Die vergessene Krankheit

Zehn bis 15 Millionen Menschen in Lateinamerika leiden an der wenig bekannten Krankheit Chagas.

Von Marcell Nimführ
Wird Chagas nicht behandelt, schädigt es Herz und Darm massiv.

Chagas? Ein lateinamerikanischer Präsident? Eine mexikanische Speise? Die wenigsten Menschen haben jemals von Chagas gehört. Auch wenn dies kein offizielles Kriterium ist, es ist eine Begleiterscheinung von so genannten vergessenen beziehungsweise „vernachlässigten Krankheiten“. Dieser Begriff bezeichnet Erkrankungen, die in den Ländern des Südens vorkommen und für die es mangels kommerziellen Interesses in den Industriestaaten kaum Forschung, Medikamente und Behandlung gibt.

Diese Definition trifft auch auf Chagas zu, eine Infektionskrankheit, die von einem Parasiten verursacht wird. Die Vinchuca-Wanze (auf Englisch „kissing bug“) überträgt die Krankheit auf den Menschen. Sie tritt vorwiegend in lateinamerikanischen Ländern auf, zumeist in ländlichen Gebieten, in Armensiedlungen. Geschätzte zehn bis 15 Millionen Menschen leiden an Chagas, jedes Jahr sterben daran 14.000. Jede/r vierte Bewohner/in Süd- und Mittelamerikas ist bedroht.

Laura, eine 39-jährige Frau aus Cochabamba, Bolivien erinnert sich: „Es war vor sieben Jahren, ich konnte plötzlich kaum mehr gehen, ohne sofort ganz müde zu werden. Ich bekam die Diagnose: Chagas.“ Laura kam zu spät in die Klinik. Die Krankheit hat ihr Herz soweit angegriffen, dass sie einen Schrittmacher benötigte.

Keine andere parasitäre Krankheit fordert so viele Todesopfer in Mittel- und Südamerika wie Chagas, auch Malaria nicht. Zumeist bleibt die Krankheit jahrelang unbemerkt, weil in der ersten Phase keine Symptome auftreten. Doch wenn sie nicht behandelt wird, kann sie zu ernsthaften Problemen wie Herz- und Darmkomplikationen führen und auch tödlich enden.

Grecia hatte mehr Glück. „Ich hatte schon früher von Chagas gehört. Doch meine Mutter hatte ausgerechnet, dass wir uns die Behandlung nicht leisten konnten”, erzählt die 18-Jährige. „Voriges Jahr hörte ich im Radio, dass es die Möglichkeit gibt, sich gratis in Cochabamba auf Chagas testen zu lassen. Ein Pieks und mein Gefühl war bestätigt: Ich war positiv.“

Jetzt ist Grecia eine von 60.000 Chagas-PatientInnen, die von Ärzte ohne Grenze betreut werden. Grecia leistet in ihrem Ort Aufklärungsarbeit und sagt ihren FreundInnen, Verwandten, SchulkollegInnen: „Lass dich testen. Der Test ist gratis und du darfst diese Möglichkeit nicht versäumen.“

PatientInnen, bei denen Chagas diagnostiziert wurde, werden genauestens untersucht, bevor die 60-tägige Behandlung beginnt. Das ist notwendig, um herauszufinden, ob die Betroffenen bereits schwerwiegende Symptome entwickelt haben. „Wenn jemand beispielsweise schon eine ernsthafte Herzmuskelerkrankung davongetragen hat, können wir leider nur wenig für sie oder ihn tun“, berichtet Rafael Herazo, medizinischer Leiter des Chagas-Projekts in Arauca, Kolumbien. Arauca ist eine Region Kolumbiens, die zu den am stärksten von Chagas betroffenen Gebieten gehört.

Auch während der Behandlung sind regelmäßige Untersuchungen notwendig, weil Nebenwirkungen häufig vorkommen. Die PatientInnen müssen auch ermutigt werden, die Behandlung weiterzuführen. Auch Waldo ist ein Chagas-Patient. Er rät anderen Betroffenen, sofort in das Gesundheitszentrum zu gehen und sich behandeln zu lassen, denn „Chagas ist eine Krankheit, die du ohne Hilfe nicht los wirst und die dich töten kann“.

GesundheitsaufklärerInnen besuchen die PatientInnen und ihre Familien und erklären, dass Chagas eine verborgene und tödliche Krankheit ist. Sie betonen, wie wichtig es ist, die Behandlung fortzuführen, da die betroffenen Menschen sonst vielleicht nicht mehr gehen und auf ihren Feldern arbeiten können, unter Müdigkeit leiden und dass es sogar zu Todesfällen kommen kann. „Es ist entscheidend, dass die Menschen die Krankheit verstehen und wissen, welche Konsequenzen es hat, wenn sie die Behandlung frühzeitig abbrechen oder sich gar nicht behandeln lassen“, weiß Rafael Herazo.

Der Kampf gegen Chagas ist noch nicht gewonnen. Das Engagement der betroffenen Gesundheitsbehörden bei der Prävention und Behandlung der Krankheit ist vielfach mangelhaft. Die Therapie selbst ist langwierig und reich an Nebenwirkungen.

Doch viele PatientInnen in Arauca in Kolumbien und in Cochabamba in Bolivien schließen ihre Behandlung erfolgreich ab und werden wieder gesund. Auch Grecia hat die „vernachlässigte“ Krankheit Chagas überstanden. Heute studiert sie in ihrer Heimatstadt Cochabamba Medizin.

Marcell Nimführ ist Journalist und arbeitet als Kommunikationsberater für Ärzte ohne Grenzen Österreich.

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