Ehrenrunde für die alte Elite

Von Dominic Johnson ·

Liberias neue Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf symbolisiert die Rückwendung Westafrikas auf eine friedlichere Generation nach einer Ära von Krieg und Zerstörung.

Dass ausgerechnet das kleine Liberia sich als erstes Land Afrikas eine gewählte Präsidentin gönnt, ist äußerst praktisch. Jeder afrikanische Staatsmann, der auf internationalen Foren wegen Frauendiskriminierung kritisiert wird, kann in Zukunft antworten: Wieso, in Liberia haben wir immerhin eine Frau im höchsten Staatsamt – was wollt ihr mehr?
Doch Ellen Johnson-Sirleaf, die neue Präsidentin Liberias, ist nicht nur ein Feigenblatt für die anhaltende Männerdominanz in der afrikanischen Politik. Ihre Wahl im November und ihr Amtsantritt im Jänner festigen einen grundsätzlichen Wandel in Westafrika, der zur Überwindung der Ära grenzüberschreitender Bürgerkriege vor allem in der Region Liberia/Sierra Leone/Elfenbeinküste/Guinea beitragen soll. Angesichts des Wütens brutalster Milizen und RebellInnen, deren Kampf meist in der reinen Zerstörung besteht, findet in diesem Teil der Welt ein Generationenwechsel statt – nach hinten, zurück zu den Eliten der geordneten Vorkriegszeit der 1970er und 1980er Jahre, die aber jetzt älter und hoffentlich weiser als damals sind.

Präsidentin Johnson-Sirleaf in Liberia, Präsident Ahmed Tejan Kabbah in Sierra Leone, Präsident Nino Vieira in Guinea-Bissau, Premierminister Charles Konan Banny in Côte d’Ivoire und auch Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo und der ghanaische UN-Generalsekretär Kofi Annan – sie alle gehören zu jener kleinen, alten Elite, die in der frühen Postkolonialzeit schon einmal gescheitert war und jetzt eine zweite Chance bekommt, weil ihre Nachfolger sich als noch schlimmer erwiesen. Früher hatten die VertreterInnen dieser Gruppe gar nicht gemerkt, wie elitär sie waren, und scherten sich nicht um Demokratie. Heute wissen sie um ihren Sonderstatus und müssen versuchen, die verarmten Bevölkerungen ihrer Länder in den daniederliegenden Staat und die kaputte Wirtschaft wieder hineinzuführen. Sie kennen sich gegenseitig gut und können einander helfen, Westafrikas Bürgerkriegsländer auf dem Weg der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zum Ziel der wechselseitigen Stabilisierung zu führen – statt sich gegenseitig zu destabilisieren, wie es die Milizen taten.
Denn eines haben alle Kriege der Region mit ihren hunderttausenden Toten und Millionen Vertriebenen deutlich gemacht: Die viel gepriesene junge Generation ist gescheitert. Unfähig, Politik anders zu begreifen denn als ewiges Nullsummenspiel, und unwillig, die Waffe als leichtestes Mittel des Machtgewinns gegen friedlichere Methoden einzutauschen, haben sie ihre Länder nur tiefer ins Elend gestürzt. Liberias Stichwahl zwischen der 66-jährigen hoch qualifizierten Ökonomin Ellen Johnson-Sirleaf und dem jungen populistischen Fußballstar George Weah bedeutet eine Umkehr – am Schluss entschied sich die Wählerschaft für Alt statt Neu, für die Vertreterin der relativ friedlichen Vergangenheit und gegen den Repräsentanten der kriegerischen Gegenwart.

Der Gemeinplatz, Afrikas Politik brauche nichts dringender als eine Verjüngung und den Aufstieg einer neuen Generation, ist dadurch schwer in Frage gestellt. Sicher, die Hälfte der über 800 Millionen EinwohnerInnen Afrikas ist unter 18 Jahre alt, und jährlich drängen dutzende Millionen Jugendliche auf Afrikas Arbeitsmärkte ohne reelle Perspektive außerhalb von Krieg oder Emigration. Und die junge Generation verkörpert auch die Insignien der Moderne, ohne die Afrika nicht aus seinen Krisen herausfinden wird: Die Offenheit gegenüber der Außenwelt, den Drang zur gleichberechtigten Teilnahme an der Globalisierung, das Infragestellen lähmender Traditionen, die Respektlosigkeit gegenüber inkompetenten Älteren. Afrikas ungestümer demografischer Wandel geht einher mit einer rapiden Verstädterung und einer Mutation ländlicher Großfamilienstrukturen hin zu loseren und geografisch breiter gestreuten Netzwerken. Insbesondere in Westafrika sind diese Veränderungen jedoch auch die Triebkräfte politischer Instabilität. Die politischen Systeme sind dieser sozialen Revolution überhaupt nicht gewachsen. Gerade deswegen sind die TrägerInnen der neuen sozialen Trends nicht geeignet, auch die Politik zu führen – noch nicht. Vorerst dürfen die Altgedienten in Westafrika ihre Ehrenrunde drehen. Es bleibt zu hoffen, dass sie die nötige Weitsicht an den Tag legen, um eine andere politische Kultur zu hinterlassen: Eine, die der Gesellschaft ihrer Länder besser entspricht als die Ruinen jener postkolonialen Staatswesen, die jetzt den Wiederaufbau tragen müssen.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur der Berliner Tageszeitung taz.

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