Dreckige Geschäfte

Von Anna Mayumi Kerber · · 2015/04

Gold und Diamanten: Der Osten Kameruns zieht als Rohstoffquelle immer mehr Interesse auf sich. Ob bei großen internationalen Konzernen oder beim Kleinhandel, viel läuft korrupt und illegal ab.

Es beginnt mit etwas Small-Talk auf der Terrasse eines kleinen Straßenrestaurants. Zehn Minuten später zeigt mir Vincent* das Gold, in einem schäbigen Hotelzimmer in Batouri, einer Stadt im Südosten von Kamerun.

Aus einem bunt gestreiften Zigarettenetui nimmt er ein Päckchen heraus, etwa so groß wie eine halbe Streichholzschachtel. Vorsichtig entblättert er ein schlampig zusammengerolltes Notizpapier. Es gibt wieder einmal keinen Strom in Batouri. Im Schein einer Kerze fährt Vincent vorsichtig mit seinen Fingern über das Gold. Das staubfeine Häufchen glitzert, als er es im schummrigen Licht auf dem Papier herumschiebt.

Batouri, zwei Autostunden von der Grenze zur krisengeschüttelten Zentralafrikanischen Republik (ZAR) entfernt, ist ein Handelsdrehkreuz für Tropenholz, Gold und Diamanten. Laut Informationen der kamerunischen Regierung soll es in der Ostregion des Landes auf einer Fläche von über 20.000 Quadratkilometern bedeutende Gold- und Diamantenvorkommen geben. Das gesamte Potenzial ist nicht bekannt. Und noch wird wenig geschürft.

Von hier aus rollen die Rohstoffe auf holprigen Staubstraßen rund 700 Kilometer nach Douala, wo sich einer der wichtigsten Tiefseehäfen an der westafrikanischen Küste befindet.

Schneller Gewinn. Gehandelt wird im großen Stil, vor allem durch chinesische Unternehmen – oder in kleinerem Maßstab durch Händler wie Vincent. Vincent ist in Kamerun geboren und aufgewachsen. Seit fünf Jahren lebt er in einer Kleinstadt in Frankreich und arbeitet für eine Supermarktkette. Zum dritten Mal ist er seitdem nach Kamerun zurückgekehrt – mit Freunden, um „einzukaufen“.

Das Gold, das Vincent mir zeigt, fliegt er selbst aus – illegal. Insgesamt hat er etwa 80 Gramm, 18 Karat. Karat gibt den Reinheitsgehalt von Gold an – und damit seinen Preis. Vincent bestimmt diesen mittels Säurelösungen.

Mit seinem zehntägigen Abstecher in die alte Heimat erwartet er etwa so viel zu verdienen wie in einem halben Jahr in Frankreich, rund 12.000 Euro.

Gekauft hat er das Gold in einem nahe gelegenen Dorf – direkt von den Arbeiterinnen und Arbeitern. Denen, meint er, zahle er lieber als Mittelsmännern, die er geizig und korrupt nennt. Für ein Gramm Gold hat er 10.000 CFA (rund 15 Euro) bezahlt. Weit mehr als üblich unter den Zwischenhändlern, behauptet er.

Schuftender Schüler. In dem Dorf Bunduru Foro, etwa 50 Kilometer außerhalb von Batouri, treffe ich Pier. Er ist 18 Jahre alt. Stolz präsentiert er seinen Fund des Tages: Ein Gramm Gold, mit Sand und Wasser vermischt im aufgeschnittenen Boden einer Plastikflasche. Sein Dealer wird es ihm für 10.000 CFA abkaufen, erzählt er. Er könnte bis zu 14.000 bekommen. Aber er wolle nicht warten. Pier geht zur Schule. Seit drei Jahren arbeitet er in der Mine und verdient damit Geld für seine Familie, für Essen, Schulgebühren und neues Werkzeug zum Goldwaschen.

Die Mine ist eine der zahlreichen Kleinbergbau-Anlagen. Sie wird von Dorfbewohnerinnen und -bewohnern betrieben. Land gehört in Kamerun grundsätzlich und bis auf Widerruf der Regierung. Wer darauf wohnt, darf es nutzen. Im Normalfall einigt sich die Dorfgemeinschaft auf eine Arbeitsteilung. Meist bilden Familien Teams. Die Männer graben mit einfachen Spaten so tief wie möglich, denn unten ist die Erde reicher an Edelmetallen. Die Frauen und Kinder waschen und sieben dann die Erde in mehreren Stationen – im Fluss, in Schalen und Bottichen. Es ist ein langwieriger Prozess, oft genug mit wenig Ausbeute.

Aufstiegschancen für einfache Minenarbeiterinnen und -arbeiter gibt es kaum. Sie sind auf die Zwischenhändler angewiesen.

Gegen vier Uhr nachmittags setzt Regen ein. Die Minenarbeiter packen ihre Schaufeln, bunten Plastikbottiche und metallenen Schalen ein und machen sich auf den Weg zurück ins nahe gelegene Dorf. In den einfachen Hütten warten die Käufer. Die meisten sind die „ohne Namensschilder“, die illegalen. Die mit Konzessionen würden großen Wert darauf legen, sich auszuweisen, erzählt Dorf-Chief Jean Piere Ngandu.

Chinesische Nachbarn. Unweit der Kleinbergbau-Anlage befindet sich eine weitere Mine. Sie gehört einem chinesischen Unternehmen. Große Maschinen, Chemikalien, Gummistiefel und Helme – die Anlage ist ein so genannter semi-industrieller Betrieb. Das Unternehmen hätte eine Bewilligung für den Abbau auf einem anderen Grundstück erhalten. Doch mit dem Wissen, dass es viel zu holen gäbe, hätten sie hier zu graben begonnen, berichtet Chief Ngandu. Früher hat hier eine Siedlung gestanden. Die wurde platt gemacht.

Als wir die Mine verlassen, stoßen wir auf den angeblichen Eigentümer, einen Chinesen. Er ist verärgert über unser Auftauchen und zu keiner Stellungnahme bereit. Stattdessen schreit er seine Arbeiter an, die uns den Zutritt bewilligt hatten. Es sind Kameruner, die Chinesisch sprechen.

Die „Operation Gold“, ein Projekt der kamerunischen Regierung, soll die Produktion von lizenzierten Firmen kontrollieren und fördern. Im Regionalbüro des Ministeriums für Industrie, Bergbau und technologische Entwicklung hält Eleazar Ngoumtsop Ngoho die Stellung. Gefragt über den Erfolg der „Operation Gold“, die 2011 initiiert wurde, schmunzelt er erst einmal. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns.“ Illegaler Abbau sei schwer zu kontrollieren. „Uns fehlt es an Mitteln, an Technologien und vor allem an qualifiziertem Personal.“

Regelmäßig werden illegale Minen stillgelegt. Wie viele es gibt, weiß keiner. Auch nicht, wie viel Gold geschürft wird. Neben der fehlenden Informationslage ist Korruption ein großes Problem in der Region: Beamtinnen und Beamte sind notorisch bestechlich und gefälschte Zertifikate einfach zu bekommen.

Die Begriffe „Chinesen“ und „Ausbeutung“ fallen hier oft gemeinsam. Selbst beim Beamten Ngoho sorgen die chinesischen Unternehmen für Unmut: „Ein gewisser Prozentsatz der Angestellten müssen eigentlich immer Einheimische sein. Aber sie (die Chinesen, Anm.) bringen ihre eigenen. Sie tragen nichts zur Zivilgesellschaft bei. Sie betrügen, was die abgebauten Goldmengen angeht.“ Lizenzen dürfen laut Ngoho eigentlich nicht an Ausländer, sondern nur an Kameruner vergeben werden. „Doch das kann leicht mit einer Unternehmenspartnerschaft umgangen werden.“

Konfliktdiamanten. Die Region um Batouri scheint auch vielversprechend, was Diamanten angeht. Drüben in der Zentralafrikanischen Republik liegt eines der diamantenreichsten Gebiete weltweit. Die Böden auf der kamerunischen Seite, der Grenze, sollen nicht viel anders aussehen.

Armut trotz Ressourcen

Kamerun liegt auf dem „Goldgürtel“ Westafrikas, der sich von Mali über Ghana bis weit ins Innere des Kontinents erstreckt. Doch die Behörden in Kamerun verfügen über wenige Informationen zum Goldabbau im eigenen Land und wissen laut eigenen Angaben nur von einem Bruchteil des exportierten Goldes.

Das Land ist reich an Ressourcen. Die Hauptexportgüter sind Rohöl, Tropenhölzer, Kakao und Aluminium, zumindest offiziell.

Rund 48 Prozent der etwa 23 Millionen Kamerunerinnen und Kameruner leben trotzdem unter der Armutsgrenze. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International 2013 belegte Kamerun Platz 144 von 177. A.M.K.

Die Diamanten, die man in Batouri kaufen kann, stammen derzeit noch zumeist aus der benachbarten ZAR. Vor eineinhalb Jahren, als dort nach einem Putsch erneut bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrachen, wurde die ZAR von der Diamantenindustrie aus dem internationalen Handel verbannt. Grundlage dafür ist der so genannte Kimberley Prozess – eine im Jahr 2000 gestartete Initiative von Regierungen, Diamantenindustrie und internationalen Organisationen, die darauf abzielt, den Handel von Blutdiamanten zu unterbinden. Doch nach wie vor finden Diamanten ihren Weg aus der ZAR, vor allem auf dem Landweg durch den Tschad und Kamerun – zumeist nach Antwerpen. Die belgische Stadt ist Drehscheibe für den weltweiten Diamantenhandel.

Nach Drohungen, ebenfalls vom internationalen Handel suspendiert zu werden, hat Kamerun zwar mehr Militär zur Grenzsicherung stationiert. Der Handel jedoch floriert weiter, heißt es auf der Straße und selbst bei Behörden.

Versprechungen. Vincent trifft einen Diamantenverkäufer. Er macht sich Hoffnungen auf einen Diamanten, der ihm schon vorab versprochen wurde. „Den kaufe ich hier um 900 Euro und in Europa verkaufe ich ihn um das Zehnfache.“ Aber die zwei können sich dann doch nicht einigen. Es wäre zu Unstimmigkeiten über den Ursprung und Preis des Diamanten gekommen, berichtet er nach dem Treffen. Mehr will er nicht sagen.

Ohne Diamanten, aber mit Gold in der Tasche bricht er Richtung Europa auf. Unterwegs lässt er mit seinen Freunden das Gold einschmelzen und zu Armreifen verarbeiten. Das ist offenbar eine gängige, simple Schmuggel-Methode. Die Armreifen werden übersehen – oder bewusst ignoriert. Wer viel exportiert, bekommt leicht gefälschte Papiere. Mit zwei oder drei Armreifen geht es dann für Vincent ab nach Frankreich. Bis zum nächsten Einkaufstrip.

*Name geändert

Anna Mayumi Kerber lebt als freie Journalistin in Kenia und reist immer wieder in verschiedene Regionen des Kontinents.

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