Die Welt erkochen

Südwind stellt Kochbücher vor, mit denen man tatsächlich die weite Welt in die Küche holt – und noch einiges mehr erfährt.

Von Michaela Krimmer

Dodo Liadé räumt mit einem Vorurteil auf: Dass Kochen in afrikanischen Ländern meist Stunden dauert – aber vielleicht hat er die Rezepte in seinem Buch „Voodoo Food“ ja doch in Hinblick auf den europäischen Terminkalender ausgewählt. Sein Kochbuch ist ein sanfter Einstieg in die wenig bekannte afrikanische Küche: relativ einfache und oft sehr schnelle Rezepte und meist mit Zutaten, die man fast überall bekommt. Die unterschiedlichen Kochtraditionen, die er von Abidjan bis Sansibar und Kairo bis Kapstadt vorstellt, haben eines gemeinsam: Am liebsten wird mit den Händen gegessen. Und selbst für die, die am liebsten bekocht werden, ist das Buch ein Schmaus – zumindest für die Augen: Zsuzsanna Ilijin illustriert die Rezepte naiv mit großflächigen starken Farben. Die Bilder wirken auch nach dem Kochen zusammen mit einem gut gefüllten Bauch noch nach.

Komplizierter wird die Sache schon mit dem Buch „Buddha sprang über die Mauer“ von der in Berlin lebenden Chinesin Yu Zhang. Denn nicht umsonst gibt es den bissigen Sager: „Chinesen essen alles, was fliegt, außer Flugzeugen und alles, was Beine hat, außer Tischen und Stühlen.“ Durch das rege Interesse an China ist auch schon vielen EuropäerInnen aufgefallen, dass das Essen hier in Chinarestaurants nicht viel mit dem Essen in China gemeinsam hat. In dem asiatischen Land gibt es Kochtraditionen und Rezepte, die seit Tausenden von Jahren übermittelt wurden. Essen und Kochen kommen eine enorme Bedeutung zu, denn es ist das einzige Kulturgut, das der Kulturrevolution nicht zum Opfer fiel. Mao Zedong war nämlich selbst leidenschaftlicher Esser. In seiner Heimatprovinz Hunan gibt es sogar eine eigene Mao-Küche, die auf die Lieblingsgerichte des großen Führers spezialisiert ist. Seine Leibspeise war der mittlerweile nur noch so genannte „Mao-Schweinebauch“. Charakteristisch für die Mao-Küche ist, dass sie in der Farbe tiefrot und im Geschmack deftig ist – passend zu ihrem Namensgeber.

Nur echten KochliebhaberInnen oder eingefleischten China-Versessenen sei dieses Buch empfohlen mit seiner Fülle an Detailwissen und all seinen bizarr anmutenden Zutaten von Haifischlippen bis zu Schwalbennestern. Letztere werden für ihren Nestzement aus eiweißhaltigem, zähem Speichel als teure Delikatesse geschätzt. Der Titel des Buchs „Buddha sprang über die Mauer“ ist übrigens der Name eines Gerichts, das bei besonderen Anlässen am Kaiserhof gekocht wurde, mit über 40 Zutaten. Das Gericht wird heute noch bei hohen Staatsbesuchen aufgetischt.

All jene VegetarierInnen, die schon durch Länder des Südens reisten, wissen, dass es nicht immer ganz einfach ist, dort fleischlos zu schlemmen. Hat doch für die meisten BewohnerInnen des Südens fleischloses Essen nur einen Grund: Geldmangel. Oder in manchen Regionen natürlich religiöse Gründe.

Carolyn und Chris Caldicott können davon ein Lied singen. Als JournalistInnen – beide VegetarierInnen – reisten sie jahrelang für National Geographic um die ganze Welt und schrieben ihre Lieblingsrezepte auf. Ihr Buch „World Food Café“ ist ein Klassiker für alle vegetarischen GlobetrotterInnen. Selbst Fleischgerichte modellieren sie in vegetarische Versionen um. InsiderInnen behaupten jedoch, dass bei jedem Rezept eine Zutat fehlt, die das Gericht erst perfekt macht. Die Gerichte inklusive angeblicher geheimer Zutat können dann nämlich ausschließlich in Carolyn und Chris Caldicotts Restaurant „World Food Café“ in Londons Covent Garden genossen werden.

Dieses Kochbuch schürt zugleich das Fernweh. Es ist gespickt mit kleinen Reiseanekdoten, die viele sicher schon selbst ganz ähnlich erlebt haben: Während einer Autopanne mitten im Nirgendwo wird man mit einem herrlichen Mahl verwöhnt; ungewöhnliche Zutaten, die man – zum Glück – erst später erkennt, wie püriertes Hirn; kleine dunkle Seitengassen, in denen sich im Innenhof eines unscheinbaren Hauses ein kleines Garten- und Gourmetparadies versteckt …

Bei all diesen Kochbuchperlen wird eines klar: Essen ist Emotion. Für alle AutorInnen hat Essen mit Erinnerungen zu tun. An die Kindheit, an Reisen, an Abenteuer, an Familie. Auch die Austro-PalästinenserInnen Marwan Abado und Viola Raheb schöpfen in ihrem Kochbuch „Zeit der Feigen“ aus ihren Kindheitserinnerungen an Mutter und Vater (!), die stundenlang kochten. Die legendäre arabische Gastfreundschaft sorgte für ein Heim, in dem es immer genug oder je nach Ansicht viel zu viel zu essen gab. Mit ihren klassischen arabischen Rezepten lässt sich jede Küche ein bisschen näher an die Wärme des arabischen Mittelmeers rücken. Dort spiegelt sich in vielen Sprichwörtern die Wichtigkeit und Sinnlichkeit von Essen wider, wie in einem Hochzeitslied, das die Braut preist: „Oh du Gurke, oh du Gurke, dein Gesicht ist wie selbst gemachtes Brot.“

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