„Ein Dorn im Auge des Staates“

Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung der Dominikanischen Republik sind haitianischen Ursprungs. In ihrer neuen Heimat sind sie ständigen Schikanen, Misshandlungen und rassistischer Diskriminierung ausgesetzt. Werner Hörtner sprach darüber mit Sonia Pierre, Gründerin und Leiterin der Frauenorganisation MUDHA.

Südwind-Magazin: Die Regierung der Dominikanischen Republik wurde schon mehrmals wegen der Verletzung der Rechte der dominikanisch-haitianischen Bevölkerung vor internationalen Institutionen wie dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof angeklagt. Haben diese Klagen irgendeinen Erfolg gezeitigt?
Sonja Pierre:
Ja, wir haben in drei Fällen eine Klage eingereicht und jedes Mal Recht bekommen. Einmal wegen der Misshandlung und Deportation einiger Familien nach Haiti. Einmal wegen eines Priesters, der für unsere Anliegen eingetreten war und deshalb verfolgt wurde. Und schließlich wegen der Bedrohung von mir und meiner Familie. In jedem Fall haben wir gewonnen. Wir bekamen vom Gerichtshof Schutzmaßnahmen zugesprochen, d.h. dass sich der Staat verpflichtet, für unsere physische Integrität zu sorgen. Oft deportieren die Migrationsbehörden Personen haitianischer Herkunft, obwohl sie ihren Dokumenten nach dominikanische Staatsbürger sind.

Es gab sogar Fälle, wo Beamte ostentativ die Staatsbürgerschaftsurkunde zerrissen und die Personen dann abschoben. Es gibt aber in Haiti eine Organisation, die sich um neu angekommene Deportierte kümmert, die rufen uns dann an, wir wenden uns an den Gerichtshof und dieser interveniert dann bei der dominikanischen Regierung, damit diese Menschen wieder zurückkehren können. Es gab auch einen exemplarischen Fall, dass einige Kinder mit dominikanischer Staatsbürgerschaft wegen ihrer haitianischen Herkunft nicht zum Schulunterricht zugelassen wurden. Der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof verfügte dann, dass nicht nur diese Kinder, sondern alle dominiko-haitianischen Kinder, die in der Dominikanischen Republik auf die Welt kamen, das Recht auf Schulbildung genießen.

Dann können Sie eigentlich zufrieden sein mit diesen Erfolgen.
Nein, denn ein großer Teil dieser erkämpften Errungenschaften wurde mit der neuen Verfassung, die Anfang vergangenen Jahres in Kraft trat, wieder zunichte gemacht. Die Regierung sagt zwar, das war nur eine Reform, doch da der Großteil der Artikel erneuert oder verändert wurde, sprechen wir von einer neuen Verfassung. Gemäß der alten Verfassung erhielten alle Menschen, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden – mit Ausnahme von Diplomatenkindern oder Transitreisenden – die dominikanische Staatsbürgerschaft. Doch mit dem Dekret 017 wurde verfügt, dass auch die Eltern der Neugeborenen bereits dominikanische Bürger und Bürgerinnen sein mussten. Aber viele von uns, die wir schon vor Jahrzehnten ins Land kamen, hatten keine Papiere oder nur einen Ausweis, den uns die staatliche Zuckergesellschaft ausstellte, da die meisten von uns in den Zuckerrohrplantagen arbeiteten. Das heißt, dass jetzt viele von uns ihre Staatsbürgerschaft wieder verlieren können.

Das große Problem ist, dass die Personen, die die Staatsbürgerschaft verlieren, keinen Zugang zur staatlichen Gesundheitsversorgung und Schulbildung haben, dass sie keine Arbeitserlaubnis erhalten, also nur im informellen Sektor arbeiten können.
Es gibt bereits tausende Fälle von Personen, die nun die dominikanische Staatsbürgerschaft verloren haben. Wir wollen auch diese Fälle vor den Interamerikanischen Gerichtshof bringen, doch müssen wir zuerst den dominikanischen Rechtsweg ausschöpfen. Die Behörden verschleppen aber absichtlich unsere Eingaben.

Heißt das, dass auch Sie, die Sie schon so lange in diesem Land leben, hier auf die Welt kamen, Ihre Staatsbürgerschaft verlieren und deportiert werden können?
Ja, das wäre leicht möglich, umso mehr, als ich dem Staat wegen meiner Aktivitäten zugunsten der dominikanisch-haitianischen Bevölkerung ein Dorn im Auge bin. In diesem Fall wäre ich sogar staatenlos, da ich gemäß der Gesetzeslage in Haiti dort keine Staatsbürgerschaft erhalten würde.
Es wurde ja bereits versucht, mir die Papiere abzuerkennen, doch haben dann über 60 Nichtregierungsorganisationen zu meinen Gunsten interveniert, und nun ist es wieder etwas ruhiger geworden. Ohne Papiere könnte ich natürlich auch keine Auslandsreisen unternehmen, und alle meine Kinder und Enkel würden ebenfalls die Staatsbürgerschaft verlieren.

Trotz der gefährlichen und deprimierenden Situation, in der Sie und andere Mitglieder Ihrer Organisation in der Dominikanischen Republik leben, haben Sie sich nach dem verheerenden Erdbeben vom Jänner des Vorjahres entschlossen, sich in Haiti um die Überlebenden der Katastrophe zu kümmern.
Nach dieser furchtbaren Tragödie im vergangenen Jänner war es eigentlich unmöglich, dass wir nicht dorthin eilen und zu helfen versuchen. Aus verschiedenen Gründen. Durch unsere Arbeit in der Dominikanischen Republik sind wir schon lange in Kontakt mit Organisationen in Haiti. Da wollten wir natürlich gleich nach dem Erdbeben Nothilfe leisten und fuhren mit 39 Ärzten und Ärztinnen und Krankenschwestern sowie mit 47 Jugendlichen, die auch mithelfen wollten, nach Haiti. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Dominikanischen Republik eine große Welle der Solidarität mit Haiti, das war sehr eindrucksvoll.

Wo haben Sie Ihre Hilfe konzentriert?
In der Hauptstadt Port-au-Prince waren so viele internationale Hilfsorganisationen, da sind wir in die Stadt Léogâne gezogen, eine Gemeinde mit etwa 200.000 Einwohnern westlich der Hauptstadt. An die 30.000 Menschen waren dort durch das Erdbeben umgekommen und 90 Prozent der Bausubstanz waren zerstört. Wir arbeiteten dort vor allem mit Frauen und Kindern und mit alten Menschen, denn die werden ja meistens vergessen.

Wir leisteten nicht nur Erste Hilfe, sondern führten auch viele Gespräche mit den Menschen, notierten ihre Probleme und leisteten psychosozialen Beistand, damit die Leute ihre Traumata überwinden können. Zum Beispiel durch Feste, durch Spiele. Bewegend war auch das Knüpfen von Beziehungen zwischen den dominikanischen Jugendlichen, die mit uns kamen, und ihren haitianischen Altersgenossen. Viele haben Freundschaften geschlossen und kommunizieren heute noch per Facebook miteinander.
Wir von MUDHA sind immer noch in dieser Stadt aktiv, und ich fahre oft dorthin.

Was sind denn heute die größten Probleme für die Bevölkerung?
Besonders schlimm ist die Situation der Unsicherheit und der Kriminalität in den Zeltlagern. Viele Frauen und Mädchen und in der letzten Zeit auch Buben werden vergewaltigt. In den Lagern leben ja nur wenige Männer, denn die sind irgendwo unterwegs auf Arbeitssuche, und so sind die Frauen diesen Angriffen ziemlich hilflos ausgesetzt.

Und woher kommen diese Männer?
Viele von ihnen sind Kriminelle. Das Hauptgefängnis von Haiti ist bei dem Erdbeben auch zerstört worden, und die überlebenden Häftlinge sind natürlich geflüchtet. Aber es gibt alle möglichen Typen von Männern, die da nachts auftauchen. Die Frauen haben ein System ausgearbeitet, wie sie sich gegenseitig verständigen, wenn Gefahr droht, mit Pfiffen oder Flöten, aber viele schämen sich und wollen nicht eingestehen, dass sie vergewaltigt wurden.

Manchmal schnappen sie so einen Kerl und binden ihn fest, aber was sollen sie tun mit ihm? Die Polizei mischt sich nicht ein, auch nicht die UN-Blauhelme. Die Gefängnisse sind großteils zerstört. Wir machen wohl auch Workshops mit Männern über diese Situation der Gewalt, aber das ist schwierig. Durch diese Vergewaltigungen sind auch die Fälle von Aids stark angestiegen, da diese Kriminellen keine Kondome verwenden wollen.

Was können Sie für die Frauen mittelfristig tun?
In der gegenwärtigen Phase legen wir den Schwerpunkt auf die Berufsausbildung für Frauen, damit sie die Herstellung von irgendwelchen Produkten erlernen, die sie dann auf den Märkten verkaufen können, Kerzen, Seifen, Kunsthandwerk. Die haitianischen Frauen sind ja sehr stark und geschäftstüchtig; man muss ihnen die Gelegenheit geben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

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