Die Vision einer Friedensweltmacht

Noch ist das Vietnam-Trauma nicht vergessen, und die Hoffnung wächst, dass die USA zu einem friedlichen Land werden. Friedensgruppen machen mobil gegen die Irak-Besatzung und die Hegemonie-Bestrebungen der Bush-Administration.

Von Rüdiger Heescher
David Cline aus New Jersey war 1967 Schütze bei der 25. Infanterie-Division. Er wurde mit vielen Auszeichnungen für seinen Einsatz im Vietnam-Krieg geehrt. Leider muss er seit dieser Zeit mit einer Behinderung leben und kann nur noch eingeschränkt arbeiten. David Cline war einer der ersten Vietnam-Veteranen, die sich gegen den Krieg öffentlich geäußert haben. Nun ist er der Koordinator und Sprecher der Organisation Vietnam Veterans Against the War (VVaW) und Präsident von Veterans for Peace. Gleichzeitig engagiert er sich in den Gewerkschaften, die sich gerade in den neunziger Jahren sehr verändert haben. Die AFL (American Federation of Labour) musste sich zunehmend mit den vielen mexikanischen und puertoricanischen Einwanderern auseinander setzen, die nun einen großen Teil der Mitglieder in den Gewerkschaften ausmachen. Migration sowie Bürger- und Menschenrechte sind auch bei den Gewerkschaften zum Mittelpunkt des Interesses geworden.
Für David Cline ist die Situation im Irak zur Zeit vergleichbar mit Vietnam. Er schimpft laut über George W. Bush und kann nicht verstehen, dass die US-amerikanische Bevölkerung nicht aus ihrer Geschichte gelernt hat. Doch dann schöpft er wieder Hoffnung und meint mit einem Augenzwinkern, dass die Logik der Neokonservativen nicht aufgehen werde und die US-Amerikaner sich wieder besinnen würden. Seit dem 11. September 2001 hat er allen Grund für seine Hoffnung. Eine der ersten großen Antikriegsbewegungen nach den Terroranschlägen war die International ANSWER Coalition (Act Now to Stopp War and End Racism), die aus dem gut organisierten Kader der Workers World Party (WWP) sowie dem bekannten International Action Center von Ramsey Clark, dem Ex-US-Justizminister, hervorgegangen ist. Bei ANSWER sind sehr viele junge Menschen engagiert. Die Gruppe ist radikal und versucht, vor allem Minderheiten in den Großstädten mit ins Boot zu holen. Sie war maßgeblich an der Organisation der beiden Großdemos am 26.10.2002 beteiligt. Am Vorabend des 25.10.2002 hat sich eine noch größere Friedensbewegung aus mehr als 70 Organisationen gebildet und für weitere Demos mobilisiert. Unter anderem sind in diesem Netzwerk die Partnerorganisation von attac in den USA, Global Exchange, sowie Umwelt- und kirchliche Gruppen vertreten.
Auch die Gewerkschaften haben nach dem Afghanistan-Krieg langsam eingesehen, dass die Entwicklung zum andauernden „War against Terrorism“ wohl nicht zu einem guten Ende führen wird. Sie haben etwa in New York dazu beigetragen, dass die Demonstrationen zu einem durchschlagenden Erfolg wurden.

Neben diesen beiden Netzwerken, die nicht direkt miteinander korrespondieren, weil sie unterschiedliche Auffassungen in ihren Zielen und Inhalten haben, gibt es noch eine Bewegung, die derzeit von wachsender Bedeutung ist: Not In Our Name entstand im Juni 2002 durch einen Aufruf der maoistischen Revolutionary Communist Party (RCP). Eigentlich war es eher eine Unterschriftensammlung, hinter die sich viele KünstlerInnen und andere bekannte Persönlichkeiten stellten. Dieses Netzwerk konnte sich in den letzten Monaten durch Michael Moore’s Auftritte immer mehr verfestigen. Filmstars wie Susan Sarandon, Richard Gere oder Kim Basinger fühlen sich der neuen Friedensbewegung verpflichtet. Dies gibt Hoffnung. Auf den US-amerikanischen Fernseh-Kanälen wird der Irak-Krieg nunmehr immer öfter als Katastrophe dargestellt. Viele Menschen werden an Vietnam erinnert.
Zum anderen macht sich zur Zeit in den USA eine neue Stimmung in der Bevölkerung breit. Man wendet sich zunehmend gegen die Einschränkungen der Bürgerrechte sowie gegen das innenpolitischen Klima und die Wirtschaftspolitik unter Präsident Bush. Hier werden viele Themen miteinander vermischt, die dem unspezifischen Unmut Platz machen. Auch Demokraten fühlen ihr politisches Comeback in greifbarer Nähe und argumentieren als „gute Patrioten“ im Sinne von Not In Our Name.
Besonders die Bürger- und Menschenrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union) hat auf die verfassungswidrige Einschränkung der Freiheit durch die neuen Gesetze, bekannt als Patriot Act, aufmerksam gemacht. ACLU war nicht zuletzt für die Demonstration am 18.1.2002 in New York zum Gedenken an den vor 40 Jahren ermordeten Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King mitverantwortlich. Es war eine wichtige Auftaktdemonstration, die in der ganzen Welt für den 15.2.2003 ein nicht zu unterschätzendes Signal versprach. Seither ist die Friedensweltmacht USA im Gedenken an Martin Luther King oder Mahatma Ghandi wieder eine Vision. Über elf Millionen Menschen sind damals weltweit für den Frieden auf die Straße gegangen. Ohne die amerikanische Friedens- und Antikriegsbewegung wäre dies nicht möglich gewesen.

Nun steht die Friedens- und Antikriegsbewegung vor neuen Herausforderungen. Immer mehr amerikanische BürgerInnen sehen ein, dass Terrorismus nicht mit Kriegen bekämpft werden kann. Viele SoldatInnen kommen aus armen Familien. Die US-Army ist der einzige Arbeitgeber, der vielen Hoffnung auf geregeltes Einkommen geben kann. Doch ein Kriegseinsatz ist gefährlich für Leib und Leben. Die Bilder aus dem Irak versetzen Familienangehörige in Angst und Schrecken. Sie organisieren immer häufiger Aktionen vor Kasernen und rufen lautstark im Chor „bring our boys back home“. Veteranen wie David Cline verstehen die Hilferufe und unterstützen derartige Aktionen im ganzen Land. Vor allem in armen Bundesstaaten wie North Carolina ist die Verzweiflung groß. Die Bevölkerung will ihre Kinder nicht in die Hölle schicken, nur um der wachsenden Armut und Arbeitslosigkeit im eigenen Land zu entgehen.
Diese missliche Lage wurde nun von den Friedensbewegungen thematisiert. Vom 25. bis 28.9.2003 wurde dezentral gegen die Besatzung des Irak, aber vor allem auch wegen der Situation in Israel/Palästina demonstriert. Mit Rufen wie sie Deutsche aus der Zeit vor der Wiedervereinigung kennen - „Tear down the wall“, machten die DemonstrantInnen auf den Mauerbau als Grenze zwischen Israel und Palästina aufmerksam.
Am 25.10.2003 mobilisierten alle Friedens- und Antikriegsbewegungen zum zentralen Demonstrationsmarsch auf Washington unter dem Motto: „Bring The Troops Home Now“. Menschenmassen im Park vor dem Washington Monument: ein Bild, wie es noch von der Friedensbewegung während des Vietnam-Kriegs bekannt ist.

Rüdiger Heescher von attac Deutschland beschäftigt sich seit Jahren mit der Friedensbewegung in den USA.

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