„Die Welt nicht ihrem Schicksal überlassen“

Post-Development ist ein schillernder Theorie-Ansatz mit entsprechend unterschiedlichen Auswirkungen auf die Praxis. Südwind-Magazin-Redakteurin Irmgard Kirchner hat bei der Wissenschaftlerin Hanna Hacker nachgefragt.

„‚Post’ ist immer chic!“

Südwind Magazin: Es gibt die Begriffe Post-Moderne, Post-Kolonialismus, Post-Feminismus, Post-Development und andere mehr. Wie ist das Verhältnis einer Strömung zu ihrem „Post“?
Hanna Hacker:
Zu ihrem „Post“ könnte man schnell einmal assoziieren, dass diese Ereignisse, Strömungen und Strukturen vorbei sind. Für mich verweist dieses „Post“ darauf, dass wir einen neuen Blick auf die entsprechende Strömung, Bewegung oder historische Situation werfen sollten und noch einmal darüber reflektieren, was die grundlegenden Überzeugungen, vorgeblichen Wahrheiten oder Richtlinien darin waren. „Postkolonial“ kann die Tatsache bezeichnen, dass die ganze Welt in einem Zustand nach der Phase des Kolonialismus ist. Das hat überall auf der Welt Folgen, wie Gesellschaften funktionieren, Menschen denken, Macht geordnet oder ungeordnet ist. Weniger im Sinne eines Epochebegriffs bedeutet „postkolonial“ aber vor allem einen Theorie-Ansatz.

Auch Post-Development ist für mich in erster Linie ein solcher Ansatz. Dabei müssen wir uns anschauen, wie es dazu kam, dass die ganze Welt geprägt war von der Gewissheit, Entwicklung sei möglich. Entwicklung sei gut, Entwicklung sei wichtig.

Ist Development, Entwicklung, so umfassend wirksam wie Kolonialismus?
Das sagen viele der Theoretikerinnen und Theoretiker des Post-Development-Ansatzes. Ich würde es nicht so verallgemeinernd sehen. Ich denke aber sehr wohl, dass es seit dem 2. Weltkrieg etwas sehr Prägendes war, globale Ungleichheitsverhältnisse unter der Idee „Entwicklung“ darzustellen. Man kann sich fragen, ob das jetzt in ein Deutungsmuster „Globalisierung“ übergeht.

„Post“ ist chic. Auch auf der IE, dem Studium der Internationalen Entwicklung. Wie wird der Post-Development-Ansatz in Österreich aufgegriffen? Es kommen dafür ja mehrere Disziplinen in Frage.
„Post“ ist immer chic (lacht). Post-Development arbeitet mit philosophischen Begriffen: mit Wissen und Fragen, wie sich Wissen und Macht verknüpfen. Ich finde, dass Post-Development-Theorien ihren Platz an der IE haben sollten. Kulturanthropologie spielt eine große Rolle bei Analysen und Überlegungen zu Post-Development, auch die Ökonomie ein Stück weit, gerade aus feministischer Sicht.

Der Begriff ist schillernd. Entstanden ist er im so genannten verlorenen Jahrzehnt des Entwicklungshandelns und der Entwicklungstheorien, in den 1980er Jahren. Es gibt auch neoliberale oder turbokapitalistische Ansätze, die sich tatsächlich als postdevelopmentalistisch in diesem glatten Sinn bezeichnen: Entwicklung brauchen wir nicht mehr. Einem solchen neoliberalen Verständnis würde sich sicher niemand hier an der IE anschließen. Das andere kritische Moment, das Post-Development-Ansätzen oft entgegengehalten wird, ist, dass sie manchmal etwas romantisierend sind. Indigenes Wissen und lokale Praktiken erscheinen als Rettung vor einem Turbo-Development, das mehr kaputtmacht als aufbaut.

Wie wird Post-Development in der Praxis aufgenommen? Werden damit die Praktiker der Entwicklungszusammenarbeit verschreckt?
Ich würde nicht davon ausgehen, dass Entwicklungskritik etwas ist, das so genannte Praktiker oder Entwicklungspolitikerinnen nicht kennen oder nicht auch selbst vorantreiben würden. Kritisches Denken gibt es überall. Für mich als universitäre Person ist es leichter, Theorien zu spinnen, weil ich sie nicht unbedingt unmittelbar in Policy übersetzen muss.

Ich rede immer dem Austausch das Wort. Wenn man sich traut zu streiten, dann tun sich ohnehin mehr Gemeinsamkeiten auf zwischen der so genannten Theorie und der so genannten Praxis, als uns oft bewusst ist.
Post-Development, wenn ich es richtig verstanden habe, bedeutet für die Praxis nicht Kontaktabbruch, es geht darum, zu lernen.

Es gibt diese Versprechungen, diesen Betrug, diesen Verrat auch der Entwicklungsmaschinerie an denen, die in diese Maschinerie hineingeraten sind. Die Versprechungen der Moderne, der Modernisierung waren so nahe und in vielen Ländern schon da und wurden dann gekappt, zum Beispiel durch die Strukturanpassungsprogramme.

Viele der früheren Post-Development-Autoren hatten stark die Hoffnung, die Lösung liege in einem Bündnis zwischen fortschrittlichen und kritischen Kräften im Westen und Widerstandsbewegungen in Ländern des so genannten globalen Südens. Das ist eine Hoffnung, an die man immer wieder anknüpfen kann, auch wenn sie da und dort gescheitert ist. Aus Post-Development folgt nicht, einfach zu gehen und die Welt ihrem Schicksal zu überlassen. Ob wir das, was wir dann tun, noch Entwicklung nennen wollen, ist eine andere Frage.

Haben Sie einen Kandidaten für einen neuen Begriff?
„Globale Ungleichheitsverhältnisse“ finde ich einen wichtigen Begriff. Diesen gemeinsam etwas entgegenzusetzen: das wäre meine Umschreibung dessen, was früher einmal unter Entwicklung gefasst wurde.

Hanna Hacker ist Professorin am Institut für Internationale Entwicklung in Wien mit den Schwerpunkten Entwicklungsforschung und Entwicklungskritik sowie Theorien der Postcolonial Studies und des Post-Development.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen