Die versandete Zeit

Von Redaktion ·

Tomás González

Roman. Aus dem kolumbianischen Spanisch übersetzt von Richard Gross und Peter Schultze-Kraft. Edition 8, Zürich 2010, 240 Seiten, € 20,80

Alfonso und Josefina hatten ihre Hochzeit bis in die kleinsten Details vorbesprochen, wer die Trauzeugen sein sollten usw. Kurz zuvor war Alfonso – wir schreiben das Jahr 1915 – von einem Europa-Aufenthalt zurückgekommen nach Envigado bei Medellín.

Bald nach der De-facto-Verlobung reist Alfonso wieder ab, in die Hauptstadt Bogotá. Und zwei Wochen später erhält Josefina einen dicken Brief, in dem ihr Alfonso gefühlsduselig, doch knallhart mitteilt, dass er gerade eine andere geheiratet habe.

Sechs Jahrzehnte später besucht ein junger Verwandter von Josefina, León, ein Alter Ego des Autors, die alte, dem Sterben nahe Frau, die nach dieser schmerzhaften Erfahrung in ihrer Jugend auf eine weitere Liebesbeziehung verzichtet hat. Er möchte aus ihrem eigenen Mund die Geschichte ihrer großen Liebe, die die Familie wie ein Geheimnis hütet, erfahren.

Für dieses fünfte auf Deutsch erschienene Buch verwendete der in seiner kolumbianischen Heimat und im deutschsprachigen Raum immer noch wenig bekannte Schriftsteller das Tagebuch seines Onkels Alfonso, das ihm dessen Familie zur Verfügung gestellt hatte. González bricht die zeitliche Abfolge der Geschichte – von 1911 bis 1978 – auf, reiht sie abwechselnd in der Jugendzeit Josefinas und in ihren letzten Lebenstagen aneinander. So entsteht vor der Leserin, dem Leser ein lebendiges Panorama Kolumbiens vom Anbruch des technischen Zeitalters bis zur Moderne der 1970er Jahre.

Tomás González ist ein stiller, jeglichen literarischen Rummel scheuender Autor, der in einem kleinen Ort in der Nähe von Bogotá lebt. Mit dem vorliegenden Roman ist ihm wieder ein Kunststück gelungen, das eine große Verbreitung verdient. Meisterhaft ist auch die Übersetzung von Peter Schultze-Kraft, der bisher alle deutschsprachigen Ausgaben des kolumbianischen Schriftstellers betreute, und von Richard Gross. Die Schönheit der Sprache, die Sorgfalt der Wortwahl und die präzise Redaktion, die jeden Rechtschreib- und Tippfehler aus den 240 Druckseiten verbannte, sind eine Wohltat, die man im heutigen Verlagswesen selten erlebt. Ein Lesegenuss, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Werner Hörtner

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