Die Vergangenheit vergessen

Angola drei Jahre nach dem Krieg: In dem Dorf Chitunda leben ehemalige Rebellen und Soldaten der Regierungsarmee Tür an Tür. Vom Krieg will niemand mehr reden, doch fühlen sich viele beim Wiederaufbau allein gelassen.

Von Martina Schwikowski
Das Dorfkomitee hat sich in Chitunda auf dem staubigen Platz vor der kleinen Schule versammelt. Debattieren ist Männersache. Frauen haben in der Runde nichts zu suchen. Sie sitzen vor den roten Lehmhütten oder gehen dem Alltag nach, der seit dem Friedenschluss in Angola 2002 auch in Chitunda wieder Einzug gehalten hat. Allerdings ist das Leben beschwerlich. Der 27-jährige Krieg hatte wie in so vielen Dörfern auch in Chitunda, in der Gemeinde Amboiva im südwestlichen Hochland der angolanischen Provinz Cuanza Sul gelegen, die Menschen zur Flucht gezwungen. Zurück blieben verwucherte Äcker und von feindlichen Soldaten zerstörte Hütten. Als Carlos Nanga vor zwei Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrte, hatte er 28 Jahre in der Stadt Huambo in der gleichnamigen Provinz verbracht, dem Hauptsitz der UNITA-Rebellen. Heute kam der hagere Mann aus der 15 Minuten entfernten Hüttensiedlung Luambimbi, um zu hören, was die Männer im Hauptdorf mit den fremden Besuchern bereden.
Vom Krieg will niemand mehr etwas wissen. „Der Krieg kam von außen, von der Hauptstadt Luanda. Und dort haben alle dran verdient, besonders im kalten Krieg“, sagt Domingos Sardinha. „Wir haben unser Leben lang im Krieg verbracht.“ Nickende Köpfe bestätigen den Unwillen, je wieder in den Kampf zu ziehen. Nach der Rückkehr ins Dorf gab es anfänglich viele Ressentiments unter Nachbarn. Frühere Rebellen der antikommunistischen UNITA (União Nacional para a Independência Total de Angola) und Soldaten der vom Ostblock unterstützten Regierungspartei MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) leben dort Tür an Tür. „Keiner redet mehr davon“, meint Sardinha. „Wir haben uns vergeben. Sonst könnten wir nicht miteinander leben.“

Die Männer sind müde. Der erste Waffenstillstand mit Wahlen 1992 hatte einige zurück in ihr Dorf geführt, doch als der Krieg kurz darauf wieder aufflammte, flüchteten sie erneut in die Städte oder lebten in Lagern nahe der Kreisstadt Seles. Ein weiteres Friedensabkommen scheiterte 1998. Das Misstrauen war auch beim letzten Friedensschluss nach dem Tod von Rebellenführer Jonas Savimbi im Jahr 2002 noch groß. „Inzwischen sind die Waffen abgegeben worden“, sagt UNITA-Anhänger Sardinha. Etwa 105.000 UNITA-Kämpfer und 240.000 Angehörige gingen durch die Entmilitarisierungs- und Integrationslager. 33.000 Soldaten der Armee sollen laut Plan ebenfalls entwaffnet werden, und zwei Millionen der geschätzten knapp 3,8 Millionen Vertriebenen kehrten in ihre Heimat zurück. Aber sie fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Angolas Präsident José Eduardo dos Santos versprach Unterstützung beim Wiederaufbau. „Werkzeug, Zement, Saatgut und Rinder – das sind nur Worte.“ João Mario, der von der MPLA eingesetzte Soba, der Dorfchef, kämpfte im Krieg für seine Partei. Doch jetzt beklagt er die Not in seinem Dorf. Die Deutsche Welthungerhilfe, mit der Chitunda zusammenarbeitet, lieferte das fehlende Saatgut, und verbessert mit den Bauern die Anbaumethoden von Maniok, Mais, Erdnüsse, Bohnen, Avocados und Mangos. Und sie baute die Einraum-Schule. Immer noch herrscht akuter Mangel an LehrerInnen. Nach den ersten Klassen Volksschule gibt es keine Chance auf Unterricht mehr: Nur 40 Prozent der Lernwilligen können lernen. Kranke können nur notdürftig im acht Kilometer entfernten Gesundheitsposten versorgt werden. Der Gouverneur der Provinzhauptstadt Sumbe hat sich übrigens noch nie blicken lassen. „Auch blieb die angekündigte Rente für die meisten ehemaligen Soldaten beider Kriegsparteien aus“, beschwert sich Sardinha. „Wir wollen, dass die Regierung ihre Pflichten erfüllt.“ Daher sollte es einen Regierungswechsel geben, meinen die DorfbewohnerInnen mit Blick auf die für Ende 2006 angekündigten Wahlen.

Doch von neuen Kandidaten ist bislang weder für die Regierungspartei noch für die UNITA-Opposition die Rede. Und im Dorf besitzt niemand einen Personalausweis für die Wahlregistrierung. Register und Meldestellen waren in den Dörfern und Städten im Krieg zerstört worden, hauptsächlich von der UNITA. In der fernen Hauptstadt Luanda behauptet MPLA-Fraktionsvorsitzender Bornito de Sousa, die Regierung könne die Aufbereitung der Kataster in drei Monaten schaffen, und dann sei die Wahlregistrierung möglich. Nach Meinung der Opposition schiebt die Regierung aber die Wahlen schon über ein Jahr hinaus. Korruptionsvorwürfe gegen die regierende Elite wiegelt de Sousa ab und verweist auf neu geschaffene Institutionen wie den Rechnungshof, einen Ombudsmann für die Justiz sowie eine geplante Antikorruptionspolizei. Aber im Dorf herrschen Zweifel an der politischen Führung. Skepsis kommt durch, die Wahlen könnten wie schon 1992 Auftakt für neue Gewalt sein. Die Begriffe „Wahlen“ und „Frieden“ lösen seit dieser traumatischen Erfahrung tiefes Misstrauen aus.
Damals traute auch Carlos Nanga dem Frieden nicht und blieb in Huambo. „Es hatte keine Abrüstung gegeben. Das ist zwar jetzt der Fall, aber ich sorge mich, ob es nach diesen Wahlen auch wieder losgeht“, sagt der 60-Jährige und macht sich auf den Rückweg in seine Siedlung, vorbei an der zerfledderten schwarz-roten MPLA-Fahne mit dem gelben Stern, die auf einem Holzpfahl in den Himmel ragt.
1975, nach der Unabhängigkeit Angolas von der portugiesischen Kolonialherrschaft, ließ Carlos Nanga seine Frau in Chitunda zurück. In Huambo half er, den Nachschub für die Kriegsfront der UNITA zu sichern, die gegen die regierende MPLA um die Macht stritt. Als UNITA-Führer Savimbi im Februar 2002 von Kugeln der Regierungsarmee im Osten Angolas im Busch getötet wurde, fragte sich Nanga: „Ist es wahr? Was wird aus uns?“ Er traute sich nicht, die Fronten zu überqueren, und kehrte erst später nach Chitunda zurück. Sein Bruder war schon da. Er traf auch Familienangehörige, die der MPLA angehört hatten. „Kein Problem“, behauptet Nanga. Er hatte einen kleinen Geldbetrag von der Regierung erhalten und noch etwas Mais, der vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ausgegeben worden war. „Als ich nach Hause kam, traf ich auch auf meine Frau, die ebenfalls aus der jahrelangen Vertreibung in die Umgebung zurückgekehrt war“, sagt Nanga. Allerdings hätte er eine neue Gefährtin aus Huambo mitgebracht, lacht er. Nun hat er zwei Frauen und 15 Kinder, davon leben sieben in Huambo.

Nanga setzt sich auf einen Holzstamm in den Schatten und winkt seinen Enkelkindern. Die Frauen verkaufen Mais und Bohnen auf dem Markt, einige Stunden Fußweg entfernt. Er will die Vergangenheit vergessen. „Die Politik ist nichts wert, wenn so viele Menschen leiden.“ Er will nächstes Jahr zum zweiten Mal in seinem Leben wählen. Wen? Da beruft er sich auf das Wahlgeheimnis. Nanga baut Süßkartoffeln an. Auch Sorghum, denn der gelbe Mais, den die Weißen ihnen brachten, schmecke nicht. Sorghum wirft mehr ab, weil es der Trockenheit widersteht. „Wir müssen jetzt die Armut bekämpfen und das Leben verbessern“, meint er. Deshalb sollte auch die Regierung helfen, nicht nur die ausländischen Organisationen. Aber es fühle sich gut an, zu tun, was er wolle und besser schlafen zu können.

Der junge Mann, der aus Nangas Sprache Umbundu ins Portugiesische übersetzt, kurbelt an seinem kleinen Transistorradio. Er interessiert sich für die Informationen, die er aus dem Empfänger erhält – die einzige Verbindung in die Städte. Domingos Adriano ist Nangas Nachbar. Der 33-Jährige wurde 1990 im jungen Alter für die MPLA an die Front geschickt. Er hielt es nicht aus und schlug sich in Benguela in die Büsche, grinst er. Das hätten viele gemacht. Er flüchtete zur Familie der Mutter ins wenig umkämpfte Wakukungo und versuchte einen Neustart in der Hauptstadt. „Da ist alles teuer und es gibt keine Arbeit.“ Also kehrte er mit Frau und vier Kindern nach Chitunda zurück und lebt dort, wo jetzt ehemalige Feinde sich bemühen, eine gemeinsame Zukunft zu schaffen. „Domingos kann noch von vorne anfangen“, meint Carlos Nanga. „Mich hat der Krieg alt gemacht.“

Martina Schwikowski ist Korrespondentin der Berliner ?tageszeitung? für das südliche Afrika und lebt in Johannesburg. Auf einer Reise Ende Juli nach Angola recherchierte sie zur entwicklungspolitischen Situation drei Jahre nach dem Krieg.

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