Ein Bischof gegen die Agroindustrie

Luiz Flávio Cappio gilt als Symbolfigur des Widerstandes gegen die Umleitung des zweitgrößten Flusses in Brasilien. Der Bischof besuchte kürzlich Österreich und sprach über die Gewinner und Verlierer des Mega-Projektes und den Beitrag Europas.

Von Christian Köpf
Lula wurde vom Volk gewählt, aber er ist zu einer Geisel der Eliten geworden!" Für Luiz Flávio Cappio fällt die Bilanz der Amtszeit des Präsidenten Brasiliens bitter aus. Seit Jahren kämpft der Bischof von Barra im Nordosten des Landes gegen ein Mega-Projekt der Regierung: Der Rio São Francisco, zweitgrößter Fluss Brasiliens und Lebensader für Millionen Menschen, soll umgeleitet werden (siehe Titelgeschichte SWM 9/07). Um Millionen Arme mit Trinkwasser zu versorgen, sagt Präsident Lula. Zum Vorteil der politischen und wirtschaftlichen Eliten, entgegnet Cappio. International bekannt wurde der Franziskaner, als er 2005 und 2007 gegen das Großvorhaben in Hungerstreik trat. Das zweite Mal endete auf der Intensivstation.

Nun besuchte Cappio Österreich und Deutschland. Am 9. Mai wurde der 62-jährige in Freiburg mit dem Kant-Weltbürgerpreis ausgezeichnet: Er habe sich in vorbildhafter Weise für die Menschenrechte großer Bevölkerungsteile und deren natürliche, soziale und kulturelle Lebensgrundlagen eingesetzt, begründete die Kant-Stiftung ihre Entscheidung. Für Bischof Cappio ist der Rio São Francisco zum Symbol für einen Planeten mit vergifteten Flüssen und verwüsteten Wäldern, dominiert von Monokulturen und zerstörter Biodiversität, geworden.

In seiner Heimat fressen sich seit zwei Jahren die Bagger in die Erde, bewacht durch das Militär. Über zwei Kanäle von 220 und 400 Kilometern Länge soll das Wasser des Rio São Francisco in den äußersten Nordosten des Landes gepumpt werden. Die Regierung argumentiert, das Projekt diene der Wasserversorgung von zwölf Millionen Menschen in dem trockenen Gebiet. Cappio hingegen meint bei seinem Besuch in Graz: "Dieses Vorhaben ist fundamental unethisch, eine einzige Lüge! Tausende Familien müssten umgesiedelt werden und die indigenen Völker am Unterlauf des Flusses leiden schon jetzt unter der Wasserknappheit. Die Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage!"

Ein breites Bündnis von sozialen Bewegungen, Umweltorganisationen, Fischern und indigenen Gruppen mobilisiert derzeit in Brasilien gegen die Flussumleitung. Sie kritisieren nicht zuletzt, dass die Regierung dabei undemokratisch und unrechtmäßig vorgehe.

Noch im Jahr 2001 hatte der damalige Präsidentschaftskandidat Luiz Inácio Lula da Silva die Umsetzbarkeit und Effizienz des Projektes in Frage gestellt und sich dagegen ausgesprochen. Doch nach dem Wahlsieg 2002 war die Flussumleitung plötzlich eine seiner Prioritäten. Als Folge des ersten Hungerstreiks von Bischof Cappio stimmte Lula einem umfassenden Dialog mit der Zivilgesellschaft über die effizienteste Art der Wasserversorgung und eine nachhaltige Entwicklung der Region zu. Doch nach seiner Wiederwahl 2006 ignorierte er das Abkommen und entsandte das brasilianische Militär, um mit den Bauarbeiten zu beginnen.

Um der Bevölkerung des halbtrockenen Gebietes zu helfen, gäbe es bessere und billigere Alternativen, meint Ruben Siqueira, Koordinator des Gegenprojektes der CPT (Landpastorale): "Die Nationale Wasserbehörde ANA hat bereits 2006 ein Reihe von Maßnahmen zur Trinkwasserversorgung von 1.300 Gemeinden vorgeschlagen. Diese würden die Hälfte der Flussumleitung kosten!" Und den ländlichen Regionen würde etwa die Regenwassernutzung mit Zisternen wesentlich mehr bringen, erklärt der Begleiter des Bischofs.

"Es ist eine große Propaganda der Regierung und der Eliten", beklagt Cappio. Nur ein Bruchteil des Wassers würde zu den Kleinbauern fließen. "Den Großteil erhalten Städte, die genug Wasser haben, und die exportorientierte Agroindustrie."

Konzerne wie Dole verwenden bereits jetzt das Wasser im São-Francisco-Tal für die Produktion von Südfrüchten. Mangos, Weintrauben, Ananas, Krabben und Agrosprit aus der Region werden nach Europa exportiert und auch in Österreich konsumiert. "Darin liegt ein großer ethischer Widerspruch", sagt Cappio: "Die Beziehungen zwischen Nord und Süd müssen geändert werden. Wir können dieses neokoloniale System nicht länger fortsetzen!" Ob das Projekt noch gestoppt werden könne? "Es wurden mehrere Klagen gegen die Flussableitung und zur Wahrung der Menschenrechte eingebracht. Diese werden aber immer wieder aufgeschoben", beklagt der Bischof. Der Oberste Gerichtshof müsse ExpertInnen und Betroffene anhören und danach unverzüglich die Klagen verhandeln. "Internationaler Druck auf die brasilianische Regierung und Gerichtsbarkeit ist für uns in dieser Phase enorm wichtig!"

Christian Köpf studierte Geschichte und Medien in Graz und schrieb für die Ressorts Lokales und Außenpolitik bei der Kleinen Zeitung. Seit 2004 ist er für die Öffentlichkeitsarbeit der entwicklungspolitischen Organisation Welthaus zuständig.

Petitionen gegen das Umleitungsprojekt gibt es online auf www.regenwald.org/protestaktion.php

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