Die Vier im Jeep

Das Gebiet der Nuba-Berge kann als Testfall für ein umfassendes Friedensabkommen für den Sudan gelten. Angesichts der Tragödie in Darfur bleibt die erfolgreiche Arbeit der dortigen Waffenstillstandskommission eher unbeachtet. Ein Augenzeugenbericht von Tom Spielbüchler

Von Tom Spielbüchler
Die Situation hier war so schlimm wie Darfur heute!“ Der britische Oberst Bill Prior ist Stabschef der Joint Military Commission (JMC). Sie besteht aus insgesamt 76 Personen, von denen 34 aus dem Sudan kommen. Der Kommission kommt seit zweieinhalb Jahren die entscheidende Rolle bei der Einhaltung eines Waffenstillstandsabkommen in den Nuba-Bergen im Süden Sudans zu, bis vor zwei Jahren Kriegsgebiet in einem der ältesten Bürgerkriege am afrikanischen Kontinent. Zusammengesetzt ist die speziell für diesen Einsatz von zwölf europäischen und nordamerikanischen Staaten geschaffene Überwachungskommission aus jeweils drei internationalen Mitgliedern, Vertretern der Regierung und der SPLA-Rebellen (Sudan People‘s Liberation Army). Den Vorsitz führt der norwegische General Jan Erik Wilhelmsen. Sein enormes Engagement und seine Autorität werden von allen Seiten anerkannt. Mit Recht ist man im Hauptquartier in Tillo, rund 600 Kilometer südlich von Khartum, stolz. Seit Beginn der Feuerpause im Jänner 2002 ist es zu keinen ernsthaften Zwischenfällen gekommen. Eine beachtliche Leistung angesichts der Vergangenheit eines Bürgerkrieges, der mit Unterbrechungen von 1956 an geführt wurde und geschätzte zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hat.
Die Nuba-Berge, ein Gebiet von der Größe Österreichs mit über einer Million EinwohnerInnen, waren neben dem ölreichen Abyei und der Provinz Oberer Nil besonders heftig umkämpft. Vor zehn Jahren wurden internationale Friedensbemühungen gestartet, die im Jänner 2002 zu einem Waffenstillstandsabkommen für die Region führten - quasi ein Testfall für ein umfassendes Friedensabkommen, dessen Unterzeichnung jetzt unmittelbar bevorstehen sollte. Dementsprechend hoch ist die Verantwortung aller Beteiligten in den Nuba-Bergen.
Überwacht wird der Waffenstillstand hier durch eine der JMC unterstellte Beobachtermission. Auch dabei ist die paritätische Besetzung der einzelnen Teams oberstes Gebot: ein Offizier der sudanesischen Armee, der SPLA, ein internationaler Beobachter sowie ein Dolmetscher.

Sie patrouillieren in Fahrzeugen oder zu Fuß durch die Dörfer, nehmen Beschwerden entgegen, überwachen militärische Bewegungen und unterstützen Kontakte über die ehemaligen Frontlinien. Langsam wird aus einstiger Verfeindung wieder Nachbarschaft. Der Krieg ist nach so vielen Jahren natürlich noch nicht vergessen, aber die Beschwerden gehen deutlich zurück. In erster Linie sind es Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und illegale Festnahmen, worüber sich Einheimische bei den Beobachtern auf ihren Patrouillen beklagen - manchmal auch altes Unrecht: „Man hat mein Vieh gestohlen! Die Engländer waren es, vor 50 Jahren.“ Die Teams untersuchen die Vorfälle und leiten Klagen, falls nötig, an die JMC weiter, die darüber berät. Wird durch dieses oberste Gremium eine Verletzung des Waffenstillstandes festgestellt, kommt es aber zu keinen Sanktionen. Der Bruch des Abkommens wird lediglich festgehalten. Entscheidungen werden, so JMC-Chef Prior, sehr oft einstimmig getroffen. Die Vertreter der beschuldigten Partei erkennen Fehler in der Regel also an und arbeiten aktiv an einer Entschärfung potenzieller Spannungsfelder.
Gerade dieses ernsthafte Bemühen der beiden Konfliktparteien ist - hier sind sich alle Beteiligten einig - Grundvoraussetzung für den Erfolg des JMC-Modelles. Diesbezüglich waren die internationalen Vermittler sehr klar: Der Wille zu Friedensbemühungen müsse von den ehemaligen Feinden selbst ausgehen, man könne sie dabei nur unterstützen. In der praktischen Arbeit bedeutet dies unbedingte Parität und Transparenz bei den Entscheidungen und Aktionen der JMC und der Beobachtungsmission.
Es kann also durchaus vorkommen, dass Offiziere, deren Truppen sich jahrelang direkt gegenübergestanden sind, plötzlich gemeinsam im Jeep auf Patrouille sind. Schwierigkeiten ergeben sich daraus aber nicht. „Kein Problem“, zeigen sich der SPLA-Leutnant Hassan Almasha und Juwaj Biar, sein Pendant auf Regierungsseite, professionell. „Die Menschen wollen Frieden.“

Die „Vier im Jeep“ können sich bei ihrem Monitoring völlig frei bewegen und werden überall als Garanten des Friedens begrüßt. Auf beiden Seiten erkennen die Menschen die Arbeit der Kontrollinstanz an, die ihnen einen Alltag ohne Krieg und Gewalt zurückbringt. Deutlich unterstrichen wird dies durch die Rückkehr von bisher über 150.000 Flüchtlingen in die Nuba-Berge, die nun auch wieder für humanitäre Hilfsorganisationen zugänglich sind.
Wichtig dafür sind Begleitmaßnahmen, die quasi im Windschatten des JMC getroffen werden. Dazu gehören neben einer bevölkerungsgeographischen und infrastrukturellen Erfassung des Gebietes auch die Räumung von Minen und Blindgängern, die ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen. Eines der größten Probleme ist aber die Wiederversöhnung selbst. Wie können Menschen die Gräuel vergessen, für die man denjenigen verantwortlich macht, der vielleicht nur wenige Kilometer weiter wohnt?
Derartige Prozesse brauchen viel Zeit - Jahre, in denen Friedensinitiativen auf tönernen Beinen stehen. Der Einsatz der JMC hilft bei der Überwindung dieser sensiblen Phase.

Gerade an der Vertrauensbildung arbeitet die Kommission mit Hochdruck: Neben gemeinsamen Seminaren und Konferenzen genügt dazu oft schon die Möglichkeit des bzw. der Einzelnen, ohne Furcht die ehemalige Frontlinie überqueren und mit dem früheren Feind sprechen zu können.
Sorge habe man auf SPLA-Seite, so Leutnant Almasha, vor der Zeit nach einem Rückzug der JMC. „Wie wird dann das plötzliche Machtvakuum gefüllt?“ Die gemeinsamen Kontrollen sind jeweils auf eine Mandatszeit von sechs Monaten beschränkt, die bisher fünf Mal verlängert wurde. Die bevorstehende Unterzeichnung des Friedensvertrages wird auch den separaten Waffenstillstand in den Nuba-Bergen ersetzen. Geplant ist eine UN-Mission zum Monitoring des Friedens. Die sehr gut funktionierenden Strukturen der JMC werde man dann vermissen, so der SPLA-Offizier.
Finanziell nimmt sich die Arbeit der JMC vergleichsweise bescheiden aus: Neun Millionen US-Dollar kostet die Friedenssicherung pro Mandatsperiode - keine hohen Kosten für positive Nachrichten aus dem Sudan. Über eine Million Menschen in den Nuba-Bergen können dafür in relativem Frieden leben.

Tom Spielbüchler ist freier Journalist und Universitätslektor in Salzburg, Schwerpunkt Konflikte in Afrika. Kürzlich bereiste er die Nuba-Berge und Darfur.

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