Die Unsichtbaren von Singapur

Glänzende Hochhäuser, saubere Straßen und elegante Einkaufstempel prägen das Bild des Stadtstaats Singapur. Hinter der schillernden Fassade schuften hundertausende Billigarbeitskräfte rund um die Uhr.

Von Christa Wüthrich
„Schließ mich nicht ein. Missbrauch mich nicht.“ Hausangestellte fordern ihre Rechte.

Die Endstation vieler Träume liegt im Osten Singapurs in einem einfachen Haus mit 60 Betten. „Wer hier wohnt, hat alles verloren – außer dem Heimweh“, sagt Lea A. Als Hausangestellte in Singapur wollte die Filipina die Basis für ein besseres Leben schaffen. „Mein Arbeitsalltag war die Hölle. Sexuelle Belästigung, keine freien Tage und nur wenige Stunden Nachtruhe: Ich habe meinem Arbeitgeber erklärt, dass dies illegal ist. Er hat nur gelacht. Nach wenigen Wochen habe ich die Flucht ergriffen.“ Nun sitzt die 27-jährige, psychisch angeschlagen und von Heimweh geplagt, mit Dutzenden anderen Frauen in der Notunterkunft für „geflüchtete“ Hausangestellte. Einige Frauen finden nach wenigen Wochen eine neue Arbeit. Andere warten monatelang in der „Schutzunterkunft“ auf ihre Verfahren, in Leas Fall das Strafverfahren gegen ihren Arbeitgeber.

Betrieben wird die Auffangstation von der Organisation HOME (siehe Kasten). Die Flucht vor dem Arbeitgeber und der Schritt in die vermeintliche Freiheit bedeuten in Singapur den Sprung in die Illegalität. Eine Hausangestellte ohne Arbeitgeber hat kein Recht, im Land zu bleiben. „Ist ein Arbeitsverhältnis zerrüttet und die Angestellte flieht, findet die Betroffene in unserer Notunterkunft Unterschlupf. Sie darf im Land bleiben, bis ihr Fall abgeschlossen ist“, erklärt Jolovan Wham, Geschäftsführer von HOME. Die Organisation bietet Arbeitsmigrantinnen eine Telefon-Hotline mit rechtlicher Beratung und im Extremfall eine Unterkunft, Nahrung, einen Anwalt und medizinische Hilfe. Pro Jahr betreut HOME an die 2.000 Arbeiterinnen, finanziert durch Spenden und Stiftungen.

Eine knappe Million so genannter Billigarbeitskräfte verdient ihr Geld in Singapur: auf Baustellen, in der Schifffahrt, im Service oder als Hausangestellte. Eine weitere halbe Million AusländerInnen arbeiten in der südostasiatischen Metropole als Fachkräfte. HOME konzentriert sich auf die 211.000 weiblichen Hausangestellten. „Diese Frauen fallen nicht unters Arbeitsgesetz. Feiertage, Entschädigung im Krankheitsfall oder Arbeitszeiten – nichts ist gesetzlich geregelt“, konkretisiert Jolovan Wham.

Das Arbeitsministerium, welches für die Belange der Hausangestellten zuständig ist, gibt zwar gewisse Richtlinien vor – gesetzlich verankert sind aber nur wenige, wie das Recht auf einen freien Tag pro Woche oder ein Mindestalter von 23 Jahren bei Arbeitsantritt. Das Ministerium zwingt die Angestellten, sich alle sechs Monate einem Gesundheitstest zu unterziehen. Wird dabei eine Krankheit oder eine Schwangerschaft festgestellt, verliert die Hausangestellte ihre Arbeit und wird in ihr Heimatland zurückgeschickt. Auch Hausangestellte im Pensionsalter werden zurück ins Herkunftsland befördert. Laut dem Ministerium sind Billigarbeitskräfte nur zum Arbeiten im Land. Sind sie dazu nicht mehr fähig, werden sie abgeschoben.

Der Lohn einer Hausangestellten liegt zwischen 260 und 470 Euro pro Monat – je nach Arbeitgeber und Arbeitserfahrung. Für Kost und Logis, Krankenkasse und eine monatliche Abgabe an den Staat kommt der Arbeitgeber auf. Vom kargen Lohn bezahlen die Angestellten in den ersten Monaten die Vermittlungsgebühren der Agenturen, die zwischen sechs und acht Monatsgehälter betragen. Wer nach einigen Wochen aufgibt und ohne Geld zurück in die Heimat fliegt, muss nicht nur die eigene Enttäuschung ertragen, sondern sieht sich auch einem Schuldenberg und dem Unverständnis seiner Familie gegenüber. „Von meinem Singapur-Gehalt hätte meine ganze Familie profitiert“, erklärt Lea ernüchtert. Als Leiterin eines kleinen Supermarktes hatte sie auf den Philippinen gerade mal 90 Euro verdient. „Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben und genau richtig, um im Ausland sein Glück zu suchen.“ Mehr als zehn Millionen PhilippinerInnen, rund zehn Prozent der Bevölkerung, arbeiten als Billigarbeitskräfte im Ausland und verdienen dort das Mehrfache von dem, was sie in ihrer Heimat für die gleiche Arbeit erhalten würden.

Angesprochen auf das Schicksal der Hausangestellten in Singapur schütteln viele Einheimische nur den Kopf. „Haushaltshilfe quält alte Frau – Gefängnis!“ oder „Maid misshandelt Zweijährigen – 33 Monate Gefängnis!“ sind gängige Schlagzeilen in der singapurischen Presse. GastarbeiterInnen werden oft als Bedrohung angesehen – unehrlich und berechnend. Die Presse bekräftigt dieses Bild. Wird ein Einheimischer vergiftet oder erstochen, ist zuerst immer die „Maid“ die Verdächtige. Jede Hausangestellte, die in eine Ermittlung verwickelt ist – sei es als potenzielles Opfer oder als Täterin – muss sich einem Lügendetektortest unterziehen. Für die Mehrheit der Einheimischen sind die GastarbeiterInnen Menschen zweiter Klasse; ein notwendiges Übel. Denn der Kleinstaat, ein Musterbeispiel an Sicherheit und Sauberkeit, muss erstklassig „unterhalten“ werden – und das braucht Arbeitskräfte. Trotz rückläufiger Geburtenrate (1,2 Geburten pro Frau) hat Singapur seine EinwohnerInnenzahl in den letzten dreißig Jahren mehr als verdoppelt, auf über fünf Millionen. Nirgends auf der Welt gibt es eine größere Dichte an MillionärInnen und nirgends leben – relativ gesehen – mehr MigrantInnen.

Doch es ist zu einfach, ein ausschließlich negatives Bild von Singapur und dem Umgang mit seinen Hausangestellten zu zeichnen. Denn es gibt Erfolgsgeschichten: Hausangestellte, deren Salär und Ferientage westlichen Standards entsprechen. Arbeiterinnen, die ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen und damit den Ausstieg aus der Armut initiieren. Aber auch Hausangestellte, die Kurse belegen und Schulen besuchen.

Als Paradebeispiel dient Rebecca Bustamante. Die gebürtige Filipina wuchs mit zehn Geschwistern in ärmsten Verhältnissen auf. Mit 18 Jahren verlor sie ihre Mutter. Damit sie die Schulgebühren für die jüngeren Geschwister zahlen konnte, zog sie mit 19 Jahren nach Singapur, um als Hausangestellte zu arbeiten. „Ich hatte einen freien Tag pro Monat. Den verbrachte ich an der Universität und ließ mir das Lernmaterial für den ganzen Monat aushändigen. Ich schloss mein Grundstudium ab, ohne dass es mein Arbeitgeber merkte“, erinnert sich die 48-jährige. Später fand sie als Kindermädchen Arbeit in Kanada, studierte, heiratete, arbeitete als Marketingchefin und baute ihr eigenes Unternehmen auf. Vor fünf Jahren gründete die Mutter von zwei Teenagern das Asia CEO Forum; eine Plattform, die internationale Unternehmen mit philippinischen Firmen vernetzt. „Ich wollte meinem Land etwas zurück geben und zeigen: Ich hatte nichts und habe eine Zukunft für mich und meine Familie geschaffen. Es ist möglich: glaubt daran und tut es!“

Für Lea und ihre Kolleginnen in der HOME-Notunterkunft bleibt Rebeccas Geschichte ein unerreichbarer Traum – sie kennen mehr Geschichten ohne Happy End, wie das der jungen Hausangestellten, die 2011 starb, nachdem ihre Arbeitgeber der 26-Jährigen Nahrung, Ruhe und medizinische Hilfe verweigerte. Das ältere Ehepaar wurde vergangenen März zum Tod durch Erhängen verurteilt.

Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Singapur.

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