Die Türen bleiben zu

Ein Virus stellt den Zusammenhalt unserer Gesellschaft auf die Probe. Wie mit Geflüchteten in Zeiten von Corona umgegangen wird und wie sie selbst mit der Krise leben.

Von Marina Wetzlmaier

© Illustration: Thomas Kussin

Distanz halten und damit solidarisch handeln, lautet das Gebot in Zeiten von Corona, das wir seit Anfang März alle gut kennen. Doch macht Solidarität (im Unterschied zum Virus) an den nationalen Grenzen halt? In dem Moment, in dem in Österreich Ausgangsbeschränkungen beschlossen wurden, harrten zehntausende Menschen in Flüchtlingslagern an den EU-Außengrenzen aus. Ohne Möglichkeit, die empfohlenen Präventionsmaßnahmen einzuhalten, versuchen sie sich von Tag 1 an selbst zu helfen. „Einige tragen selbst genähte Schutzmasken“, berichtete George Makris von Ärzte ohne Grenzen. Makris leitet auf der griechischen Insel Lesbos in der Nähe des Lagers Moria eine Kinderklinik. Ärzte ohne Grenzen entschied bereits vor einigen Jahren, nicht innerhalb des Camps zu arbeiten. „Wir wollen damit signalisieren, dass wir die Zustände in den Lagern nicht akzeptieren“, erklärt Makris.

In der Sackgasse. Ärzte ohne Grenzen betreut auch Geflüchtete auf der Insel Samos. Makris beschreibt die dortige hygienische Situation im Frühjahr 2020 als ähnlich wie auf Lesbos. Viele der 20.000 Geflüchteten im und rund um das Lager Moria sind Kinder.

Auch Ewa Ernst-Dziedzic, Nationalratsabgeordnete der Grünen, erzählt von vielen Kindern und Frauen. Sie hat das Lager auf Lesbos Anfang März besucht. „Ganze Familien sitzen seit Jahren in Griechenland fest“, sagt sie. Ohne Aussicht auf ein Asylverfahren, aber gleichzeitig ohne Mittel, wieder zurück in die Heimatländer zu gehen. „Diese Ausweglosigkeit, diese Sackgasse ist furchtbar.“

So schlimm die Situation vor Corona bereits war, die Menschen in den Lagern kamen im Zuge der Corona-Pandemie noch mehr unter Druck. Eine Ausbreitung des Virus in den Lagern wäre verheerend. Immer mehr Stimmen wurden laut, die Lager auf den Inseln zu schließen und die Menschen von dort wegzubringen. Bis zum Redaktionsschluss Ende April kam es nur zu symbolischen Gesten: Deutschland nahm 47 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf, es wurde geplant, rund 2.000 Ältere und Kranke aufs griechische Festland zu bringen. Insgesamt befinden sich rund 40.000 Menschen auf den griechischen Inseln.

Doch allein wie lange es dauerte, sich um eine kleine Gruppe der Geflüchteten zu kümmern, spricht Bände. Und nicht nur auf den Inseln sitzen Menschen fest. Laut der Initiative „SOS Balkanroute“, die vom Wiener Rapper Kid Pex gegründet wurde, sind zehntausende Flüchtlinge in Südosteuropa gestrandet. Viele von ihnen leben nicht in den offiziellen, sondern in sogenannten „wilden“ Camps. In Zelten aus Karton und Planen, der Kälte ausgesetzt. Da wie dort – Geflüchtete haben große Angst vor dem Coronavirus.

Lager auf Lesbos, Frühling 2020: Die Geflüchteten kamen durch den Corona-Ausbruch unter Druck.© David Pichler

Möglichkeiten wären da. Grünen-Politikerin Ernst-Dziedzic betont die europäische Verantwortung: „Wir reden darüber, als würde es sich ganz weit weg abspielen. Aber es handelt sich um europäischen Boden.“

Griechenland Gelder zu überweisen reiche als Maßnahme nicht aus. Schon gar nicht, wenn damit lediglich der „Grenzschutz“ finanziert werden sollte, so die Nationalratsabgeordnete.

Auf EU-Ebene hatte sich bereits eine „Koalition der Willigen“ gebildet, bestehend aus acht Staaten. Dann verschärfte sich in Europa die Corona-Krise, die alle anderen Themen überschattete.

„Auch Österreich kann sich nicht aus diesen humanitären Notlagen heraushalten“, betont Christoph Riedl von der Diakonie. Immerhin hatten sich mehrere Gemeinden dazu bereit erklärt, Geflüchtete aufzunehmen. Darunter die „BürgermeisterInnen mit Herz“, eine Initiative von 20 oberösterreichischen SPÖ-BürgermeisterInnen. Auch Innsbrucks Grüner Bürgermeister Georg Willi hatte sich zur Aufnahme von 200 Schutzsuchenden bereit erklärt. Die Entscheidung darüber liegt allerdings beim Bund.

Und da bräuchte es nur den politischen Willen, sagen NGOs. Quartiere gäbe es genug. Im Jahr 2015 mietete der Bund Unterkünfte auf zehn, fünfzehn Jahre an. Aufgrund der sinkenden Zahl an Asylsuchenden stehen diese nun leer und verschlingen Millionen an Miete, wie etwa Christian Schörkhuber von der Volkshilfe kritisierte (siehe SWM 5-6/2019).

Genau diese Quartiere würden sich als Quarantäne-Unterkünfte für neu ankommende Schutzsuchende eignen, sagt Doro Blancke vom Verein Fairness Asyl, der vor zwei Jahren gegründet wurde. Die Mitglieder engagierten sich aber bereits davor in der Betreuung und Beratung von Geflüchteten. Blancke betreut an die 180 unbegleitete Minderjährige, vorwiegend aus Afghanistan.

„Etwas zurückgeben“. Die Corona-Krise hat auch das Leben der jungen Geflüchteten beeinflusst. „Viele von ihnen haben österreichische Patinnen, die ältere Damen sind. Da sie sich dann nicht mehr treffen konnten, kommunizieren sie seitdem über Videochats“, berichtet Blancke. Außerdem erledigen die Jugendlichen die Einkäufe für ihre Patinnen. „Die Jungs freuen sich ja, dass sie ihnen etwas zurückgeben können.“

Blancke wohnt selbst mit Geflüchteten in einer Wohngemeinschaft. „Ich habe Respekt vor diesen Menschen“, lobt sie ihre Mitbewohner, die aus Rücksicht zuhause bleiben und alle Hygieneempfehlungen einhalten. „Einer meiner Mitbewohner arbeitet bei der Post“, erzählt sie. „Wenn er nach Hause kommt, desinfiziert er sogar die Türklinken.“

Dank der Initiative Fairness Asyl fanden viele junge Geflüchtete in privaten Wohngemeinschaften oder bei Familien eine Unterkunft. Für sie sind die Ausgangsbeschränkungen leichter zu verkraften als für jene, die in den Heimen leben. „Die Menschen sitzen oft zu viert oder zu fünft in einem Zimmer“, sagt Blancke.

Es bräuchte gerade in Krisenzeiten auch für sie mehr psychosoziale Betreuung, so die Flüchtlingshelferin. Denn die Menschen machen sich etwa Sorgen um ihre Familien im Iran, wo sich das Corona-Virus ebenfalls stark ausbreitete, oder in Afghanistan, wo die Versorgung immer schwieriger wurde.

Persönlicher Kontakt fehlt. Auch praktische Dinge sind eine Herausforderung, wie etwa die Schulaufgaben über Fern-Lernen online zu lösen. Die Probleme sind dabei meist gar nicht technischer Natur, da es in den Heimen drahtlose Internetverbindungen gibt und die Jugendlichen im Umgang mit ihren Smartphones geschult sind. Vielmehr fehlt die persönliche Ansprache und Betreuung.

Freiwillige, die früher Aufgaben noch einmal erklären konnten oder bei Lerntiefs motivierende Worte fanden, fehlen in Corona-Zeiten.

Blancke versucht, die unbegleiteten Minderjährigen telefonisch zu unterstützen, stößt aber schnell an ihre Grenzen.

Und: Auch Geflüchtete leiden unter zu wenig geselligem Zusammensein. Früher wurde gemeinsam gekocht oder Karten gespielt. „Die Situation macht sozial etwas mit unserer Gesellschaft, auch mit den Schutzsuchenden“, fasst Blancke zusammen.

Auf der Ebene der Asylverfahren befindet man sich ebenfalls in einer Ausnahmesituation. Fristen wurden aufgehoben, laufende Prozesse derzeit eingefroren, um später weitergeführt zu werden. Das schafft den Betroffenen nun mehr Zeit, aber zukünftig auch längere Wartezeiten. Abschiebungen finden aufgrund des eingestellten Flugverkehrs nicht statt.

Aktiv im Netz. Die Maßnahmen gegen das Corona-Virus beeinflussen auch die Aktivitäten der Zivilgesellschaft. So wurde eine für 21. März geplante Demo der „Plattform für eine menschliche Asylpolitik“ von der Straße ins Netz verlegt. Über Facebook, YouTube und das Radio konnten die Teilnehmenden den Redebeiträgen folgen: Es sprachen unter anderem die SPÖ-Politikerin und Ärztin Mireille Ngoso, Herbert Langthaler von der Asylkoordination und die Journalistin Susanne Scholl, die sich bei den „Omas gegen Rechts“ engagiert.

Ein Aufruf zog sich durch alle Statements: Solidarität darf nicht an den nationalen Grenzen Halt machen. Aus der Corona-Krise dürfe keine Krise der Menschenrechte werden.

Auch Mediziner Makris von Ärzte ohne Grenzen warnt davor, auf die Geflüchteten an den EU-Außengrenzen zu vergessen. Corona sei eine zusätzliche Herausforderung für die Menschen, die ohnehin bereits geschwächt sind.

In den Lagern kommen noch andere Infektionskrankheiten wie Masern vor, weshalb NGOs Impfaktionen durchgeführt haben. Auch Hautkrankheiten wie die Krätze breiten sich schnell aus. Makris fordert nicht nur eine vollständige Evakuierung der Camps, sondern es sei auch notwendig, die Geflüchteten in den nationalen Plänen zur Bewältigung der Corona-Krise zu berücksichtigen: „Alles andere wäre eine Diskriminierung.“

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und lebt in Wels/Oberösterreich.

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