Die Welt des Fernando Botero

Üppige Frauen und Männer, die wie abwesend ins Nichts starren, dicke Katzen und Hunde sind seine Markenzeichen – doch Botero hat noch wesentlich mehr zu bieten, wie eine Ausstellung im Bank Austria Kunstforum in Wien zeigt.

Von Werner Hörtner
„Die Ballerina an der Stange“ von 2001: Botero pur.

Der kolumbianische Künstler ist seit Jahrzehnten ein internationaler Malerstar, seine Werke erzielen auf den Kunstmärkten Höchstpreise, und mit seinen unverkennbaren Figuren ist er zu einem der erfolgreichsten Maler der Welt avanciert.

In der Welt der Kunstschaffenden und der Kunstfachleute wird Botero nicht selten mit Geringschätzung und Herablassung betrachtet, die vielleicht einem verborgenen Neidkomplex entspringen. Seit Jahrzehnten ist seine gemalte Welt der drallen Körper und üppigen Formen gleich geblieben, er ist kein Suchender nach einer passenden Form, Experimente sind ihm fremd. Tatsächlich sind vom Malerischen her seine frühen Werke, als er noch nach einer passenden Ausdrucksform suchte, wohl am interessantesten.

Auch wenn es nicht offen ausgesprochen wird, so ist es wohl sein Erfolg, der Kritik hervorruft. Massentauglichkeit ist in der Kunst suspekt, vor allem bei lebenden KünstlerInnen.

Der Kosmopolit, der sich das Jahr zwischen seinen Wohnsitzen in New York, Paris, in der Toskana und in der Heimat aufteilt, fühlt sich weiterhin hundertprozentig als Kolumbianer. „Ich habe einen kolumbianischen Pass, ich habe mein ganzes Leben lang in Kolumbien gemalt, ich rede kolumbianisch, mit Paisa-Akzent (d.h. aus der Region Antioquia; Anm.). Ich lebe zwar viel im Ausland, doch ich fahre jedes Jahr für mindestens einen Monat nach Kolumbien, wo ich in der Nähe von Medellín ein Landhaus habe“, erklärt Botero im Südwind-Gespräch.

Botero sieht sich selbst als „figurativer Post-Abstraktionist“. Damit meint er, dass er sich in Farb- und Formgebung annähernd dieselben Freiheiten nimmt wie abstrakte Künstler. „Ich sehe das Bild, an dem ich arbeite, zuerst als Farbe. Ich setze Farbwerte flächig auf die Leinwand, bis sie komplett bedeckt ist – fast wie bei einem abstrakten Bild. Erst später verwandle ich die Farbelemente in dreidimensionale Formen.“ Für den Kolumbianer ist nicht die Abbildung der Wirklichkeit das Ziel der Kunst, sondern die Erschaffung einer eigenen Welt.

Man kann diesen Kosmos als eine Welt tiefer Melancholie wahrnehmen, die die Grunderschütterungen der Welt bildnerisch auf den Punkt bringt, auch wenn sie uns manchmal noch so skurril-witzig begegnet. Boteros Bildfiguren sind in grenzenloser Einsamkeit in sich selbst versunken, ohne Augenkontakt zur menschlichen Umwelt, auch das einander umschlingende Liebespaar oder die aufspielenden Musikanten.
Dass Fernando Botero kein Maler kitschiger Gefälligkeit ist, zeigen nicht zuletzt seine Ausflüge in die Leidensgeschichte seiner Heimat oder in die Folterpraktiken von US-SoldatInnen im Irak. Dankenswerterweise ist dieser berühmte Abu Ghraib-Zyklus auch in der Wiener Ausstellung zu sehen. „So wie viele andere Menschen auf der Welt empfand auch ich Abscheu vor der Tatsache, dass die Nordamerikaner in diesem Gefängnis im Irak die Insassen folterten. Als ich darüber gelesen hatte, setzte ich mich hin und begann zu zeichnen und zu malen“, erzählt Botero. „Ich habe immer gesagt, die Kunst soll eigentlich zum Vergnügen des Menschen da sein. Doch manchmal muss sich der Künstler in einer direkteren Form an die Menschen wenden und Themen berühren, die mit der Moral der Menschheit zu tun haben.“

Auch die Schrecken des bewaffneten Konflikts in seiner Heimat bannte Botero auf die Leinwand. Da er mit dieser Art von politischen Bildern kein Geld verdienen will, verschenkt er sie. Den Abu Ghraib-Zyklus, an die 50 Werke, gab er großteils dem Museum der University of California in Berkeley, aus Dankbarkeit dafür, dass dort zum ersten Mal in den USA diese Bilder ausgestellt wurden – längere Zeit wollte kein Museum in den Vereinigten Staaten den Zyklus zeigen. Und die Gemälde zur Gewalt in seiner Heimat schenkte er dem Nationalmuseum in Bogotá.

Botero denkt, dass die Kunst an sich nichts verändern und auch keine Probleme lösen kann. „Aber die Kunst kann sehr wohl an bestimmte Situationen noch Jahre später erinnern. Denken wir an das Gemälde ‚Guernica’ von Picasso, das uns an die Schrecken des spanischen Bürgerkriegs erinnert. Wenn ein Künstler so etwas malt, so will er, dass die Menschen sich an Momente erinnern, die für den Maler furchtbar, schrecklich sind.“

Bis 15.1.2012. Näheres auf www.bankaustria-kunstforum.at

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