Dolmetscher zwischen den Welten

Weil der akademische Zugang Humor und Emotionen keinen Platz lässt und man manchen Phänomenen aus der Distanz nicht auf den Grund gehen kann, sucht der Argentinier Juan Pablo Hudson neue Wege in der Sozialwissenschaft. Ein Porträt von Redakteurin Christina Bell.

© Alexander Chitsazan

"Alle Banker sind Diebe“ steht in großen Lettern auf seinem T-Shirt. Die Frage, ob er berühmt sei, verneint Juan Pablo Hudson lachend. Das Buch des Argentiniers hat zwar einigen Anklang gefunden, und jetzt tourt er damit sogar durch Europa. Im April war er auf Einladung der Zeitung „Augustin“ in Wien. Dennoch sind die selbstverwalteten Betriebe Argentiniens, mit denen er sich in den vergangenen zehn Jahren beschäftigt hat, wohl eher ein Nischenthema.

Zu dem es aber viel zu sagen gibt. Die Worte sprudeln nur so heraus aus Juan Pablo Hudson. Der 37-jährige wirkt nicht wie ein Wissenschaftler, der über seine Forschung spricht. Vielleicht weil er ein ungewöhnlicher Vertreter seiner Zunft ist: Sieben Jahre lebte er mit seinen „Forschungsobjekten“ zusammen: den Arbeiterinnen und Arbeitern, die ihre von der Krise 2001 gebeutelten Betriebe übernahmen, um sie im Kollektiv wieder „gesund zu pflegen“.

Begonnen hat dieses Experiment als formelle akademische Untersuchung. Drei bis viermal pro Woche besuchte Juan Pablo die Fabriken, blieb dort oft stundenlang, interviewte und beobachtete. Er fühlte sich dabei wie ein Eindringling. Bis er in Lisandro einen Arbeiter kennenlernte, der ihm einen Blick hinter die Kulissen ermöglichte. Während die anderen Arbeiterinnen und Arbeiter ihm romantische Geschichten erzählten und die Konflikte verheimlichten, erklärte Lisandro ihm unverblümt, was nicht so gut lief. Er begann, sich in einem Solidaritätsnetzwerk zu engagieren, seine Forschungsmethode wurde politischer, er nennt es „militante Forschung“. Von diesem Zeitpunkt an war der Argentinier nicht mehr nur Wissenschaftler, sondern auch Aktivist. Was dem quirligen Wesen ganz gut zu entsprechen scheint.

Zwischen den Welten. Einfach war dieser Spagat zwischen akademisch und politisch nicht, erzählt Juan Pablo. Vor allem, da die Sprache der Universität so anders ist als die des Aktivismus – nämlich weit weg von den alltäglichen Problemen der normalen Leute, wie den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Fabriken. Bis sich das ändert, braucht es „Dolmetscher“ wie ihn. Oft spielte er mit den Arbeitern am Ende der Schicht Fußball und blieb danach zum gemeinsamen Grillen. Dass gerade in diesen Situationen wichtige Aspekte ans Licht kamen, musste er seiner wissenschaftlichen Betreuerin jedes Mal wieder erklären. Bei seiner konservativen Familie hat er das mittlerweile aufgegeben. Die verstehen ohnehin nicht, was er tut.

Durch seine Nähe zum Experiment Selbstverwaltung erlebte er dessen Auf und Ab mit.

Über 300 Unternehmen wurden in Argentinien von der Arbeiterschaft übernommen, ein international einzigartiges Phänomen. Juan Pablo beschreibt die Aufbruchstimmung, die nicht selten von Ernüchterung abgelöst wurde. Der Übergang vom solidarischen Kollektiv zu einem betriebswirtschaftlich agierenden Unternehmen brachte viele Konflikte mit sich: zwischen intellektuellem und manuellem Sektor, zwischen jüngeren und älteren Arbeitnehmern.

Buch. Über all das schrieb er ein Buch. „Wir übernehmen.“ ist eine Mischung aus Roman und Tagebuch. Lisandro, dem er so viel zu verdanken hat, wurde zum Protagonisten. Das Buch bezeichnet Juan Pablo als „Rache“ an der zuvor abgeschlossenen Doktorarbeit. Es war wichtig für ihn, weil das akademische Arbeiten keinen Platz für Humor oder Emotionen lässt.

Die übernommenen Betriebe, mit deren Geschichte sein eigener Werdegang so eng verknüpft ist, hat er nun sich selbst überlassen. Seine Energie und seine Neugier widmet er jetzt einem anderen Phänomen: der Gewalt, die besonders in den größeren Städten Argentiniens ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen hat. Erneut mit unkonventionellen Methoden und ohne Berührungsängste untersucht er das Leben der Jugendlichen, versucht zu verstehen, warum sie Bandenmitglieder werden und mit der Polizei Probleme haben. Bald soll auch dazu ein Buch erscheinen. Zunächst zieht er aber mit seiner Lebensgefährtin von seiner Heimatstadt Rosario nach Buenos Aires. Die Ruhe Wiens hätte er dort auch gern. Auch wenn der Stadt, so habe man es ihm erzählt, etwas „Rock ’n’ Roll“ fehle. Er lacht verschmitzt.

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