„Ein heikles Thema“

Die Kuratorin Maria Teschler-Nicola erklärt, wie das Naturhistorische Museum in Wien (NHM) mit menschlichen Überresten aus bedenklichen Sammlungsbeständen umgeht.

Unbelastet: Maria Teschler-Nicola mit einem Skelett aus der Römerzeit.© Irmgard Kirchner

Die Humanbiologin Maria Teschler-Nicola leitete bis Ende 2015 die anthropologische Sammlung am NHM. Sie ist und war maßgeblich an der Restitution von Relikten aus dem NHM beteiligt.

Muss man bei allen anthropologischen Sammlungen den Erwerb hinterfragen?

Was in den letzten Jahrzehnten im NHM eingelangt ist, stammt aus der österreichischen Forschung oder von Rettungsgrabungen. Das sind laut allgemeinem Konsens unbedenkliche Kollektionen, die einen großen wissenschaftlichen Wert haben. Als bedenklich gelten Sammlungen, die im 19. Jahrhundert, in der Regel bei Forschungsreisen, erworben worden sind. Die Erwerbungsmethoden entsprechen nicht mehr unserem heutigen Standard oder unserer heutigen Sichtweise

Ganz kritisch ist die NS-Zeit, die der Anthropologie schwerst zu schaffen gemacht hat und ihr immer noch zu schaffen macht. In der NS-Zeit wurden Einkäufe – zum Beispiel aus dem Anatomischen Institut im polnischen Posen – getätigt. Den Kuratoren war klar, dass die Relikte von hingerichteten Widerstandskämpfern oder polnischen Juden stammen. Da gab es trotzdem kein Halten. In der NS-Zeit gab es auch Ausgrabungen am jüdischen Friedhof in Währing.

Ist der Erwerb anthropologischer Relikte auch als Teil der kolonialen Machtausübung zu sehen?

Rudolf Pöch ist dafür ein gutes Beispiel. Was er in Südafrika 1909 gemacht hat, hätte er in Europa nicht machen können: auf einen Friedhof gehen und jemanden ausgraben, der vor kurzem verstorben ist. Das hängt natürlich mit der kolonialen Machtausübung zusammen, selbst wenn Österreich keine Kolonie dort hatte. Pöch ist ja mit der Unterstützung anderer Kolonialmächte gereist.

Die Frage der Rückführung von menschlichen Überresten ist symbolisch stark aufgeladen.

Ein Beispiel: Es ist dem Historiker Walter Sauer zu verdanken, dass es gelungen ist, die beiden Khoi-San aus Südafrika 2012 als Verstorbene und nicht als Museumsobjekte zurückzuführen (siehe Kasten). Es gab ja keine Totenscheine. Das war ein sehr wichtiger Aspekt.

Gibt es in punkto Restitution noch Leichen im Keller in Österreich?

1997 habe ich die Verantwortung für die anthropologische Sammlung übernommen. Das Thema Restitution kam schon einige Jahre vorher auf. Es war klar, dass in der Angelegenheit des Anatomischen Instituts in Posen die Frage der hingerichteten polnischen Widerstandskämpfer nicht geklärt war. Der Historiker Götz Aly hat das aufgedeckt. Ich habe mich an die polnische Botschaft gewendet, ob sie uns bei der Rückführung helfen können. Vorher hat es Restitutionsforderungen aus Tasmanien und Australien gegeben.

Gab es Widerstände gegen die Restitutionen?

Es war ein heikles Thema, aber es gab keine Widerstände. Bei den Relikten der Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft ist vom Ministerium sofort entschieden worden, dass sie zurückgegeben oder begraben werden. Bei den Australiern hat man noch einmal bei mir rückgefragt, wie ich das sehe. In dem Dialog mit den Australiern war mir vollkommen klar, dass es wirklich ein Bedürfnis der Communities ist, diese Relikte zurückzuerhalten und dass sie auch ein Recht darauf haben. Im Museum versuchten wir, alles zu tun, was notwendig ist, um die Relikte angemessen zu übergeben. Wir haben uns auf ein Feuerzeremoniell eingelassen. Die Restitution 2009 wurde sehr positiv aufgenommen.

Am Ende der Zeremonie haben wir von Vertretern der indigenen Communities gehört: Wenn die Relikte so wichtig für die Erforschung der Hominiden-Evolution sind, können wir uns noch einmal über eine Verwendung für die Forschung verständigen. Wenn man wirklich in den Dialog einsteigt und als Kurator auch ein Stopp akzeptiert, dann nähern sich beide Seiten an.

Was steht jetzt noch an?

In den vergangenen beiden Jahren sind Anfragen aus Neuseeland und Tasmanien gekommen. Das Tasmanian Aboriginal Center fordert die Rückstellung eines Schädels und von Haarproben.

Menschliche Kopf- und Körperhaare konnten die reisenden Forscher und Sammler ohne große Schwierigkeiten entnehmen und transportieren. Die Anthropologen wollten an diesen Objekten Rassenmerkmale festmachen.

Gibt es strittige Fälle der Restitution in der Anthropologie?

Nein.

Woran hält man sich bei Fragen der Restitution?

Es gibt einige Empfehlungen, an denen man sich orientieren kann. Aber – und das ist vielleicht der kritische Punkt – es existiert keine Vorschrift. 2008 gab es ein Roundtable-Meeting in der dänischen Stadt Odense, einen Versuch, das Thema auf eine europäische Ebene zu heben. Jeder der Kollegen hat ein kurzes Referat gehalten, wie es im jeweiligen Land üblich ist. Da war vollkommen klar, dass es in nächster Zukunft keine Empfehlung auf europäischer Ebene geben kann. Es waren total unterschiedliche Umgangsweisen.

Wie steht Österreich diesbezüglich im europaweiten Vergleich da?

Wir sind sehr offen in die Diskussion eingestiegen. Wir akzeptieren auch begründete Rückforderungen, aus Glaubensgründen oder wenn es die Religion vorschreibt.

Wenn jemand anfragt, dann ziehen wir uns nicht zurück. Wir diskutieren darüber. Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen, als in einen bewussten Dialog mit den Repräsentanten der betreffenden Gesellschaft einzutreten. Das ist die einzige Möglichkeit, zu einem angemessenen Umgang zu kommen.

Interview: Irmgard Kirchner

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