E-Mail aus: Algier

Von: Farah Souames

Betreff: Gott statt Impfstoff

Liebe Redaktion,

2020, was war das für ein Jahr! „Ich bin so was von drüber“, sagte mir eine meiner besten Freundinnen unlängst auf Zoom. Sie ist algerische Staatsbürgerin und lebt in Washington, D.C. Früher haben wir darüber gescherzt, wie bürokratisch und dysfunktional Algerien sein kann.

Der neue Witz ist, dass die USA im Corona-Krisenmanagement gescheitert sind, was sonst ja eher die klischeehafte Rolle von „Entwicklungsländern“ ist.

Sonst war ich diejenige in meinem Umfeld, die sich darüber beschwerte, wie nervenaufreibend Reisen außerhalb Algeriens sein können. In diesem Jahr war es auch frustrierend, in Algerien unterwegs zu sein.

Im Sommer bin ich mit meinen Eltern zu Eid ul-Adha, dem islamischen Opferfest, an die Küste gefahren. Vor Beginn der Ausgangssperre hätte ich nie gedacht, dass ich mal ein Genehmigungsverfahren durchlaufen müsste, um aus Algier herauszukommen.

Auf dem Weg hielten wir an einer Tankstelle an. Dort hörte ich bei einem hitzigen Streit zwischen zwei Männern zu: Der eine hatte große Angst vor einer zweiten Covid-19-Welle, der andere argumentierte, dass sowieso Gott uns vor der Krankheit schützen werden, mehr als jeder Impfstoff.

Als wir am Rückweg nach der Ausgangssperre in Algier ankamen, war der Polizeikontrollpunkt unbesetzt. Zum Glück.

Liebe Grüße,

Farah

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