Ein gewaltiger Unterschied

Die Arbeitsbedingungen in der Blumen-Exportindustrie sind alles andere als sozial oder menschenwürdig. Doch es gibt eine Alternative, erzählt eine ecuadorianische Arbeiterin.

Von Ralf Leonhard
Rosa Paulina Vilca Chiguano aus Ecuador ist froh, dass sie einen Job hat. Hunderttausende Landsleute haben in den letzten Jahren ihre Heimat verlassen, weil sie keine Arbeit finden oder weil sie mit dem angebotenen Lohn nicht überleben können. Rosa war gerade 15 Jahre alt, als ihr Vater einen Unfall erlitt und als Brotverdiener ausfiel. Als ältestes von drei Kindern spürte sie die Last der Verantwortung und bewarb sich bei einem der Schnittblumenunternehmen, die damals in der Provinz Cotopaxi aus dem Boden schossen. Sie wurde gleich angestellt. Gerade junge Arbeitskräfte sind begehrt. Erfahrung und Vorkenntnisse spielen keine Rolle. Dieser boomende Erwerbszweig beschäftigt landesweit um die 100.000 Menschen. Nach Erdöl und Bananen zählt die Blumenwirtschaft bereits zu den wichtigsten Exportzweigen.
Bei Rosas Österreich-Besuch im vergangenen Februar standen Interviews, Pressekonferenzen und öffentliche Veranstaltungen auf der Tagesordnung. Sogar an einer Demonstration vor dem Fleurop-Büro in Wien nahm sie teil: Auch das internationale Blumengruß-Unternehmen soll sozial und ökologisch fair produzierte Blumen in sein Repertoire aufnehmen, lautete die Forderung. Das von der Südwind Agentur und FIAN, der Organisation für das Recht auf Nahrung, am 8. Februar vorgetragene Ansinnen wurde von einem Angestellten wohlwollend entgegengenommen – das war’s.

Rosa Paulina war unter mehreren Kolleginnen für ihre erste Auslandsreise ausgewählt worden, weil sie sich gut ausdrücken kann und weil sie lange genug dabei ist, um zu wissen, welchen Unterschied faire Produktionsbedingungen machen. „Petyros“ gehört mit drei Hektar Fläche zu den größeren Betrieben. Es werden nur Rosen angepflanzt. Wohin sie geliefert werden, das wissen die Arbeiterinnen nicht. „Sie werden im Kühlwagen nach Quito gebracht.“
Wenn man jung ist und dringend Geld braucht, nimmt man so manches auf sich. Die Bedingungen waren ziemlich elend, erinnert sich Rosa. Damals gab es keinen Schutz bei der Anwendung der giftigen Chemikalien, und die Behandlung durch die Vorarbeiter war oft entwürdigend. Solche Verhältnisse herrschen heute noch in rund 80 Prozent der etwa 400 Exportblumenbetriebe in Ecuador. Aber in Petyros sieht es jetzt anders aus. Deswegen bleibt Rosa Paulina nach zehn Jahren immer noch ihrem Betrieb treu.

Vor etwa acht Jahren entschloss sich der Unternehmer, seine Firma vom „Flower Label Program“ (FLP) zertifizieren zu lassen. Er erkannte, dass sich die mit fairen Produktionsbedingungen verbundenen höheren Kosten rechnen, weil sich neue Exportchancen auftun. Und manche Verbesserungen kosten gar nichts. „Der Unterschied ist gewaltig“, sagt Rosa heute. Es begann damit, dass die schärfsten Vorarbeiter ausgetauscht wurden. „Seither werden wir respektvoll behandelt.“
Auch der Umgang mit den Pflanzenschutzmitteln hat sich radikal gewandelt. „Früher wurden hochgiftige Stoffe verwendet. Jetzt setzen wir die mildesten am Markt vorhandenen Mittel ein.“ Außerdem werden die Ruhezeiten streng eingehalten. Früher wurde beim Spritzen keine Rücksicht auf anwesende Arbeiterinnen genommen. Jetzt darf zwölf Stunden nach dem Auftrag der Chemikalien niemand ins Glashaus. Bei der Arbeit ist das Tragen von Handschuhen und Schutzkleidung inzwischen selbstverständlich. Die Einhaltung dieser Mindeststandards wird von FIAN regelmäßig überprüft.

In manchen FLP-Betrieben gibt es bereits Gewerkschaften, was sonst in der Blumenwirtschaft sonst kaum geduldet wird. Bei Petyros wurde eine Arbeiterkommission gegründet, die zwar keiner Gewerkschaft angehört, aber die Interessen der Angestellten gegenüber dem Unternehmen wahrnimmt. Kollektivverhandlungen führt sie keine.
Die Bezahlung liegt mit 156 US-Dollar nur knapp über dem staatlich festgesetzten Mindestlohn von 150 Dollar, doch mit Zulagen kommt Rosa auf durchschnittlich 170 Dollar im Monat. Das reicht zwar nicht, um die Familie durchzubringen, doch die beiden Brüder konnten inzwischen dank Rosas Unterstützung die Schule abschließen und sind jetzt bei der Armee versorgt. Und auch der Vater, dem Rosa jahrelang die Medikamente zahlte, kann wieder arbeiten.
Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten sind Frauen, viele davon Mütter. Junge Mütter und Schwangere sind besonders froh über die FLP-Bedingungen. Erstmals gibt es so etwas wie Karenzurlaub, und danach haben sie Anspruch auf täglich zwei Stunden zum Stillen. Rosa Paulina muss diese Rechte noch nicht in Anspruch nehmen. Sie besucht Abendkurse, um die Matura nachzuholen. Denn Aufstiegschancen gibt es in der Blumenindustrie kaum.

Der Autor ist freier Mitarbeiter des Südwind-Magazins und arbeitete 13 Jahre als Journalist in Mittelamerika.

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