Die Ungeliebten

Es ist kaum bekannt, dass heute in Lateinamerika an die zwei Millionen Roma leben. Ihre Ursprünge gehen bereits auf die erste Zeit der spanischen und portugiesischen Kolonialisierung zurück.

Von Katharina Deman
Seitdem Roma vor weniger als 1000 Jahren von Indien nach Europa kamen, wurden und werden sie diskriminiert und verfolgt. Menschenrechtsorganisationen berichten beinahe täglich von Übergriffen auf Roma und von ihren häufig Besorgnis erregenden Lebensumständen in der Slowakei, Rumänien, Serbien und Montenegro, um nur wenige aktuelle europäische Beispiele zu nennen. Wie sieht die Situation der Roma jedoch auf anderen Kontinenten aus?
Kaum bekannt ist die Tatsache, dass heute je nach Schätzung 1,5 bis 2,5 Millionen Roma in Lateinamerika leben: in Brasilien (1 Million), Mexiko (500.000), Argentinien (300.000), Chile (20.000) sowie jeweils einige tausend in Kolumbien, Peru, Uruguay und Ecuador.
Wann und unter welchen Bedingungen kamen Roma nach Lateinamerika? Wie leben sie heute? Die Quellenlage ist dürftig.

Der Beginn der Geschichte der Roma Lateinamerikas liegt in Europa, in der grausamen Abschiebungspolitik spanischer und portugiesischer Herrscher des 16. – 18. Jahrhunderts. Die in ganz Europa beliebte Praxis der Abschiebung unliebsamer BürgerInnen („kriminelle und nicht-sozialisierbare Bürger“ – u.a. nicht-sesshafte Roma), wurde sozialpolitisch und ökonomisch begründet: Zum einen sollte in den Kolonien der Mangel an Arbeitskräften behoben werden und zum anderen erhoffte man sich, die Roma vom europäischen Boden endgültig vertreiben und auf amerikanischem Boden sozialisieren, assimilieren und zu „Christenmenschen“ erziehen zu können.
Von den Roma selbst wird oftmals erzählt, dass die erste Roma-Familie schon 1497 im Zuge der dritten Reise von Kolumbus nach Lateinamerika kam.
In einer Urkunde wird als erster Rom Johão de Torres erwähnt, der 1574 auf einer portugiesischen Galeere Zwangsarbeit leisten musste und nach Brasilien verfrachtet wurde. Ab 1674 wurden Roma-Frauen von der portugiesischen Regierung nach Afrika deportiert, während ihre Männer auf den Galeeren ausgebeutet wurden. Durch diese systematische Trennung der Familien versuchte man, das soziale Gefüge und die kulturelle Identität der Roma zu zerschlagen. Ab 1686 wurden Gruppendeportationen nach Brasilien zur gängigen Praxis der Abschiebung von Roma, die sich in Portugal der Sesshaftmachung entzogen hatten.

Die Politik Spaniens gegenüber Roma schwankte zwischen Einreiseverbot in die Kolonien und Deportation ebendorthin. Über Jahrhunderte hinweg praktizierte die spanische Krone auf dem europäischen Festland eine Reihe drastischer Verfolgungsmaßnahmen. So ordneten ab 1499 die katholischen Könige die Zwangssesshaftmachung aller Roma in Spanien an: Wer diesem Gesetz nicht binnen 60 Tagen nachkam, wurde verhaftet, versklavt und nach Lateinamerika deportiert.
Doch es gab auch eine gegenläufige Tendenz. Bereits im 16. Jahrhundert fürchtete Spanien um seine Kolonien in Lateinamerika: Die Roma würden auf dem amerikanischen Kontinent noch „schlechter“ leben als in Spanien, könnten die „armen Indios verderben“, sich mit „den Engländern, Franzosen und anderen Ausländern“ einlassen, Schwarzmarkt betreiben usw.
1570 erließ Spaniens König Philipp II. ein allgemeines Einreiseverbot für Roma in die Kolonien; 1581 ordnete er die Rückdeportation der Roma aus Lateinamerika an – mit dem Argument, dass man sie in Europa besser unter Kontrolle hätte.

Der Terror gegen Roma setzte sich in Spanien bis ins 18. Jahrhundert fort. Im Sommer 1749 wurden innerhalb eines einzigen Tages bis zu 12.000 Roma, Frauen, Männer und Kinder, gefangen genommen. Der Bischof Vázquez Tablada von Oviedo verlangte die Deportation aller männlichen Roma in (Arbeits–)Gefängnisse in den Kolonien zur Umerziehung, während die Frauen getrennt von den Kindern und den Alten in spanische Gettos gesperrt werden sollten. Als moralische Rechtfertigung diente der Verweis, dass die Roma keine Religion hätten.
Aufgrund des zunehmenden Drucks lateinamerikanischer Gouverneure, die sich über den zerstörerischen Einfluss der „gefährlichen“ Roma in den Kolonien beschwerten, fiel die so genannte amerikanische Lösung im Laufe der Jahre wieder in Ungnade. 1783 kam es zu einem endgültigen Ende der Deportationen, und in Spanien wurden die Roma unter Strafandrohung erneut gezwungen, sesshaft zu werden.
Doch weder in Europa noch in Lateinamerika konnten sich Roma zu ihrer Identität bekennen. Die Flucht in die Anonymität wurde zur unabdingbaren Überlebensstrategie und zum gemeinsamen Schicksal vieler Roma auf der ganzen Welt.
Über die weitere Geschichte der ersten Roma Lateinamerikas ist nichts bekannt. Die Roma, die heute in Lateinamerika leben, sind in der Regel Nachkommen europäischer MigrantInnen: Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen Roma mehrheitlich aus Osteuropa, aus Rumänien, Russland und Ungarn. Während der beiden Weltkriege flüchteten sie aus sämtlichen Teilen Europas nach Lateinamerika.

Die Roma Kolumbiens gehören zu den Kalderasch-Roma. Ihre Sprache, das Romanes, ist eine alte indische Sprache, die im Wesentlichen von Roma in aller Welt verstanden wird.
Die Roma arbeiten in Kolumbien als HändlerInnen, Mechaniker oder (Kupfer-) Schmiede, hauptsächlich im informellen Sektor, weshalb sie oft mit den städtischen Behörden in Konflikt geraten. Das Handlesen und Kartenlegen hat sich als kultureller sowie ökonomischer Beitrag seitens der Roma-Frauen erhalten. Die wirtschaftliche Lage der Roma Kolumbiens ist dennoch schlecht: Der Lebensstandard liegt unter dem ohnehin geringen nationalen Durchschnitt, und die Rate des Analphabetismus ist hoch. Die Diskriminierung seitens der Nicht-Roma ist mit der Situation in Europa zwar nicht vergleichbar, jedoch im Alltag spürbar, etwa bei der Wohnungssuche oder der Arbeit der Frauen auf der Straße.
Der Bürgerkrieg vor einem halben Jahrhundert und die anhaltenden sozialen Konflikte am Land nötigten die Roma zu einem Verhalten, das das Großfamiliengefüge und althergebrachte Traditionen gefährdete: Landflucht in größere Orte wie Bogotá, Cúcuta, Cali bzw. Auswanderung nach Venezuela, Ecuador oder Peru, Aufgabe der traditionellen, ambulanten Berufe (Tierhandel und –zucht, Schmiedekunst, Zirkusgewerbe) sowie der mehrmonatigen Reisetätigkeit. Heute haben die Roma das Zelt durch einfache Einfamilienhäuser ersetzt, wo sie in größeren Verbänden auf engstem Raum leben. Der verlorene Gruppenzusammenhalt wird in radikalen evangelikalen Kirchen gesucht, die langfristig wichtige Elemente der Roma-Kultur (orale Erzählkunst, Feste, Riten) zerstören werden.

Ausgehend von jungen, engagierten Roma entstand – ähnlich wie in Europa – in den 90er Jahren eine Bewegung der politischen Organisation: Roma in ganz Lateinamerika gründeten Vereine, (Internet-)Plattformen und organisierten internationale Treffen. So nahmen z.B. Roma-VertreterInnen Kolumbiens an der UN-Konferenz gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorletztes Jahr in Johannesburg teil.
1999 erwirkte die kolumbianische Organisation PROROM (Proceso Organizativo del Pueblo Rom (Gitano) de Colombia) die Anerkennung der Roma als Volksgruppe. Derzeit entwerfen PROROM-AktivistInnen in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ein eigenes Modell mit Maßnahmen zur Integration der Volksgruppe in Bereichen wie Gesundheit, Erziehung, Berufsausbildung, um Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Situation der Roma zu treffen, ohne ihre soziokulturelle Autonomie zu gefährden.


Roma und Sinti
Als übergeordnete Eigenbezeichnung bietet sich „Roma“ an, das den Plural von „Rom“ / (Ehe-) Mann darstellt. Einige Linguisten leiten den Begriff „Roma“ aus dem Indischen „doma/domba“ ab, die Bezeichnung der indischen Kaste der Spielleute, Musikanten und Sänger. Der Umstand, dass viele Sinti nicht als Roma, sondern als Sinti (Sinte) angesprochen werden wollen, hat zur Schöpfung der Sammelbegriffe „Roma und Sinti“, oder „Roma, Sinti, Manusch (Frankreich) und Kale (Spanien)“ geführt.
Die Kalderasch sind die weltweit verbreitetste Roma-Gruppe, u.a. auch im Raum Wien ansässig. Die Eigenbezeichnung leitet sich aus dem Rumänischen „caldare“/ Kessel ab und deutet auf ihr primäres Gewerbe, die Metallverarbeitung, hin. Die Kalderasch haben im allgemeinen feste Familienstrukturen, Traditionen sowie ihre Sprache erhalten und pflegen Kontakte zu anderen Kalderasch in Europa, Nord- und Südamerika.
Die Sprachvariante der Kalderasch-Roma ist in Lexik, Morphologie und Phonologie stark durch die rumänische Sprache geprägt. Die Roma wurden bis ins 19. Jahrhundert auf dem heutigen Gebiet Rumäniens (Walachei, Moldawien, Transsylvanien) 500 Jahre als Leibeigene und Sklaven gehalten.

Die Autorin, geboren 1972 in Graz, Sprachwissenschafterin und Mitarbeiterin des Projekts Romani des Instituts für Sprachwissenschaft der Universität Graz, lebt seit 2000 in La Paz, Bolivien. Nach zwei Feldforschungsaufenthalten in Kolumbien arbeitet sie s

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