„Ein Brückenpfeiler in Europa, einer in der islamischen Welt“

Wie wird die türkisch-europäische Annäherung im Mittleren Osten wahrgenommen? Südwind-Redakteurin Martina Kopf sprach mit dem Islam-und Politikwissenschaftler Udo Steinbach über das ambivalente Verhältnis der Türkei zur islamischen Welt.

Von Martina Kopf
Südwind: Die Türkei wird im Zusammenhang mit den Beitrittsverhandlungen gern als Brücke zwischen Europa und der islamischen Welt bezeichnet. Sieht auch die islamische Welt die Türkei als diese Brücke an?
Udo Steinbach:
Ich denke, dass man jetzt zum ersten Mal überhaupt von einer Brücke sprechen kann. Man hat über viele Jahre diesen Begriff gebraucht, aber immer nur den Teil Europas darin gesehen. Seit dem Regierungsantritt AKP im Jahr 2002 hat diese Brücke tatsächlich zwei Pfeiler, einen in Europa und einen in der islamischen Welt – mit einer Partei, die in Ankara regiert und sich als islamische Partei versteht. Darum stößt die Türkei seit einigen Jahren in der islamischen Welt auf größeres Interesse, ob in den Nachbarländern oder in Pakistan. Eine Türkei, die nur säkular war, die sich kemalistisch verstand und den Islam radikal ausblendete, war für die muslimischen Eliten nicht interessant. In den 1970er, 1980er Jahren noch war die Türkei wie ein Fremdkörper in der Region. Sie galt eher als ein Teil der USA und Europas als ein Teil des Nahen und Mittleren Ostens. Heute werden die Beziehungen mit den arabischen Nachbarn und mit dem Iran enger.

Wie sieht es mit dem Verhältnis der Türkei zur arabischen Welt aus? Es gibt in der Türkei selbst ja eine arabische Minderheit.
Diese arabische Minderheit spielt überhaupt keine Rolle. Sie ist sehr klein, befindet sich im Süden des Landes, in einem Gebiet, das bis in allerjüngste Zeit noch von Syrien beansprucht worden ist. Die Türken haben sehr darauf geachtet, dass diese Araber keine eigene Identität entwickeln, sondern türkisiert werden.
Wichtiger ist, dass die Türkei sich heute selbst stärker als früher als Nahost-Macht versteht. Das schafft einen Bewusstseinswandel bei den arabischen Nachbarn. Zum Beispiel hat Ahmet Necdet Sezer als erster türkischer Staatspräsident der Geschichte im April Syrien besucht. Die erste Auslandsreise des irakischen Ministerpräsidenten Allawi ging nach Ankara. Wichtig ist auch, dass die arabischen Nachbarn heute die engen – auch militärischen – Beziehungen der Türkei zu Israel akzeptieren. Das zeigt, wie die Türkei in diese Region hineinwächst. Bis vor drei Jahren war noch von einem Wasserkonflikt die Rede. Die beiden wichtigsten Flüsse der Region – Euphrat und Tigris – entspringen in der Türkei. Sie hat also die Verfügungsgewalt über das Wasser. Man hat gesagt, früher oder später kommt es hier zu einem Konflikt mit Syrien, was den Euphrat betrifft, oder mit Irak wegen des Tigris. Dies ist bislang nicht eingetreten und wird wahrscheinlich auch nicht passieren. Die Türken haben eingesehen, dass es besser ist, das Wasser fair mit den arabischen Nachbarn zu teilen, als sich in einen Dauerkonflikt mit ihnen einzulassen.

Sind es nur die Eliten, die sich einander annähern, oder auch die Gesellschaften als gesamte? Sie weisen in Publikationen darauf hin, wie tief die Kluft zwischen Regierenden und Regierten in der islamischen Welt ist.
Mit Blick auf die arabischen Nachbarn der Türkei und auf den Iran gibt es keine wirkliche politische Kraft oder Öffentlichkeit außerhalb der herrschenden Eliten. Ob sie islamisch sind, arabisch-sozialistisch oder panarabisch-säkular – sie bestimmen die Wahrnehmung und auch die politischen Beziehungen. Das ist in der Türkei etwas anders. Sie ist in höherem Maße demokratisch, und es gibt eine Öffentlichkeit. Vor allem aber haben in den letzten Jahrzehnten wirtschaftliche Interessen verstärkt Fuß gefasst.

Welche wirtschaftlichen Interessen verfolgt die Türkei im Osten?
Die Türkei ist zu einem Schwellenland geworden, das neben agrarischen Produkten auch wichtige Industrieprodukte fertigt – von Kraftfahrzeugen, LKWs und Bussen bis zu Eisschränken und Gebrauchsgegenständen. Hier hat die türkische Wirtschaft sich enorm entwickelt und sucht nach Märkten. Sie findet diese Märkte zum Teil in Europa, zum Teil in Zentralasien, aber zunehmend auch bei den arabischen Nachbarn, die diese Entwicklung noch nicht nachvollzogen haben.

Kommt neben wirtschaftlichen Beziehungen auch Migration zwischen der Türkei und den östlichen Nachbarländern zu Tragen?
Migrationsbeziehungen gab es in den 1970er, 1980er Jahren, als sich die Ölländer im Nahen Osten sehr dynamisch entwickelten, vor allem die arabische Halbinsel. Da hatten die Türken gehofft, einen Großteil der überschüssigen Arbeitskräfte, die sie nicht in europäische Länder schicken können, nach Saudi-Arabien zu exportieren, in die Golfstaaten und bis nach Libyen. Das hat nie so richtig geklappt. Die arabischen Ölländer haben Araber in ihren Ländern aufgenommen und Bewohner aus Ländern Asiens, aber mit den Türken waren sie aufgrund der politischen Vorbehalte zurückhaltend. Die Migration ist eher ein Thema, wenn es um Europa geht. Aber soweit die Nachbarschaft betroffen ist – der Kaukasus, Zentralasien, Iran, die arabische Welt – spielt die Migration in Hinblick auf die Türkei überhaupt keine Rolle.

Wie wird die Frage des EU-Beitritts der Türkei in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens wahrgenommen?
Unter einem doppelten Aspekt. Einmal interessiert man sich dafür, dass sich diese weitere Annäherung zwischen Europa und der Türkei vollzieht, während eine islamische Partei in Ankara regiert. Das Sensationelle ist – auch in den Augen moderner Araber und Muslime – dass sich die Türkei einerseits wieder ihrem kulturellen und religiösen Erbe zuwendet, andererseits aber auf den Westen zugeht mit der Perspektive auf eine Vollmitgliedschaft in der EU. Mit Blick auf die Türkei verändert sich das Bewusstsein in Bezug auf das Verhältnis von Islam, Demokratie und Beziehung zum Westen. Der zweite Aspekt ist Europa: Dass dies ein Europa werden könnte, das kein christlicher Klub ist und keine Festung, sondern ein offenes Europa, das sich an die islamische Welt annähert.

Die EU macht eine Umsetzung der Menschenrechte zur Bedingung für einen Beitritt. Nun wird in islamischen Gesellschaften immer wieder das Argument vorgebracht, Menschenrechte seien ein westliches Konzept.
Ich glaube nicht, dass man weithin in der islamischen Welt so denkt. Meine Erfahrung ist, dass die Gebildeten und alle, die politisch bewusst sind und selbst den Wandel in ihren Ländern wollen – weg von autokratischen Systemen, weg von der Theokratie – auch für eine umfassende Anwendung der Menschen- und Bürgerrechte sind. Sie beobachten mit Interesse, dass in einem Land wie der Türkei, das aus dem islamischen Kontext kommt und – unübersehbar – ein Menschenrechtsproblem gehabt hat, tatsächlich eine Verbesserung der Menschenrechtssituation eintreten kann. Wenn es gelingt, die Türkei als islamisches Land auf die Grundlage des Werteverständnisses Europas zu bringen, hätte das auch eine erhebliche Auswirkung auf die Art und Weise, wie Europa wahrgenommen wird.

Was können sich türkische Kurdinnen und Kurden von der Perspektive einer EU-Mitgliedschaft erwarten?
Das ist ein ganz zentrales Thema. Ein Europa, das sich an die Türkei annähert, stößt an die Kurdenfrage. Essenziell ist auch, was mit den Kurden im nördlichen Irak passiert. Dies ist untrennbar verbunden mit der Frage, wie die Zukunft der Kurden in der Türkei aussieht. Doch unabhängig davon, was im nördlichen Irak geschehen wird – ob es einen einheitlichen Irak oder einen eigenen kurdischen Staat geben wird – haben die Kurden der Türkei eine Perspektive, Bürger Europas zu werden. Es muss nicht notwendigerweise ein negativer politischer Funke vom Irak auf die Türkei überspringen, weil die kurdischen Bürger in der Türkei sich als potenzielle Europäer fühlen könnten. Ich halte es daher für extrem wichtig, dass wir im Zuge der Beitrittsverhandlungen darauf dringen, dass die Kurdenfrage in der Türkei im Sinne aller unserer Menschenrechts- und Minderheitenrechtsvorstellungen geregelt wird. Auch in Syrien ist das Verhältnis mit der kurdischen Minderheit problematisch. Ein politischer Wandel und Demokratisierung in Syrien könnte auch eine Entspannung der kurdischen Frage dort bedeuten. Ähnlich ist es möglicherweise in Iran. Die Zukunft der Kurdenfrage wird Europa erheblich betreffen, sodass Europa im Zuge der anstehenden Verhandlungen auf die Türkei jeden nur möglichen Einfluss ausüben muss, den begonnenen Weg weiterzugehen: Nämlich den Kurden ihre Identität einzuräumen und damit auch Rechte – vor allen Dingen kulturelle Rechte, die sie als kulturelle Minderheit haben.

Prof. Dr. Udo Steinbach ist Direktor des Deutschen Orient-Institutes in Hamburg und Autor zahlreicher Publikationen über den Nahen und Mittleren Osten, Islam und das Verhältnis zu Europa.
Im Mai war er Gast des Wiener Renner-Institutes bei der Podiumsdiskussion „Radikaler Islam in den Nachfolgerepubliken der UdSSR“.

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