Die Trennlinie überschreiten

Eine israelische Familie rebelliert gegen den Wunsch nach Vergeltung.

Von Andreas Boueke
Guy Elhanan im Raum seiner Theaterklasse.

Freitagnachmittag im israelischen Hörfunk. Guy Elhanan moderiert seine kontroverse Talkshow mit dem arabischen Titel Netuley Harta, „Kein Müll“. Es geht um das Mit- und Gegeneinander von Juden und Arabern. Gast ist heute Aziz Abu Sarah, ein palästinensischer Journalist. Noch vor wenigen Jahren wäre er nicht einmal auf die Idee gekommen, mit einem jüdischen Moderator im Radio aufzutreten: „Ich war sehr aktiv in der Anti-Friedensbewegung.“ Mit 13 habe er sich der Fatah angeschlossen. „Damals habe ich geschrieben, dass Israel ein terroristisches Land ist, mit dessen Bürgern wir nie reden oder mit ihnen Kompromisse eingehen dürfen. Mit diesem Denken bin ich aufgewachsen. Der Umstand, dass ich jetzt in der Sendung von Guy bin, ist Beleg für eine große Veränderung in meinem Leben.“

Guy Elhanan ist 37 Jahre alt. Seine Eltern, sein Onkel und sein älterer Bruder sind alle bekannte israelische FriedensaktivistInnen, die sich um eine Aussöhnung mit den Palästinensern bemühen. Von militanten rechten Israelis werden sie auf einschlägigen Seiten des World Wide Web kübelweise mit Verachtung überschüttet.

Guys Schwester Smadar wurde 1997 von palästinensischen Selbstmordattentätern getötet. Bei der Beerdigung forderte die trauernde Mutter alle Anwesenden zur Aussöhnung mit den Palästinensern auf. Denn die israelische Besatzungspolitik sei verantwortlich für den Tod ihrer Tochter. Das war für viele ein Affront. Sie waren gekommen, um ihr Beileid auszusprechen, aber auch, um öffentlich Vergeltung und Genugtuung zu fordern.

Motza ist ein Stadtteil wohlhabender jüdischer Familien in den westlichen Hügeln Jerusalems. Die Eingangstür der Familie Elhanan erkennt man am bunten Aufkleber: „Free Palestine from ocupation“ – „Befreit Palästina von der Besatzung“. So eine Parole gilt in Israel als linksradikal, wenn nicht gar als Aufruf zum Terrorismus.

Guy ist schlank, trägt Vollbart und ist unfrisiert. Politische Inhalte seien ihm wichtiger als Äußerlichkeiten und Ordnung. Das war schon so, als er noch ganz klein war. Schon als Siebenjähriger nahm er an Demonstrationen gegen den damaligen Verteidigungsminister Yitzak Rabin teil. Von ihm stammte die Anordnung, Kindern, die Steine werfen, die Hände zu brechen.

Guy hatte eine behütete Kindheit, abgeschottet von den sozialen Unruhen jener Zeit. Seine kleine Schwester Smadar war eine seiner wichtigsten Bezugspersonen: „Wir waren uns sehr nah. Ich kam gerade aus der Pubertät raus, als sie rein kam. Es war die Zeit, in der Geschwister wieder zueinander finden, nachdem sie sich lange Zeit über angemuffelt haben.“

Die Geschwisterbeziehung wurde abrupt zerstört. Smadar war 14 Jahre alt, als sie starb. „Jetzt gibt es nur noch uns drei Brüder. Sie war das einzige Mädchen. Sie starb auf ihrem Schulweg zusammen mit fünf weiteren Zivilisten. Ich habe oft über die beiden Selbstmordattentäter nachgedacht. Sie stammten aus einer Familie vom Land, geradezu das Klischee einer palästinensischen Familie, patriarchal und all das. Ich habe die Trauer in den Augen ihrer Mütter gesehen. Es sah genauso aus wie bei meiner Mutter. Sie haben denselben Schock erlebt.“

Kurz vor Smadars Tod hatte Guy seinen dreijährigen Militärdienst begonnen. „Am Ende bin ich praktisch aus dem Land gerannt und kam sechs Jahre lang nicht zurück. Auf der einen Seite musste ich lernen, mit dem Trauma umzugehen. Auf der anderen Seite musste ich mich mit der Realität in Israel auseinandersetzen, die immer blutiger wurde.“ Zu der Zeit war die sogenannte Zweite Intifada ausgebrochen, ein Volksaufstand der Palästinenser, in dessen Verlauf über tausend Israelis und etwa dreimal so viele Palästinenser umgekommen sind. Guy meint, seither würden sich die beiden Gruppen noch mehr voneinander abschotten.

Guys Vater Rami Elhanan meint, man könne die Gegenwart ohne die Erfahrung der Juden während des Dritten Reichs nicht verstehen: „Die Erinnerung an den Holocaust ist ein zentrales Thema für unsere Identität, für unser Verhalten. In meinem Fall stecken die Gefühle so tief, dass ich keine Kontrolle über sie habe. Mein Vater war ein Jahr lang in Auschwitz. Er kam aus Ungarn und hat an dem Todesmarsch teilgenommen. Dort hat er die meisten seiner Familienangehörigen verloren.“

„Ein Kind zu verlieren, ist wie ein persönlicher Holocaust“, sagt Rami Elhanan. „Du versuchst jeden Morgen, einen Grund zu finden, um aus dem Bett zu kommen und weiter zu leben. Du suchst ein neues Ziel für dein Leben. Das entscheidende Erlebnis für mich war es, trauernde palästinensische Familienangehörige von Opfern des Konflikts kennen zu lernen. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich solche Leute nie zuvor getroffen hatte, obwohl ich mein ganzes Leben lang neben ihnen gewohnt habe. Aber ich bin nie über die Linie gegangen, die uns voneinander trennt. Von diesem Moment an habe ich mein Leben der Aufgabe gewidmet, überall hin zu gehen und zu sagen, dass wir nicht verloren sind. Wir können unser Schicksal ändern, indem wir miteinander sprechen. Die Lösung ist nicht im Vergeben oder Vergessen, sondern es geht ums Reden, mit Palästinensern, mit Deutschen, mit Siedlern, mit Gegnern des Zionismus, mit Zionisten.“

Seit dem Tod seiner Tochter hat Rami Elhanan viele Details über den harten Alltag der Palästinenser unter der israelischen Besatzung erfahren. Sie fühlen sich eingesperrt in ihren Dörfern, die sie nicht verlassen dürfen. Sie werden von jungen israelischen Soldaten schi­kaniert. Jeder Versuch des Aufbegehrens ist lebensgefährlich. Jüdische Siedler nehmen ihnen ihr Land weg. Die Besatzer bauen Wachposten und eine große Mauer.

Guy weiß, dass seine Mutter sich Vorwürfe macht und auch, dass sie nicht wirklich froh ist über seine Rückkehr nach Israel: „Ich habe sechs Jahre lang in Frankreich gelebt und hätte bleiben können. Ich weiß noch, wie ich dachte: ‚Ja, meine Mutter hat recht.‘ Aber da war noch etwas Anderes, Starkes. Das habe ich in die Waagschale geworfen. Zu der Zeit war dieser Apartheid-Staat Israel in einer so schlimmen Verfassung wie nie zuvor. Die Zahl der Toten war extrem hoch. Aber hätte ich mich entschieden, in Europa zu bleiben, dann hätte ich mein Land abgeschrieben und den Fanatikern überlassen. Ich bin zurückgekommen und das bedeutet, dass ich noch immer Hoffnung habe, dass ich noch immer an das glaube, was so viele Menschen hier tun, um die Lage zu ändern.“

Andreas Boueke stammt aus Deutschland und lebt seit zehn Jahren als freier Journalist und Buchautor in Guatemala.

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