„Ein Krankenhaus zum kränker werden“

Joseph Stiglitz war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank und erhielt 2001 den Wirtschaftsnobelpreis. Wenn er sagt, beim IWF handle es sich um „Marktfundamentalisten“, die im Interesse der Wall Street arbeiten, sollte die Welt daher aufhorchen. Der New Internationalist führte mit ihm in London das folgende Gespräch.

SÜDWIND: Sie sagen, sie mussten den Schluss ziehen, dass der IWF im Interesse des westlichen Kapitals arbeitet. Für einen ehemaligen Chefökonom der Weltbank ist das ein bemerkenswerter Standpunkt.
Joseph Stiglitz:
Ich sah mir genau an, was der IWF gemacht hatte, die Fehler, die er in Krisenländern in Ostasien, Lateinamerika, Afrika und den Reformländern begangen hatte. Diese Fehler waren so häufig, dass es sich zweifellos um keinen Zufall handelte - als Wissenschaftler sucht man nach Mustern. Es gab eine Reihe naheliegender Erklärungen. Eine war, dass es sich um inkompetente, dumme Leute handelte. Aber dieses Argument überzeugt einfach nicht - sie zahlen so ziemlich die höchsten Gehälter, sie bekommen gute Leute. Man könnte sagen, es waren schlechte ökonomische Modelle. Aber es gibt zahlreiche ökonomische Modelle, und sie wählten solche, die zu falschen Prognosen, zu einer falschen Politik führten und erhebliche negative Auswirkungen hatten. Also warum wählten sie sie?
Es bleibt einem eine mögliche Antwort, nämlich dass sie andere Ziele hatten, dass sie nicht das Ziel verfolgten, etwa die Beschäftigung so hoch wie möglich zu halten oder die Armut möglichst gering. Dann natürlich ergibt alles einen Sinn. Man fragt sich: „Wer trifft die Entscheidung, und in wessen Namen werden diese Entscheidungen getroffen?“ Man sieht sich die Entscheidungsstruktur an - im IWF sind die USA das einzige Land mit einem Vetorecht. Sie betrachteten die Welt aus einer bestimmten Perspektive, mit einer bestimmten Ideologie, die ihren Interessen entsprach. Und ihr Interesse war, dass die Gläubiger ihr Geld erhielten. Das hatte Vorrang gegenüber dem, was gut für das Land gewesen wäre.

Sie sind so weit gegangen, vom „Marktfundamentalismus“ des IWF zu sprechen.
Einer der Gründe, warum ich so sensibel auf einige dieser Kontroversen reagierte, war meine vorhergehende Funktion als Vorsitzender des Council of Economic Advisors von Präsident Clinton. In dieser Regierung hatten wir versucht, einen „Dritten Weg“ zu finden, ein Gleichgewicht zwischen der Rolle des Markts und der Rolle der Regierung. Rechte US-Ökonomen, Vertreter des freien Markts, meinten: „Wir wollen die Sozialversicherung privatisieren.“ Wir sahen uns die Zahlen an und stellten fest, dass die Transaktionskosten in einem öffentlichen Sozialversicherungssystem weit niedriger waren als in einem privaten. Und der Privatsektor bietet keine Versicherung gegen Inflation, er schützt Menschen nicht vor dem Auf und Ab der Aktienmärkte. Es gibt stichhaltige Argumente, zumindest ein im Kern öffentliches Sozialversicherungssystem aufrechtzuerhalten. Wir waren nicht gegen ein ergänzendes privates, aber wir glaubten, wir würden ein gemischtes System brauchen.
Ich kam zur Weltbank und stellte fest, dass unsere Schwesterinstitution, der IWF, Länder auf der ganzen Welt unter Druck setzte, ihre Sozialversicherungssysteme zu privatisieren. Die Umstellung von einem öffentlichen auf ein privates System ist sehr schwierig, und die budgetären Belastungen sind enorm. Der IWF ignorierte sie, und das war eines der Hauptprobleme in Argentinien und Bolivien.
Entwicklungsländern wurde gesagt: „Es gibt keine Diskussionen; es gibt keinen anderen Weg.“ Das war intellektuell unehrlich, und für viele ihrer Forderungen gab es keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Etwa für die Kapitalmarktliberalisierung, die Quelle der Instabilität in Ostasien. Ich sagte vor dem Treffen in Hongkong, wo sie das durchsetzten: „Solltet ihr nicht Beweise dafür haben, dass das gut für das Wirtschaftswachstum ist? Okay, es ist gut für die Wall Street, aber eure Aufgabe besteht nicht darin, Profite für die Wall Street zu erzielen; sie sollte darin bestehen, die weltweite Stabilität zu erhöhen und das Wachstum in Entwicklungsländern zu fördern. Wo sind die Beweise?“ Es gab keine.

Waren sie überhaupt nicht beunruhigt, diese Argumente aus der Weltbank zu hören? Was war ihre Antwort?
Im Grunde sagten sie: „Das tun wir immer so, das ist das Richtige.“ Keine Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen, keine Forschung. Was mich ziemlich ärgerte, oder vielleicht besser gesagt traurig machte, war, dass diese Institutionen ja demokratisch sein sollten, oder zumindest öffentliche Institutionen, deren bestimmende Mitglieder Demokratien sind. Das Wesen der Demokratie ist ja nicht, dass es alle vier Jahre eine Wahl gibt, sondern dass man debattieren kann, diskutieren, man arbeitet nicht einfach hinter verschlossenen Türen.
Womit wir uns auch auseinandersetzen müssen, ist dass der IWF immer wieder argumentiert: „Es sind die Kranken, die zu uns kommen.“ Mein Vater scherzte immer wieder, er wolle nicht ins Krankenhaus, weil die Menschen dort sterben würden. Der IWF argumentiert ähnlich. Er sagt: „Macht uns nicht für die ganzen Probleme verantwortlich, denn sie kommen zu uns, wenn sie ihr Budgetdefizit nicht unter Kontrolle kriegen, wenn sie eine galoppierende Inflation haben, wenn sie eine Krise haben. Das sind Schwerkranke.“
Aber in ihrem Krankenhaus werden die Leute noch kränker. Wir haben es in Ostasien, Lateinamerika, Russland und Afrika gesehen, wie sie alles noch schlimmer gemacht haben. Keine Frage. In Ostasien hatte Malaysia, das keine IWF-Beratung beanspruchte, die kürzeste und schwächste Rezession und die geringste Schuldenlast. Das Land, das den IWF am besten irgendwie in Schach halten konnte, Südkorea, erholte sich am raschesten. Den Ländern, die die Medizin schluckten - Thailand und Indonesien - ging es am schlechtesten.

Die meisten Menschen in den reichen Ländern haben keine Ahnung von der Macht des IWF ...
Erst als ich Chefökonom der Weltbank wurde und einen großen Teil meiner Zeit in Entwicklungsländern verbringen musste, begann ich wirklich zu sehen, was los war. Das war ein echter Weckruf für mich. Ich hatte darüber gelesen, aber die emotionale Wirkung stellte sich erst ein, als ich in Äthiopien mit eigenen Augen sah, wie schlimm es tatsächlich stand.
In der Problemdefinition des IWF tauchen stets nur korrupte Regierungen, hohe Inflation und so weiter auf - sie schieben die Schuld dem Land zu. Aber Äthiopien war ein Land, in dem es keine Inflation gab, rasches Wachstum, eine Regierung, die fest entschlossen war, den 85 Prozent der Bevölkerung auf dem Land zu helfen und die Militärausgaben zu senken - wirklich sehr beeindruckend. Und der IWF strich ihr Programm grundlos zusammen. Die Position des IWF zum Budget war völlig unvernünftig.

Sie beschreiben die Weltbank als weit komplexer und facettenreicher als den IWF. Aber die Weltbank besteht weiterhin darauf, dass Länder die IWF-Rezepte befolgen, bevor sie einen Kredit in Aussicht stellt.
Es gibt etwas, was ich als Demarche bezeichne, eine Vereinbarung, wonach der IWF für die makroökonomische Politik zuständig ist, und das ist oft die Ursache des Problems. Daher verweisen sie auf den IWF, und der für diesen Bereich zuständige Teil der Weltbank denkt am Ende oft ziemlich ähnlich wie der IWF.

Ist das nicht ein bisschen eine Good Cop, Bad Cop-Taktik? Die Weltbank, auf ihr Image bedacht, macht Gesten, die der IWF nicht nötig hat. Aber ist ihre Wirkung auf Entwicklungsländer nicht die selbe, wenn man sie als Einheit betrachtet?
In manchen Ländern stimmt das. Aber im Fall Äthiopiens haben wir unsere Kredite verdreifacht, während der IWF seine Mittel kürzte. Aber das war ein ungewöhnlicher Fall. Meiner Ansicht nach ist der Würgegriff des IWF im Finanzierungsbereich falsch, und er beeinflusst nicht nur die Kreditvergabe der Weltbank. Europäische Kredite hängen auch von einer IWF-Genehmigung ab - deshalb haben sie so viel Macht.
Aber in anderen Aspekten unterscheidet sich die Weltbank vom IWF. Die Hälfte der Weltbankmitarbeiter lebt in Entwicklungsländern. Dadurch haben sie ein ganz anderes Gefühl für die Situation als Leute, die für einen Tag per Flugzeug anreisen. Auch die Art, wie Entscheidungsprozesse in der Weltbank ablaufen, ist anders - da sind nicht nur die Zentralbanken und Finanzministerien involviert, sondern auch die für die Entwicklungszusammenarbeit zuständigen Ministerien, die stets zu den eher links stehenden Teilen der Regierung gehören. Und da die Weltbank ja auch in den Bereichen Umwelt, Gesundheit und Bildung aktiv ist, arbeitet sie mit der gesamten lokalen Verwaltung zusammen, nicht nur mit dem Finanzminister. Dadurch entwickelt man ein eine völlig andere Sichtweise auf die Gesellschaft als jemand, der sich nur die BIP-Zahlen und die Geldmengenentwicklung ansieht.

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Joseph Stiglitz hat seine Argumente gegen den IWF in seinem Buch „Die Schatten der Globalisierung“ (Siedler Verlag 2002) ausführlich dargestellt. Sein neuestes Buch über die US-Wirtschaft ist 2004 auf Deutsch im selben Verlag unter dem Titel „Die Roaring Nineties - Der entzauberte Boom“ erschienen. Unter www.newint.org befindet sich eine längere Fassung dieses Interviews (englisch).

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