Dorothea Nürnberg: Spiegelbilder

Von rld
Erzählungen, Kitab Verlag, Klagenfurt, Wien, 2006. 122 Seiten, EUR 16,-

Dorothea Nürnberg ist bekannt als Autorin, die ihre Faszination für die Mythenwelt des brasilianischen Urwalds in lyrische Texte fließen lässt. In ihrem jüngsten Buch entführt sie die Leserschaft in den Großstadtdschungel der indischen Metropole Mumbai. Drei Erzählungen befassen sich mit der romantischen, für europäischen Geschmack kitschigen, Welt von Bollywood und mit dem Kulturschock, den EuropäerInnen erleben, wenn sie sich auf das Land wirklich einlassen wollen, nicht nur das flüchtige Erlebnis der Exotik genießen, sondern versuchen, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden.
Daran zerbricht fast die Liebe, die die Wienerin Elsbeth in der Erzählung „Liebeserklärung“ für den indischen Filmstar Rahul empfindet. Sie schreibt für ihn ein Drehbuch, das sie in Bollywood verfilmen lassen will und erkennt, dass sie doch zu wenig versteht von den Dingen, die die Menschen in Indien bewegen. Die engen Schranken, die ihr die Regeln der gehobenen Gesellschaft auferlegen, bereiten ihr Unbehagen. Die dreifache Rolle, die Rahul spielt, macht ihr zu schaffen: unnahbarer Filmstar auf der Leinwand, zärtlicher Liebhaber in ihren Armen, gehorsamer Sohn im Hause der Eltern, wo er die Traditionen nicht in Frage stellt und seine künftige Frau zwingt, sich anzupassen.
„Hindus gehen davon aus, dass unsere Anschauung der Wirklichkeit nicht mehr Wahrheitsgehalt besitzt, als die auf eine weiße Leinwand projizierten Bilder eines Bollywoodfilms.“ Das ist die zentrale Erkenntnis, die die Autorin gewonnen hat. Und sie gibt sie an die Leserschaft weiter, indem sie Film und Wirklichkeit immer wieder verschwimmen und ineinander übergehen lässt. Zeitsprünge und Reflexionen der ProtagonistInnen tragen zum Verwirrspiel bei.
Dorothea Nürnberg ist nicht daran gelegen, packende Geschichten zu erzählen, sondern die fremde Kultur durch sinnliche Eindrücke zu vermitteln. Bei ihren Lesungen verzichtet sie nie auf musikalische Untermalung, die die Seele öffnet für das, was die Worte allein nicht auszudrücken vermögen.

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