Die Welt, eine Scheibe?

Wenn es um globale Auslandsthemen geht, die vier Fünftel der Weltbevölkerung betreffen, stellen sich die österreichischen Medien tagtäglich ein Armutszeugnis aus, meint Leo Gabriel.

Von Leo Gabriel
Ich sitze in meinem Büro und bereite mich auf die Reise in ein Land vor, das in den Achzigerjahren als der Hexenkessel Zentralamerikas eine traurige Berühmtheit erlangt hatte: Guatemala. Trotz seiner hunderttausend Toten, die – wie inzwischen der Bericht der vom ermordeten Bischof Gerardi geleiteten Wahrheitskommission festgestellt hatte – zu über 90 Prozent auf das Konto der von den USA unterstützten Militärdiktaturen ging, hatte dieser politisch-militärische Massenmord niemals jene mediale Aufmerksamkeit erregt wie heute etwa der Nahe oder auch der Mittlere Osten. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, als Anfang der Achzigerjahre der damalige KURIER-Redakteur Hans Rauscher in einer „Club 2“-Sendung den schaurigen Berichten einer Maya-Frau im Halbdunkel ihrer Anonymität den erhellenden Satz entgegensetzte: „Aber darunter waren ja auch viele Kommunisten.“
Und ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass mir kurz nach der Wende des Jahres 1989 der langjährige Moderator des „Auslandsreport“, Hans Benedikt, in den Wandelgängen des Hauses am Küniglberg wohlwollend auf die Schulter klopfte und sagte: „Jetzt, Herr Gabriel, ist die Zeit gekommen, wo wir etwas über die Menschenrechte in Zentralamerika machen sollten“.
Warum jetzt und warum nicht früher, warum gestern und warum heute schon nicht mehr? Weil die von der US-Außenpolitik dominierten Redaktionen der österreichischen Massenmedien eben jener Logik der Macht folgen, der sie sich – bewusst oder unbewusst – zugehörig fühlen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass heute Hans-Georg Ostenhof, ein ehemaliges Mitglied der IV. Internationale zu den glühendsten Befürwortern der NATO und aller von ihr angezettelten Kriege zählt? Warum „vergisst“ der ORF – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – die Hungersnot in Afghanistan, der derzeit Hunderttausende zum Opfer fallen? Warum sind die uranhältigen Splitterbomben, die im Krieg gegen Serbien zum Einsatz gekommen sind, heute kein Thema, obwohl sie beim nächsten Krieg sofort wieder zum Einsatz kommen würden?

„Weil das die Leute nicht interessiert“, hallt es gebetsmühlenartig aus fast allen Redaktionsetagen der österreichischen Massenmedien, „das ist ja so weit weg“. Na und? Sprechen wir nicht andauernd in hohen Lobestönen von den Segnungen der Globalisierung, die die Menschen angeblich näher aneinander gerückt hat. Wo ist die Globalisierung geblieben, wenn es um Millionen Verhungernder in Sambia oder um die Berichterstattung nicht über, sondern aus dem Westjordanland geht?
Nein, das schier unglaubliche Armutszeugnis, das sich die österreichischen Massenmedien im Vergleich zu fast allen anderen Ländern Europas tagtäglich in Bezug auf die Berichterstattung über vier Fünftel der Weltbevölkerung ausstellt, ist nicht Folge einer wie immer gearteten „Psychologie der Massen“ und schon gar nicht eines Mangels an technischen oder finanziellen Mitteln. Mein Verdacht: Das Defizit an Berichterstattung über die Länder des Südens ist einfach das Ergebnis einer provinziellen Haltung, die in den Chefetagen aus Rücksicht auf die jeweiligen Kreditgeber und/oder auf die US-Botschaft um sich greift. Wers nicht glaubt, der oder die hat wohl nie die von Frustration gezeichneten Gesichter der JournalistInnen gesehen, die sich nach einigen Gläsern Wein bitter darüber beschweren, was sie heute wieder für einen Stumpfsinn schreiben mussten; oder er/sie kennt die weitaus seltenere Freude der anderen nicht, dass es ihnen doch noch einmal gelungen ist, ihren Chef „rumzukriegen“ und das zu publizieren, was sie eigentlich schreiben wollten.

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch die Staatsbesuche und die PR-Reisen des Außenministeriums in Sachen Entwicklungszusammenarbeit, die den JournalistInnen die Gelegenheit gibt, die verseuchte Luft der Metropolen Lateinamerikas und manchmal sogar die ozongeschwängerten Düfte des Orients zu atmen. Ob ihnen aber tatsächlich danach die Gelegenheit gegeben wird, ihre Eindrücke mit Hintergrundwissen anzureichern oder ob sie einfach wie LohnsklavInnen ihre Reisekosten abarbeiten müssen, ist eine Preisfrage, die hier nicht beantwortet werden soll.
Wie lange noch werden es sich unsere KollegInnen im Hinblick auf den Karrieresprung oder auch nur das Zeilenhonorar noch gefallen lassen müssen, dass eine Auslandsseite nach der anderen gekappt wird und ein auf die so genannte Dritte Welt bezogener Sendeplatz von der Bildfläche verschwindet? Wie viele Kunststücke werden noch abgeschafft werden, bevor die allgemeine Entsolidarisierung dem gemeinsamen Willen weicht, die von oben verordnete Nebelwand zu durchbrechen? Dass sie diesen Schritt in den aufrechten Gang nicht alleine wagen können und werden ist klar. Wir, die Nord-Süd-Engagierten müssen ihnen ebenso dabei behilflich sein, wie jene LeserInnen, HörerInnen und SeherInnen, die im Vollbesitz ihrer Sinne sind. Denn sonst wachen wir eines Tages auf und müssen entdecken, dass die Welt doch eine Scheibe ist, die mit den Grenzen des Imperiums deckungsgleich ist.

Leo Gabriel ist Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes für zeitgenössische Lateinamerika-Forschung und freier Journalist beim ORF.

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