Ein Campesino als König

Julio Pinedo ist der einzige afrikanische König in Lateinamerika. Er setzt sich für die afrostämmigen BolivianerInnen ein.

Von Camilla Landbø, Bolivien

© Susana Girón

"Guten Abend, sind Sie der König?“ Julio Pinedo hebt langsam den Kopf. Er nickt, brummelt ein „Buenas noches“. Seine Majestät Don Julio der Erste – so wird er auf der offiziellen Internetseite des „Afrobolivianischen Königshauses“ betitelt (Link siehe unten). Er regiert über das einzige afrikanische Königreich, das es in Lateinamerika gibt. Es liegt in Bolivien.

Julios Reich findet sich zwei Autofahrtstunden von der Stadt La Paz entfernt, die auf 3.600 Meter liegt. Kaum jemand vermutet, dass gleich hinter den eisbedeckten Gipfeln der Anden Dschungel wuchert. Los Yungas, so heißen die tiefer gelegenen subtropischen Täler. Und dort, in einem kleinen Dorf namens Mururata, lebt der König. Wann Julio der Erste anzutreffen sei, erzählen die Leute, sei ungewiss, es hänge davon ab, ob er tagsüber auf seiner Plantage Kokablätter pflückt. Der Campesino, also Bauer, arbeite viel. Und er sei alt und oft mürrisch, sagen die Leute im Dorf über ihn.

Sklavenhandel. Pinedos Geschichte ist die Geschichte kolonialer Entwurzelung. Als die Spanier Südamerika vor über 500 Jahren überrannten und die BewohnerInnen unterdrückten, schickten sie erst die indigene Bevölkerung in die Minen Boliviens. Sie starben an Staub, Hunger und Misshandlungen.

Dann holten sie Menschen aus Afrika als SklavInnen ins Land. Die AfrikanerInnen hielten es in den Anden noch weniger aus, mit der Zeit wurden sie in wärmere Regionen Boliviens verkauft – etwa in die Yungas. Um 1820 fuhren die letzten Schiffe mit SklavInnen über den Atlantik. 1826 wurde in Bolivien die Sklaverei abgeschafft.

Auf einem dieser letzten Sklavenschiffe soll Prinz Uchicho nach Südamerika gekommen sein. Laut Legende wusste niemand, dass Uchicho aus königlichem Hause in Senegal stammte.

Eines Tages habe er sich in einem Fluss gebadet. Auf seinem entblößten Rücken waren tätowierte Symbole zu sehen, die nur ein Sohn aus einem afrikanischen Königshaus haben konnte. 1832 krönten ihn die ehemaligen SklavInnen zu ihrem Oberhaupt. 1992 bestiegt sein Urenkel den Thron: Julio Pinedo, der heutige König.

Plurinationaler Staat. Pinedo lebt mit seiner Frau in einem Eckhäuschen in Mururata, im Obergeschoss. Im Erdgeschoss führt Angélica Pinedo einen einfachen Laden. Pinedo arbeitet seit er denken kann, auf Plantagen unweit von Mururata. In der Regel steht er morgens auf, geht zu seinen zwei Plantagen und kehrt erst mit Sonnenuntergang ins Dorf zurück. Dann setzt er sich zu seiner Frau in den staubigen Laden, bis der geschlossen wird. Mit den Einnahmen der Ernte und des Ladens führt das Paar, das seit über 50 Jahren verheiratet ist, ein sehr bescheidenes Leben.

AfrobolivianerInnen gehören bis heute zur ärmeren Bevölkerungsschicht. Unter Präsident Evo Morales hat sich die Situation der rund 25.000 afrikanischstämmigen BürgerInnen in Bolivien allerdings verbessert.

Julio der Erste wurde 2007 vom bolivianischen Staat offiziell in diesem Amt bestätigt, er wurde vom Bürgermeister von La Paz gekrönt. Dadurch wurde die afrobolivianische Gemeinschaft im Land auch sichtbar. Und seit der Erneuerung der Verfassung 2009 gelten die AfrobolivianerInnen als eine der 36 anerkannten Nationen im „plurinationalen“ Staat Bolivien. Außerdem sitzt seit 2010 mindestens ein Afro-Abgeordneter oder eine Afro-Senatorin im Parlament. Davor wäre das undenkbar gewesen.

Amt und Bürde. Als König nimmt Julio der Erste seine repräsentative Rolle wahr, so gut es geht. Er war bereits als Kind scheu und introvertiert.

Der 76-Jährige scheint mit dem Schicksal, König zu sein, zu hadern. Offen sagt er selbst das nicht. Aber die Menschen, die ihn kennen, berichten davon. Das Amt mache ihm zu schaffen – zum einen lebt er das harte Alltagsleben eines einfachen Campesinos, zum anderen muss er die Erwartungshaltungen einer ganzen Community erfüllen, für die er in seiner Funktion als König identitätsstiftend wirkt.

Bei offiziellen Anlässen trägt er Schärpe und wird mitunter im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen getragen. Doch sein Titel hat ihm zudem weder finanziell etwas gebracht, noch wirklichen politischen Einfluss.

Dennoch, Pinedo weiß von der Bedeutung seiner Rolle: „Meine Aufgabe ist es, die traditionelle Kultur der Afrobolivianer zu bewahren, sie den jüngeren Generationen weiterzuvermitteln“, erklärt er. Dafür nimmt er als König etwa immer wieder mal an Veranstaltungen teil. Seinen wahrscheinlichen Nachfolger – den Großneffen – bereitet er bereits Schritt für Schritt auf die königliche Rolle vor.

Der Webauftritt des afrobolivianischen Königshauses: www.casarealafroboliviana.org

Camilla Landbø lebt und arbeitet als freie Journalistin und Reporterin in Bolivien.

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