Dieter Boris / Stefan Schmalz / Anne Tittor (Hg.): Lateinamerika: Verfall neoliberaler Hegemonie?

Von Robert Lessmann
VSA-Verlag, Hamburg 2005, 284 Seiten, EUR 22,80

Ein Buch zur rechten Zeit: Nach dem fulminanten Wahlsieg der Opposition in Bolivien und am Beginn eines Superwahljahrs in Südamerika (mit Wahlen in elf Ländern) hat sich die Frage: „Driftet Lateinamerika nach links?“ sogar bis in die Redaktionen eher provinzieller Tageszeitungen herumgesprochen. Wie gründlich fällt die Abkehr von neoliberalen Politiken dort jenseits der Rhetorik in der Praxis tatsächlich aus? Handelt es sich wirklich um eine Abkehr von neoliberaler Hegemonie? Oder findet letztlich eher eine Redynamisierung des Modells im Sinne eines sozialdemokratischen Neoliberalismus statt?
Epochale Fragestellungen, denen das Buch zunächst unter thematischen Gesichtspunkten nachgeht, dann anhand von Länderbeispielen. Dabei wird der Hegemoniebegriff von Antonio Gramsci verwendet, wonach Hegemonie sich nicht einfach nur auf Zwang gründet, sondern auf eine Kombination von Zwang und Konsens. Dargestellt werden soziale Kämpfe gegen Privatisierungen, Neoliberalismus und Landwirtschaft. Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen zum Mercosur und dessen Beziehungen zur EU – gerade im Hinblick auf die laufenden Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen.
Eine Diskussion der Argentinienkrise, der bolivarischen Revolution in Venezuela und der Lage in Brasilien unter Lula fehlt ebenso wenig wie ein Ausblick auf Bolivien und Peru. Häufig – vor allem im ersten Teil – sind die Analysen etwas ökonomielastig, doch kommen insgesamt auch die sozialen AkteurInnen nicht zu kurz. Dabei überwiegen zivilgesellschaftliche Netzwerke, manchmal sind Gewerkschaften klassischen Stils beteiligt.
Am Ende der sehr informativen und gedankenreichen Analysen gelangen die Herausgeber zu dem Fazit, es handle sich eher um eine Reorganisation der bürgerlichen Hegemonie denn um eine grundsätzliche Abkehr vom Modell. „Denn es geht in der Agenda dieser Regierungen nicht um die weitergehende Perspektive eines irgendwie gearteten anti-kapitalistischen Projekts, sondern um die Korrektur der schlimmsten ‚neoliberalen Auswüchse’“ (S. 279). Ein äußerst empfehlenswertes Buch.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen