„Dolchstoß ins Herz von Amazonien“

Sein kompromissloses Engagement gegen den Bau des Belo Monte-Staudamms in Brasilien bringt Bischof Erwin Kräutler viele und mächtige Feinde. Über die spannungsgeladene Situation vor Ort sprach ein Aktionsteam von Südwind Entwicklungspolitik mit dem aus Vorarlberg stammenden Prälaten.

Für viele Familien ist der Fluss Nahrungsquelle und sorgt auch für den Lebensunterhalt.

Warum engagieren Sie sich so sehr gegen dieses Staudammprojekt Belo Monte?
Erwin Kräutler:
Man spricht heutzutage bei Wasserkraft viel von sauberer Energie. Aber was ist da sauber daran, wenn 30.000 Menschen ihr Heim verlieren? Wenn die Bauern von Grund und Boden vertrieben werden? Was bleibt da sauber, wenn ich daran denke, dass Altamira, eine Stadt mit 105.000 Einwohnern, auf einmal eine Halbinsel wird, umgeben von einem toten, faulen See? Man hat den Leuten nie die volle Wahrheit gesagt.

Außerdem: Wie kann man einen Landwirt mit seiner Familie aus seinem Gebiet entfernen und in eine kleine Wohnung pferchen? Die Indios müssten gemäß der Verfassung bei so einem Bauprojekt vorher gefragt werden. Das hat man nicht getan. Man hat sie vor vollendete Tatsachen gestellt, die in der Hauptstadt Brasilia ausgeheckt worden sind. Man hat ihnen einfach gesagt, sie bräuchten keine Angst haben, sie würden nur gewinnen. Und dass Brasilien diese Energie brauche, denn sonst komme es zu einem Blackout. Man hat ihnen aber nicht gesagt, dass dieses Kraftwerk eigentlich nur für die Aluminiumerzeugung gebaut wird.

Weiters ist es ein glatte Lüge, dass nur ein Staudamm gebaut wird, das wäre finanziell ein völliger Unsinn. Man investiert doch nicht 30 Milliarden Reais (umgerechnet 12,8 Mrd. Euro; Anm. d. Red.) in ein Kraftwerk, das nur vier Monate im Jahr in Betrieb ist. Denn wenn der Xingu-Fluss weniger Wasser führt, also die Turbinen nicht antreiben kann, dann rührt sich nichts mehr. Aber es gibt eine Möglichkeit, diesem Problem entgegenzuwirken, indem man weitere Staudämme baut. Am Oberlauf, also von Altamira aufwärts, leben viele Indianervölker, und deren Gebiete sind bereits demarkiert und vom Präsidenten abgesegnet, wie es das Gesetz vorsieht. Diese Gebiete werden dann unter Wasser gesetzt.

Die Regierung argumentiert damit, dass Brasilien diesen Strom braucht. Wer profitiert nun von dieser Energie?
Das sind die Bergwerksgesellschaften, die aus Bauxit Aluminium herstellen. Das heißt, dass die Energie eigentlich in Form von Aluminium ins Ausland verkauft wird. Ich bin absolut nicht gegen den Fortschritt, gegen Entwicklung, aber es gibt heute andere Möglichkeiten, die in Brasilien bislang überhaupt nicht in Erwägung gezogen worden sind. Wir haben jeden Tag Sonnenschein von sechs bis 18 Uhr. Man hat nichts investiert in die Solarenergie, in die Windenergie. Wir haben heute Topwissenschaftler an unseren Universitäten, warum investiert man da nichts, damit andere Ressourcen verwendet werden? Das mit den Staudämmen ist doch eine alte Schiene, das ist überholt.

Aber man benötigt trotzdem die Zustimmung der Betroffenen. Gab es da Versuche, die Gemeinden zu bestechen?
Natürlich. Das gab es und gibt es. Früher sind die Indios ja einfach vergessen, an den Rand gedrückt worden. Und jetzt auf einmal bekommen sie Lebensmittelkörbe, jede Woche. Plötzlich wird ihnen das Benzin oder der Diesel bezahlt, den sie brauchen. Oder sie kommen in die Stadt, und dort werden ihnen die Einkäufe bezahlt. Natürlich heißt das nicht, dass sie nun für den Staudamm sind, aber sie nehmen die Geschenke eben.

Wenn man hierher in die Prälatur kommt, so sieht man viele Überwachungskameras. Heißt das, dass Sie wegen Ihres Engagements gegen den Staudamm Belo Monte bedroht werden?
Es gibt natürlich viele Gründe, weshalb ich bedroht bin, und einer davon ist tatsächlich dieser Staudammbau. Von Anfang an haben bestimmte Leute gewusst, dass ich gegen dieses Projekt bin, und ich habe das auch in den Medien lauthals verkündet. Und dann tauchte plötzlich der Satz auf: Solange dieser Bischof existiert, wird Belo Monte nicht gebaut werden. Er ist gegen den Fortschritt, also muss er eliminiert werden – was immer das auch heißen mag. Und leider leben die Indios in Gegenden, die reich an Bodenschätzen sind. Also müssen sie weg. In Brasilien hört man das immer wieder: Die Indios produzieren nichts, also haben sie kein Recht auf ihr Land.

Wie ist nun der Stand der Vorbereitungen für den Staudammbau? Was hat es mit dieser so genannten Teillizenz auf sich?
Zunächst möchte ich sagen, dass es diese Teillizenz in der brasilianischen Gesetzgebung gar nicht gibt. Und die Staatsanwaltschaft hat unverzüglich Einspruch erhoben. Keine Regierungsbehörde kann sich über die Verfassung stellen. Wenn sie das tut und die Regierung unterstützt das, dann stellt sich auch die Präsidentin über die Verfassung, und wir haben eine Zivildiktatur. Damit wird Brasilien als Rechtsstaat in Frage gestellt. Unsere Leute hier und die Wissenschaftler, die sich mit stichhältigen Argumenten gegen den Bau aussprechen, werden in Brasilia einfach nicht angehört. Aber wir sind jetzt gar nicht so sehr aus juridischen Gründen gegen dieses Projekt, sondern aus sozialen und Umweltgründen. Wir wissen, dass gerade in dieser Zeit, in der so viel von der Rettung Amazoniens gesprochen wird, dieser Bau zusammen mit den anderen, die folgen werden, der Dolchstoß ins Herz von Amazonien sein wird. Lula hat schon vor Jahren gesagt, die Indios seien ein Hemmschuh für die Entwicklung.

Und was geht das nun Österreich an, was hier am Amazonas passiert?
(Kräutler lacht) Was das Österreich betrifft? Ich weiß, wir sind ein kleines Land, und wir denken immer: Uns wird es schon nicht treffen. Da sind zwei Dinge, die ich erklären will. Wenn Amazonien zerstört wird, so hat das gravierende Folgen für das Weltklima. Das ist wissenschaftlich schon erwiesen. Amazonien hat eine klimaregelnde Funktion. Und diese Realität wird vor Österreichs Grenzen nicht halt machen.
Das zweite ist eine österreichische Firma, die sich sehr für dieses Projekt interessiert. Ich meine, es ist unmoralisch zu sagen, wir schaffen mit diesem Auftrag Arbeitsplätze, das geht uns nichts an, was dort passiert. Doch um welchen Preis werden diese Arbeitsplätze geschaffen? Es werden dadurch Völker in ihrem physischen und kulturellen Leben bedroht. Das ist doch menschenverachtend. Das Unternehmen sagt dann, wenn wir es nicht machen, dann tun es andere. Na gut, dann sind eben andere auch unethisch und unmoralisch.

Wenn Sie Gelegenheit hätten, mit dem Chef von Andritz zu sprechen – was würden Sie ihm sagen?
Überlegen Sie sich das, würde ich sagen. Ich weiß, Sie verdienen damit viel Geld, aber dieses Geld ist dreckig. Das ist kein sauberes Geld. Damit werden Menschen, Kinder, Frauen, Männer, alte Leute, in Mitleidenschaft gezogen. Es geht um deren Überleben. Für diese Firma ist das vielleicht eine statistische Größe: 30.000 Brasilianer. Auch in Brasilien denkt man so: Was sind 30.000 gegen 200 Millionen Brasilianer? Aber für mich haben diese Leute ein Gesicht, und wenn ich sie sehe, dann denke ich immer: Was wird aus euch werden?

Eine abschließende Frage: Glauben Sie, dass dieses Projekt noch verhindert werden kann, oder ist es ein verlorener, ein aussichtsloser Kampf?
Nein. Absolut nicht. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Hausverstand den Sieg davontragen wird. Und dass auch die wissenschaftlichen Gegenargumente schließlich die Oberhand gewinnen werden. Wir kämpfen weiter, wir haben, wie man in Brasilien sagt, die Fußballschuhe noch nicht an den Nagel gehängt.
Und wenn erst einmal die Kayapó in Szene treten! Wenn sie vom Oberlauf des Flusses herunter kommen in voller Kriegsbemalung, da kommen gleich 500, 600 an. Die wissen, was sie wollen, die haben Führungspersönlichkeiten, und wenn die einmal nein sagen, dann bleibt es nein, da können auch Lebensmittelkörbe und viel Geld nichts ändern. Für die Indios ist das Land der Ort ihrer Mythen, ihrer Vorfahren, ihrer Tänze; sie haben eine Kind-Mutter-Beziehung zum Land, und sie da herauszuholen, das Land zu überfluten, das wird gefährlich. Sie sagen einfach, dieses Land ist das Land unserer Vorfahren, das gehört uns, und das werden wir verteidigen. Wie sie es verteidigen werden, das kann ich noch nicht sagen.

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