Die Unverwüstlichen

Inti Illimani, fast schon musikalisches Weltkulturerbe Chiles aus der Allende-Zeit, erleben eine Renaissance und gehen auf Welttournee.

Von Michaela Seywald
Seit vier Jahrzehnten gelten sie weltweit aufgrund ihres Eintretens für Frieden und Gerechtigkeit als die lateinamerikanischen Botschafter der Menschenrechte und als „das wahre Weltkulturerbe Chiles“: die Musikgruppe Inti Illimani, deren Werdegang untrennbar mit Chiles politischem Schicksal der 1970er und 1980er Jahre verbunden ist. Die 1967 in Santiago de Chile gegründeten „Inti“ bekannten sich von Anfang an zur „Nueva Canción Chilena“ mit den beiden Sängerlegenden Víctor Jara und Violeta Parra. 1970 unterstützten sie Salvador Allende kräftig im Wahlkampf und vertonten Teile des Wahlprogramms der Unidad Popular, der späteren Regierung der Volkseinheit. Der von Sergio Ortega geschriebene Text „El pueblo unido jamás sera vencido“ (das vereinte Volk wird niemals besiegt werden) wurde von den Inti Illimani 1973 vertont und wird heute noch bei jedem ihrer Auftritte begeistert vom Publikum mitgesungen. Er ist mittlerweile zum festen Bestandteil der internationalen Protestkultur geworden.
Als sich am 11. September 1973 General Pinochet an die Macht putschte, waren Inti Illimani gerade auf Europatournee. Es folgte ein Exil bis 1988 in Italien, wo sie breite Unterstützung für ihre politischen Anliegen fanden. Jorge Coulon, Inti-Mitglied der ersten Stunde, drückt die politische Einstellung seiner Gruppe folgendermaßen aus: „Wir waren nie so politisch, dass es Propaganda war. Wir waren nie eine politische Gruppe im eigentlichen Sinne, aber wir waren politisch engagiert. Wir haben unsere Vorstellung von einer Gesellschaft und von den Beziehungen zwischen den Menschen und wir versuchen, unsere Ideen in die Musik zu übersetzen.“

Während ihres Exils gaben die Inti auf der ganzen Welt hunderte Solidaritätskonzerte und brachten zahlreiche Alben auf den Markt – jüngst erschien das dreiundvierzigste.
Im September 1988 wurde das Einreiseverbot aufgehoben, die Musiker kehrten so wie Tausende andere ChilenInnen in ihre Heimat zurück. Kurz darauf spielten sie gemeinsam mit Weltstars wie Bruce Springsteen, Sting und Tracy Chapman auf einem legendären Amnesty-International-Konzert in Mendoza in Argentinien für ein Ende der Militärdiktatur – das dann, nach dem für Pinochet missglückten Plebiszit, auch tatsächlich bald eintrat.
Bei den Auftritten der Inti lebt die linke Bewegung der Allende-Zeit immer wieder auf, obwohl die Idole jener Epoche, Allende, Víctor Jara, Pablo Neruda u.a., seit Jahrzehnten tot sind. Das Publikum skandiert: „Allende, presidente, hoy y para siempre“ (Allende, Präsident, heute und für immer) oder „Allende, Allende, la patria no se vende“ (Allende, die Heimat wird nicht verkauft). Das Schicksal Víctor Jaras, des großen Sänger-Idols, der wenige Tage nach dem Putsch von den Schergen der Militärdiktatur grauenhaft gequält und schließlich ermordet wurde, bringt heute noch zahlreiche Menschen zum Weinen, wenn Lieder für ihn angestimmt werden.

Auch wenn die Gruppe politisch nach wie vor eindeutig einzuordnen ist, tragen seit einigen Jahren ihre Lieder doch weniger revolutionäre Titel, was auch als Anpassung an die aktuelle Situation in Chile verstanden werden kann. „Während der Diktatur war die eindeutige politische Positionierung notwendig, um für die Demokratie kämpfen zu können“, meint ein Fan. Zwar bleiben die politischen Idole der Vergangenheit nie unerwähnt, doch wenden sich die Inti heute vor allem aktuelleren Themen zu, etwa dem Kampf der Mapuche oder den jüngsten Demonstrationen für eine Verbesserung des Bildungssystems. In Hinblick auf diese Massenproteste der Jugendlichen meint Jorge Coulon: „Diese Bewegung ist eine Hoffnung, dass Chile nicht an einer tödlichen Krankheit leidet, sondern dass wir ein Recht darauf haben, in einem Land zu leben und nicht in einem Supermarkt.“
Der für die Inti Illimani typische andine Stil, welcher geprägt ist von mehr als dreißig Instrumenten, mehrstimmigem Gesang und einer ungeheuren rhythmischen Vitalität, zieht alle Generationen in den Bann. Seit einigen Jahren nimmt die Gruppe vermehrt andere südamerikanische Stilrichtungen auf und überrascht auch mit jazzigen Elementen.
Mit ihrer kürzlich erschienen CD „Pequeño mundo“ (kleine Welt) werden die Inti bereits im August eine Welttournee starten und dabei sowohl die nach dem Exil im Ausland verbliebenen ChilenInnen als auch die ausländischen Fans auf ihren Konzerten mitreißen. Heuer stehen die USA und Italien auf dem Programm, im Jahre 2007 dann weitere europäische Länder und wahrscheinlich auch Österreich.

Michaela Seywald studiert in Wien Internationale Wirtschaftsbeziehungen und verbrachte kürzlich ein Auslandssemester an der Universidad de Valparaíso.

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