Ein Blick in die Grauzone

Das Wiener Drogenkontrollprogramm der Vereinten Nationen legte soeben eine Studie über globale Geldwäsche vor. Robert Lessmann hat sie für das Südwind-Magazin gelesen.

Wer wäscht weißer – die Wallstreet oder des Autors Waschmaschine?

2,1 Billionen US-Dollar (das sind 2.100 Milliarden!) sollen die jährlichen Gewinne des internationalen organisierten Verbrechens betragen. Abzüglich Konsum und Reinvestitionen würden 1,6 Billionen jährlich im Finanzsystem „gewaschen“. Das Programm für Drogenkontrolle und Verbrechensbekämpfung der Vereinten Nationen (UNODC – United Nations Office on Drugs and Crime) hat eine Studie über Geldwäsche aus verschiedenen kriminellen Aktivitäten vorgelegt und dabei einmal mehr seine herausragende Kompetenz unter Beweis gestellt, wenn es um die Erfassung und Analyse der komplexen Vorgänge aus der Welt der internationalen organisierten Kriminalität geht. Illegale Unternehmen legen ja keine Bilanzen vor, sondern suchen im Gegenteil die Klandestinität, das Verborgene.

Daher werden die Autoren auch nicht müde zu betonen, dass es sich um Annäherungen an diese Realität und um Größenordnungen handelt – und dass auch dies hochproblematisch ist. Umfangreiche Literaturvergleiche und Hochrechnungen werden angestellt, methodische Ansätze diskutiert: Das Ergebnis deckt sich mit den hochgerechneten Ergebnissen einer Studie des Interntionalen Währungsfonds (IWF) aus dem Jahr 1998, die von einer Größenordnung von 2-5 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts ausgegangen war; die UN-Studie rechnet heute mit 2,3-5,5 Prozent.

Am Beispiel des Kokainhandels – den man relativ gut kennt – werden Geschäftspraktiken nachvollzogen: Von geschätzten Profiten in Höhe von 84 Mrd. Dollar (2009) entfallen auf die mehreren Hunderttausend Kokabauern des Andenraums rund eine Mrd. Was geschieht mit dem Rest? Wie viele Drogenhändler gibt es eigentlich? Was verdienen sie? Detaileinblicke sind schwierig, aber frappierend: Wieso wohnen so viele Drogendealer bei Mama?

Neben Fahndungsergebnissen und Gerichtsprotokollen half hier ein junger US-Soziologe namens Sundhir Venkatesh weiter, dem es im Rahmen seiner Feldforschung in den Jahren 1989/90 gelungen war, Einblick in die Geschäftsbücher einer Chicagoer Crack-Kokain-Gang (eines Ablegers der Black Disciples) über vier Jahre zu bekommen. Von 5.420 Gang-Mitgliedern hatten demnach nur 120 Einkommen in einer Größenordnung, bei der Geldwäsche theoretisch überhaupt in Frage kommt. Das „Fußvolk“ der Gang verdiente weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. Aber lässt sich diese Gang-Struktur des Kokainhandels in den USA verallgemeinern, etwa auf Europa übertragen? Auf den Bereich Cannabis oder gar auf andere Aktivitäten der organisierten Kriminalität, wie Waffenhandel, Menschenhandel, Organhandel, Produktfälschung (die gerade im Bereich der gefälschten Medikamente ein Riesenproblem für die Länder des Südens darstellt), den Handel mit Tierhäuten und Elfenbein? Hier bleiben nach wie vor große weiße Flecken zu erforschen.


UNODC – United Nations Office on Drugs and Crime:
„Estimating illicit financial flows resulting from drug trafficking and other transnational organized crimes“, Wien, Oktober 2011.

Das meiste an Geldwäsche findet dort statt, wo auch die größten Profite gemacht werden, in Nordamerika und Europa; von „Abflüssen“ profitieren vor allem die Finanzparadiese der Karibik. Doch es deutet vieles darauf hin, dass das Gewicht illegaler Profite in den Volkswirtschaften so genannter Entwicklungsländer größer ist als in Industrieländern. Entscheidend sei im Bereich Drogen die Großhandelsebene, so die UN-Studie. Die mexikanische Regierung rechnet mit Geldtransfers aus dem US-Drogengeschäft in Höhe von elf Mrd. Dollar jährlich; der private Finanzdienstleister KPMG gar mit 25 Mrd., die nach Mexiko transferiert werden. Zum Vergleich: Der Verteidigungshaushalt im Land des „Drogenkriegs“ beträgt umgerechnet rund sechs Mrd. US-Dollar.

An den Schaltzentralen ist die organisierte Kriminalität am wirksamsten zu treffen. Bei allen Unklarheiten ist eines klar: Die ungeheure Dimension der Geldwäsche erfordert Handeln. Die Schätzungen der UNO vermuten ein Volumen von jährlich 1,2 bis 1,6 Billionen Dollar, wovon etwa 320 Milliarden auf den globalen Drogenhandel entfallen. Man vermutet weiter, dass davon weniger als 1% entdeckt und beschlagnahmt werden, vielleicht eher 0,2%. Zahlen, die sowohl die Dimension als auch die Vernachlässigung dieses Feldes deutlich machen. Im Gegensatz dazu schätzt man, dass etwa 20% der illegalen Opiate und 40% des Kokains entdeckt und beschlagnahmt würden. Sind also Geldwäscher so viel schlauer als Drogenschmuggler? Wohl kaum. Die internationale Drogenkontrolle war bisher ebenso einseitig wie erfolglos auf die Unterbindung von Konsum, Produktion und Bereitstellung ausgerichtet. Das Problem scheint nicht im Fehlen legaler Instrumente zur Bekämpfung der Geldwäsche zu liegen, sondern in ihrer Anwendung, schließt die Studie diplomatisch.

Robert Lessmann ist promovierter Soziologe und Politologe, Lateinamerika- und Drogenexperte. Zuletzt ist von ihm das Buch: „Das neue Bolivien“ (Zürich, 2010) erschienen.

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