vierteljahrhundert Krieg hat die gesellschaftlichen Strukturen im Tamilengebiet verändert. Nach und nach übernahmen die Frauen nicht nur im Zivilleben wichtige Funktionen. Auch in der Rebellenarmee ist der Anteil von Kämpferinnen ständig gestiegen. Das Verhältnis, so Tamilselvan, sei zuletzt fast 50:50 gewesen, ebenso bei der autonomen Polizei und im Gerichtssystem. Die provisorische Regierung hat zuletzt eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die die Frauenrechte stärken. Die Gefahr, dass die Frauen im Frieden wieder auf ihre traditionelle Rolle zurückverwiesen würden, sieht er also nicht: „Frauen sind zu echten Partnerinnen geworden.“

Der Autor arbeitete lange als Korrespondent deutschsprachiger Medien in Nicaragua und lebt nunmehr als freier Journalist und Mitarbeiter des SÜDWIND-Magazins in Wien.

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