Die Wirklichkeit selbst erschaffen

Von Christian Felber ·

88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der ÖsterreicherInnen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Alternative zu kapitalistischer Markt- und zentraler Planwirtschaft. Sie baut auf menschlichen Stärken und mehrheitsfähigen Werten auf.

Die gute Nachricht: Was ein „Gutes Leben“ ausmacht, ist nicht völlig unterschiedlich von Breitengrad zu Breitengrad, sondern mehr oder weniger universal: Weltweit haben Menschen ähnliche Grundbedürfnisse, aus denen sich ähnliche Grundwerte – Gemeinschaftswerte – ableiten. Im Zentrum des „Guten Lebens“ stehen gute Beziehungen: Beziehungen zwischen den Menschen; Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer natürlicher Mitwelt; die Beziehung der Menschen zu sich selbst sowie die zum „großen Ganzen“.

Die modernen Natur- und Sozialwissenschaften haben mit verschiedenen Experimenten bestätigt, dass gelingende Beziehungen das sind, was Menschen am glücklichsten macht und am stärksten motiviert. Deshalb sollte eine vernünftige Politik das Gelingen von Beziehungen in allen Lebensbereichen fördern, auch in der Wirtschaft.

Die „Gemeinwohl-Ökonomie“ folgt dieser Logik: Gelingende Beziehungen werden zur Maxime des wirtschaftlichen Handelns. Das erfordert ein „Umpolen“ der Systemweichen, die das Handeln der WirtschaftsakteurInnen lenken: Heute konkurrieren die MarktakteurInnen um den maximalen Eigennutz. In der Gemeinwohl-Ökonomie kooperieren die Unternehmen mit dem gemeinsamen Ziel der Gemeinwohlmaximierung.

Diese Ziel haben sich jedenfalls die Attac-UnternehmerInnen gesetzt, die sich als Folge des Buches „Neue Werte für die Wirtschaft“ gründeten und die darin enthaltene Grobskizze für eine alternative Wirtschaftsordnung weiter entwickelt haben, bis im August 2010 als Frucht dieser Arbeit die „Gemeinwohl-Ökonomie“ erschien. Das Herzstück der Alternative ist die Gemeinwohl-Bilanz. Diese neue unternehmerische Hauptbilanz misst, wie human, sozial verantwortlich, ökologisch nachhaltig, demokratisch und solidarisch Unternehmen sich verhalten und organisieren. Je besser die Gemeinwohl-Bilanz, je höher die erreichte „Gemeinwohl-Stufe“, desto größer die rechtlichen Vorteile: niedrigere Steuern, Zölle und Zinsen sowie Vorrang beim öffentlichen Auftrag. Die „weichen“ Wert-Anreize werden mit „harten“ Rahmenregulierungen kombiniert: Begrenzung der Einkommens- und Vermögensungleichheit, Einführung eines Maximal- und Mindesterbes sowie die entscheidende Degradierung des Finanzgewinns vom Zweck zum Mittel des unternehmerischen Strebens.

Gewinne sind nur noch erlaubt, wenn sie dem Gemeinwohl dienen, zum Beispiel für soziale und ökologisch wertvolle Investitionen, Kreditrückzahlungen, begrenzte Ausschüttungen an die Mitarbeitenden oder Rückstellungen. Nicht mehr erlaubt hingegen ist die Verwendung von Gewinnen für feindliche Übernahmen, Investitionen auf den Finanzmärkten und die Ausschüttung an Personen, die das Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet einen gedeihlichen Rechtsrahmen für solidarische Betriebe. Wenn kooperatives, demokratisches und nachhaltiges Verhalten rechtlich in Vorteil gestellt wird gegenüber egoistischen, asozialen und verantwortungslosen Unternehmensstrategien, finden Genossenschaften, Fairer Handel und selbstverwaltete Unternehmen günstige Entwicklungsbedingungen vor.

Heute, ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches, nähert sich die Zahl der unterstützenden Unternehmen 200, in Deutschland und in der Schweiz beginnen die Vernetzungsaktivitäten, und in Frankreich erscheint im April 2011 eine Übersetzung, „L’économie citoyenne“. Mit jedem Schritt, den wir machen, wächst die Erkenntnis: Wir können die Wirklichkeit selbst erschaffen. Indem wir einfach einen Schritt nach dem anderen machen.

Der nächste Schritt ist das Vorausgehen einer Pioniergruppe, zumal Parlament und Regierung die Gemeinwohl-Ökonomie wahrscheinlich nicht so schnell beschließen und die Unternehmen nicht zur Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz verpflichten werden. Ende 2010 haben sich 45 Unternehmen zur freiwilligen Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz angemeldet. Sie setzen sich Anfang 2011 Bilanzziele und versuchen, diese bis zum Bilanzstichtag am 1. Oktober 2011 umzusetzen.

Am 6. Oktober geben auf einer internationalen „Bilanzpressekonferenz“ geschätzte 100 Pionier-Unternehmen ihre Bilanzergebnisse bekannt. Sie legen Rechenschaft darüber ab, ob bei ihnen gleich viele Frauen wie Männer in den Führungspositionen sind; wie hoch die Einkommensdifferenz zwischen Chef-Etage und Reinigungspersonal ist; ob es überhaupt Chefs oder Basisdemokratie oder sogar statutarische Soziokratie gibt; ob die Produkte biologisch abbaubar sind; ob der ökologische Fußabdruck gemessen wird; ob sich die Beschäftigten die Arbeitszeit selbst einteilen dürfen; oder ob das Unternehmen nach dem Tod des Gründers oder der Gründerin an die Belegschaft vererbt wird. Die Bilanz wird aus 40 – 50 Gemeinwohl-Kriterien bestehen, maximal sind 1.000 Punkte erreichbar.

Die Gemeinwohlfarben und -zahlen sollen später auch auf allen Produkten aufscheinen, damit die KonsumentInnen eine klare Informationsgrundlage für die Kaufentscheidung vorfinden. Wenn sie mit dem Handy über den Strichcode fahren, haben sie die gesamte Bilanz vor sich auf dem Display.

Die PionierInnen sind nur ein „Strang“ der wachsenden Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Rund um sie wächst ein Gemeinwohl-Bilanz-BeraterInnen-Netzwerk, das den Unternehmen sowohl bei der Erstellung der Bilanz als auch den dafür nötigen Veränderungsprozessen behilflich ist. Im „Energiefeld Gemeinwohl-Ökonomie“ engagieren sich vornehmlich Studierende, die die Idee in die Welt hinaustragen und auf diese Weise einen Beitrag zum „Guten Leben“ leisten. Dieses erhält auch ein formales Gefäß: Alle Stränge zusammen werden demnächst im Verein der Freundinnen und Freunde der Gemeinwohl-Ökonomie gebündelt, der auch eine professionelle Infrastruktur aufbauen will.

Christian Felber ist freier Publizist, Mitbegründer von Attac Österreich und Erfinder der „Gemeinwohl-Ökonomie“.
Nähere Infos: www.gemeinwohl-oekonomie.org

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