Ein Indio im Präsidentenpalast

Von Robert Lessmann · · 2006/02

Evo Morales ist indianischer Herkunft und war einst der jüngste Gewerkschaftsführer der Kokabauern. Ein Porträt der Person Morales von Robert Lessmann.

Der neue Präsident Boliviens, Evo Morales Ayma – vom Volk der Aymara –, wurde am 26. Oktober 1959 im Dorf Iasllave bei der Minenstadt Oruro auf dem fast 4.000 Meter hohen Altiplano, der Hochebene der Anden, geboren. Die Familie baute Kartoffeln an und hatte ein paar Lamas. Nur drei seiner sieben Geschwister überlebten. „Oft gab es nichts zu essen“, erzählt er und fügt relativierend hinzu: „Aber wir waren nicht arm. Das ging allen so.“
In die Schule waren es zehn Kilometer zu Fuß. Es gab keine Bänke. Die Kinder saßen auf Stapeln von Lehmziegeln. Mit 13 ging Evo nach Oruro und arbeitete neben der Schule in einer Bäckerei, verdiente Geld als Maurer und Trompeter. Schließlich zog die Familie in den Chapare, die fruchtbare Tieflandregion bei Cochabamba, um Koka anzubauen. „Egal, ob es der Frost war oder der Hagel, der unsere Ernte vernichtete, niemals war der Staat da oder die Regierung, um uns zu helfen. Mir wurde schon damals klar, dass wir selbst kämpfen mussten, dass wir dafür verantwortlich waren, uns selbst zu verteidigen“, erinnert er sich.

Nach dem Militärdienst folgte Evo seiner Familie in den Chapare nach, half zunächst seinem Vater mit der Koka, der ihn im Gegenzug beim Studium in Cochabamba unterstützte. Schließlich baute er selbst Koka an. In seinem „Sindicato“ – eine Art Bauerngewerkschaft – war er Sportbeauftragter, organisierte Fußballturniere, was ihm bei den Mädchen den Beinamen „der junge Fußballer“ eintrug. Im Jahr 1984 wurde er zum Chef seines Sindicatos gewählt. Er war damals der jüngste unter den Anführern.
Die Sindicatos der Kokabauern, der cocaleros, des Chapare entwickelten sich im Widerstand gegen die staatliche, von den USA aufgezwungene Politik der Kokavernichtung zu einer der bestorganisierten und schlagkräftigsten Bewegungen der Zivilgesellschaft in Lateinamerika. Seit 1991 steht Morales dem Koordinationskomitee der sechs Cocalero-Vereinigungen des Chapare vor. Durch Straßenblockaden und Protestmärsche, mehrmals 650 Kilometer weit bis nach La Paz, erzwang man immer wieder direkte Verhandlungen mit diversen Regierungen. Seit 1997 ist Morales Parlamentsabgeordneter für die „Bewegung für Sozialismus“ (MAS).

Als Verantwortlicher für Proteste wurde er immer wieder verhaftet. Im Jänner 2001 entzog man ihm sein Abgeordnetenmandat, weil man ihn für gewalttätige Zusammenstöße verantwortlich machte, bei denen Polizisten ums Leben gekommen waren. Das brachte ihm bei den darauffolgenden Wahlen zusätzliche Stimmen ein, weil die Bevölkerung den Mandatsentzug als ungerechtfertigt ansah. Immer wieder wurde er auch von politischen Gegnern beschuldigt, mit dem Drogenhandel unter einer Decke zu stecken. Er weist das entschieden zurück. Sein bescheidenes Auftreten – Luxus scheint ihm von Natur aus gleichgültig zu sein – spricht gegen diesen Vorwurf, der obendrein niemals bewiesen wurde. Es wurde auch nie eine entsprechende Anklage erhoben.
Mit einem in der bolivianischen Geschichte einmaligen Wahlergebnis (53,7%) zieht Evo Morales nun als erster indigener Präsident in den Palacio Quemado (Amtssitz des Präsidenten) ein. Die Erwartungen der verarmten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen sind riesig.
Eine gefährliche Konfliktebene ist die Beziehung mit den USA. Hier sind Konflikte vorprogrammiert, etwa bei der von Morales angekündigten Freigabe des Kokaanbaus. Washington besteht auf der Einhaltung internationaler Abkommen. Und Washington kontrolliert rund 50% der Auslandshilfen, von denen Bolivien abhängig ist. Die Europäer haben Kooperationsbereitschaft signalisiert. Die ist auch dringend geboten. Denn das historische Mandat von Präsident Evo Morales kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bolivien vor einer ebenso historischen Zerreißprobe mit der Gefahr bürgerkriegsähnlicher Zustände steht.

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