Ein Königreich für einen Fluss

Von Josef C. Ladenhauf und Ido Liven ·

Jordanien zählt zu den trockensten Ländern der Erde. Verglichen mit europäischen Verhältnissen ist der Hauptfluss Jordan ein schmaler Bach. Die Wasserknappheit wird durch die starke Zuwanderung noch verschärft.

Auf einer schmutzigen Halde in der Nähe eines viel frequentierten Kreisverkehrs in Amman hocken Ali und Ahmad im Schatten eines Tankwagens und warten auf Kundschaft. Die nächsten Monate versprechen gute Geschäfte für die beiden Wasserhändler.
Seit Jahren kämpft das jordanische Königreich mit einem altbekannten Feind – dem Wassermangel. Nach vier extrem niederschlagsarmen Wintern erwartet nun vor allem die größeren Städte ein Sommer mit immenser Wassernot. Das Ministerium für Wasser und Wasserverteilung hat einen strategischen Notfallplan beschlossen, der eine Verringerung der wöchentlichen Lieferungen an Haushalte vorsieht. Zusätzlich wird überlegt, noch schnell neue Brunnen zu bohren, um unterirdische Wasservorkommen anzuzapfen.
Runde Plastiktanks, meist schwarz, weiß oder grau, und würfelige Metalltanks auf den Dächern prägen Ammans Stadtbild. Ein neuer Tank für 2.000 Liter kostet etwa 100 Jordanische Dinar, umgerechnet etwas mehr als 90 Euro – zehn JD weniger als das monatliche Mindesteinkommen.
Derzeit werden die Bezirke der Hauptstadt über ein Rationierungssystem versorgt. Die meisten Anschlüsse bekommen einmal wöchentlich für einige Stunden Wasser. In reicheren Wohnvierteln werden allerdings verschwenderisch Gehsteig, Stiegenhaus oder Auto gewaschen.

„Das Wasser kommt von Sonntag in der Nacht bis Montag am Morgen“, erzählt die 25-jährige Lina Ejeilat. Für den Verbrauch einer Großfamilie reicht es nicht, weshalb Linas Familie zusätzlich einen Brunnen mit 18.000 Litern hat. Das Wasser wird auch zum Kochen und Trinken verwendet. „Aber nur, weil wir einen Filter eingebaut haben“, betont die Jordanierin. Wer sich kein Filtersystem leisten kann, muss Trinkwasser in PET-Flaschen kaufen. Große internationale Unternehmen wie Nestlé, Pepsi oder Coca Cola bereiten das Wasser auf und füllen es ab.
Doch das Wasser ist nicht überall knapp im Wüstenstaat. Es gibt auch Oasen des Überflusses: Die Elite des Landes hat private Pools in den Hinterhöfen ihrer Villen. Vor der Modern American School grünt ordentlich geschnittener Rasen im Sprühregen zahlreicher Sprenkler. Wer es sich leisten kann, kommt in den Wasserpark „Amman Waves“ an der Straße zum Flughafen und kann hier für umgerechnet 13 Euro einen Tag lang im klaren, raren Nass schwimmen.
Nicht weit davon entfernt finden sich Wasserhändler wie Ali und Ahmed täglich ein, um ihre Tankwagen mit dem Wasser der Quelle namens Ziza zu füllen. Damit beliefern sie Menschen, deren Reservoire sich vor dem nächsten Wassertag erschöpft haben.

Die vier Flüsse Dan, Hasbani, Banias und Yarmuk speisen den Jordan. Jeder entspringt auf einem anderem Staatsgebiet. Abgesehen vom Libanon hat jedes dieser Länder ein Wasserproblem. Jordanien selbst ist bald um ein ganzes Meer ärmer. Schätzungen zufolge wird innerhalb der nächsten 50 Jahre das Tote Meer austrocknen. Der Wasserspiegel des einzigartigen Salzmeers am niedrigsten Punkt der Erdoberfläche sinkt jährlich etwa einen Meter. Die Regierung versucht, diese Entwicklung zu bremsen, und plant einen Verbindungskanal vom Toten zum Roten Meer. Das Gefälle soll dabei genutzt werden, um das Wasser zu entsalzen.
Große Vorhaben, die an sich schon nicht in wenigen Jahren bewältigt werden können. Hinzu kommt die konfliktive Situation im Nahen Osten. So ist auch die Wasserfrage stark politisch geprägt und reicht bis ins Jahr 1948, als der Staat Israel gegründet wurde, und weiter zurück. Seither sind Kriege um die Wasserressourcen aufgeflammt, aber auch Verträge unter schwierigen Bedingungen vereinbart worden, um ausreichend Zugang zu frischem Wasser zu gewährleisten.

„Wir haben viele Migranten aufgenommen“, erzählt Adnan Al-Zubi, Sprecher des Wasserministeriums. „Das Bevölkerungswachstum in Jordanien lag bei 2,8 Prozent und stieg in Folge der Flüchtlingsströme auf bis zu 20%.“ Vor dem Irakkrieg lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 90 Litern Wasser (zum Vergleich: in Österreich liegt er bei 150, in den USA bei 450 l). „Wir haben nun über 850.000 irakische Gäste. Infolge dessen sank der Pro-Kopf-Verbrauch auf ungefähr 70 Liter Wasser täglich, das ist weltweites Minimum“, klagt Al-Zubi. Er spricht von „Gästen“ und nicht von „Flüchtlingen“, da mit dem Status Flüchtling ein Anspruch auf Mindestrechte bestehen würde.
Mehr als zwei Drittel der in Jordanien lebenden Bevölkerung von knapp sechs Millionen sind zugezogen. „Sie arbeiten hier, haben ihre Geschäfte und Unternehmen aufgebaut und tragen zum Bruttoinlandsprodukt bei, haben aber kein Wasser mitgebracht“, erklärt Guy Honoré. Als Experte in Wasserbaufragen arbeitet er für die deutsche GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit). „Wir beraten das jordanische Wasserministerium in Sachen Effizienz“, erläutert der aus Luxemburg stammende Ingenieur.
Seinen Berechnungen zufolge bezieht Jordaniens Landwirtschaft fast 65% des gesamten Wassers. Auf der anderen Seite werden damit lediglich fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Hauptsächlich werden wasserintensive Gemüsesorten wie Tomaten und Gurken angebaut. Fred Pearce, Autor des Buches „Wenn die Flüsse versiegen“ (s. Rezension in SWM 10/07), hat diese Entwicklung auf globaler Ebene eindrucksvoll beschrieben; verschwindende Seen, versickernde Flüsse, die letzten knapp gewordenen Wasservorräte werden von der Intensivlandwirtschaft aufgebraucht.

Wasser als Diebsgut: Ein Großteil des raren Wassers geht durch Lecks im veralteten Wasserleitungsnetz verloren. Laut Honoré beläuft sich der Anteil der Wasserverluste in einigen Gegenden auf 40%, Wasserdiebstahl mit eingerechnet. Die Rechnung der staatlichen Wassergesellschaft Miyahuna – „Unser Wasser“ – flattert alle drei Monate ins Haus, im Königreich sind die Tarife stark subventioniert.
Nichtsdestotrotz reichen Geld und Wasser vielerorts nicht, Diebstahl steht an der Tagesordnung. „Wasser wird nicht wirklich gestohlen“, formuliert es ein Einheimischer, „es wird ausgeborgt.“ Hazim El-Naser, Berater der Regierung in Wasserfragen und Wasserminister zwischen 2003 und 2005, kennt das Problem: „In den meisten Gegenden kommt das vor. Es zählt zu den Aufgaben der lokalen Wasserbehörde, Leute zu bestrafen, die dabei erwischt werden. Ihnen wird die eigene Wasserleitung abgedreht und sie müssen Strafe zu zahlen. Für gewöhnlich zehn Mal mehr als der Preis des gestohlenen Wassers.“
„Das ganze Gerede um die Wasserknappheit bringt mich zum Durchdrehen“, erregt sich Lina Ejeilat. „Ich glaube, dass wir uns noch immer nicht bewusst sind, wie dringend das Problem tatsächlich ist. Die Leute machen sich um alles andere Sorgen – um das Steigen der Ölpreise, ihr Einkommen, was das tägliche Leben kostet und so weiter, doch um das Wasser nicht.“

Die jordanischen Behörden versuchen indes Wasserverschwendung mit Werbekampagnen einzuschränken. Gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen wurden ehrgeizige Kampagnen ins Leben gerufen, die das öffentliche Bewusstsein für den sorgsamen Umgang mit Wasser steigern sollen. „Wir gehen in Schulen, Kirchen, Moscheen, zur Industrie, in Hotels und Institute. Eine Spezialeinheit des Ministeriums – das Wasserverbrauchsmanagement – ist damit beauftragt“, erzählt Regierungsberater El-Naser stolz. Das klingt aktiv und optimistisch. Gleichzeitig ortet der GTZ-Fachmann Honoré wenig Problembewusstsein bei der Bevölkerung: „Ich habe den Eindruck, dass kein Umdenken stattfindet.“
Das Wasserproblem des Königreichs hat sich zur Krise entwickelt; jährlich wird mehr Wasser verbraucht als verfügbar ist, der erwartete Regen bleibt aus, die Grundwasserreserven erschöpfen sich.
„Das Wasserdefizit liegt bei mehr als 500 Millionen Kubikmetern jährlich und steigt dieses Jahr bei Trinkwasser um weitere 30%“, zitiert die englischsprachige Jordan Times Ministeriumssprecher Al-Zubi. „Wir müssen uns vor Augen halten, dass Wasser bereits ein beschränkender Faktor für die Wirtschaft und ihr Wachstum geworden ist“, betont auch El-Naser. „Wenn es so weitergeht, werden Menschen ihre Arbeit verlieren und direkt oder indirekt an Wassermangel sterben“, prophezeit der Regierungsberater und appelliert an UNESCO und UN-Organisationen, Jordanien und den anderen Ländern des Nahen Ostens zur Seite zu stehen.

Josef C. Ladenhauf studierte in Wien Publizistik, Soziologie und Ethnologie und ist als freier Journalist und Fotograf tätig. Ido Liven ist freier Journalist aus Israel. Beide nahmen kürzlich an der vom Goethe-Institut organisierten Euro Mediterranean Academy for Young Journalists in Amman teil.

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